Joachim Löw: "So will ich es haben"
Zum Start der Europameisterschaft: Bundestrainer Joachim Löw über Autoritäten, gute Erziehung und seine Abneigung gegen Facebook und Twitter
© Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Bundestrainer Joachim Löw
ZEITmagazin: Herr Löw, wegen des Champions-League-Finales der Bayern haben Sie Ihr komplettes Team vor dem ersten EM-Spiel gerade mal zehn Tage beieinander. Reicht das, um Europameister zu werden?
Joachim Löw: Das ist alles andere als ideal, und ich hätte es mir sicher anders gewünscht. Aber wir werden das Beste daraus machen und haben das Trainingsprogramm daran angepasst. Nach der schmerzlichen Niederlage des FC Bayern im Champions-League-Finale müssen wir jetzt natürlich auch im psychologischen Bereich erst einmal behutsame Aufbauarbeit leisten. Doch so bitter das war: Die Bayern-Spieler werden ihre Rolle bei uns einnehmen und die Enttäuschung verkraften. Sie haben schon oft genug schwierige Situationen gemeistert und bewiesen, dass auf sie Verlass ist.
ZEITmagazin: Ein Kompromiss schon vor dem ersten Spiel muss Ihnen als Perfektionist auf die Nerven gehen.
Löw: Damit das ganz klar ist: Ich werde die Situation niemals als Ausrede gebrauchen. Die Mannschaft ist in den vergangenen Jahren so gewachsen, dass wir auch mit dieser eingeschränkten Vorbereitung bestens in das Turnier starten werden.
52, ist seit 2006 Bundestrainer. Zuvor war er zwei Jahre lang Co-Trainer der Nationalmannschaft unter seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann. Als Spieler war er für Freiburg, Stuttgart und Frankfurt aktiv. Als Vereinstrainer arbeitete er in Istanbul, Karlsruhe und Wien. Löw ist verheiratet und lebt im Breisgau in der Nähe von Freiburg
ZEITmagazin: Nach dem dritten Platz bei der WM und vorher dem zweiten bei der letzten Europameisterschaft ist die Sehnsucht im Land nach einem Titel groß.
Löw: Nun, es ist sicher toll, einen Titel zu gewinnen. Wir wollen das auch, und unser großes Ziel ist es in der Tat, Europameister zu werden. Aber für mich als Trainer ist es wichtiger, nein: befriedigender, die Entwicklung der Mannschaft zu sehen. Als ich anfing, 2006 nach der WM, habe ich mir deshalb Fragen gestellt: Wo wollen wir 2010, 2012 stehen? Was haben wir bis jetzt gut gemacht? Wie weit sind wir sportlich in diesen zwei Jahren vorangekommen? Was stelle ich mir eigentlich für einen Fußball mit dieser Mannschaft vor? Was will ich mit dieser Mannschaft spielen? Was brauchen wir für Spieler? Was will ich?
ZEITmagazin: Wie beantworten Sie heute diese Fragen?
Löw: Wenn ich sehe, wie wir zuletzt in der EM-Qualifikation, aber auch in den Länderspielen gegen Brasilien und gegen die Niederlande gespielt haben, dann bin ich sehr zufrieden. Ich sehe: Diese Mannschaft weckt positive Emotionen. Sie strahlt Freude am Spiel aus und spielt mittlerweile einen modernen, attraktiven Fußball. Und wenn er so gut ist, ist er auch erfolgreich. Dass bei einer Europameisterschaft mit 16 mehr oder minder starken Mannschaften ein einziger Fehler genügen kann, um den Titel zu verpassen, das ist auch klar. Der Verteidiger grätscht daneben, trifft nicht den Ball, der Gegner macht ein Elfmetertor... Es war immer meine Vision, dass unsere Mannschaft einen Fußball spielen kann, der auf Dominanz angelegt ist und nicht aufs bloße Reagieren. Das garantiert den Erfolg alleine noch nicht, macht ihn aber sehr viel wahrscheinlicher.
ZEITmagazin: Was ist ein Beispiel für diese Dominanz? Die Forderung, den Ball sicher und schnell weiterzuspielen?
Löw: Möglichst sicher nicht! Möglichst schnell ja! Wir haben früher zu langsam gespielt. Unsere Spielweise war geprägt von zu wenig Bewegung und zu wenig Handlungsschnelligkeit. Vom Moment der Ballannahme bis zum Abspiel dauerte es damals durchschnittlich 2,8 Sekunden. Also haben wir uns gefragt, was zu tun ist, damit der Ball nicht mehr so oft quer oder zum Torwart zurückgespielt wird. Wir haben uns um eine andere Raumaufteilung gekümmert, um andere Bewegungsabläufe, und wir haben mehr Sprints geübt, mit und ohne Ball. Wir haben Trainingsformen geschaffen, die das Spiel gezwungenermaßen schneller werden ließen.
ZEITmagazin: Wie viele Sekunden sind es heute?
Löw: Bei guten Spielen liegen wir jetzt bei Zeiten von einer Sekunde, 0,9 Sekunden haben wir übrigens auch schon gemessen. Hängt natürlich immer auch vom Gegner ab. Wenn Kasachstan mit zehn Mann im Strafraum steht, brauchen wir schon etwas länger.
ZEITmagazin: Es heißt, Sie seien ein Großmeister der Motivation. Wie erreicht man 20-jährige Millionäre?
Löw: Egal, ob jung oder alt oder was sie verdienen: Wenn ich jemanden wie Gomez oder Neuer motivieren müsste, würde ich etwas falsch machen. Ich versuche bei den Spielern durch intensive Kommunikation zu erreichen, dass ihre eigene Motivation steigt. Mit ihnen zusammen formuliere ich Ziele, erkläre ihnen: Das sind deine Stärken, die musst du effektiv einbringen; das sind die Schwächen, hier musst du mehr tun. Nein, ich wende keine Motivationstricks an, um eine Mannschaft in besonderer Weise zu begeistern. Wir haben es geschafft, den Spielern die Überzeugung zu vermitteln, dass das, was wir ihnen vorgeben, gut für sie ist. Sie sehen, dass sie sich bei uns weiterentwickeln. Das schafft Vertrauen.
ZEITmagazin: Gab es am Anfang Widerstände?
Löw: Wenn man etwas verändert, von alten Pfaden abweicht, wird das zunächst oft skeptisch betrachtet, und es regt sich auch manchmal Widerstand. Bei uns herrschte jedoch von Anfang an viel Offenheit, ja Neugierde bei den Spielern für die Innovationen. Sie wollten eben erklärt haben, warum wir was wie machen – und das haben wir von Anfang an immer getan.






ein interessantes interview.
aber das kollegiale dem spieler gegenüber wird dann doch schnell von sie/du bzw. so will ich das - so wirds gemacht überschattet.
aber klar, einer muss das sagen haben - und eigentlich sollte man mit einem profi gar nicht diskutieren müssen, sonder der sollte von sich aus sein bestes geben wollen.
ich denke die jungen spieler haben da hohe ansprüche an sich und sind auch eifrig, da ja die konkurenz doch sehr groß ist.
was schön heraus kommt, ist dass die alte generation a la beckenbauer und konsorten nicht annähernd die qualität der heutigen spieler hatte, das hat er nett verpackt der löw - aber man konnte es gut heraushören!
drum ist es immer wieder lustig, wenn die alten im fernsehen ihre "fach" meinung abgeben und oft gar nicht erkennen, dass sie mit dieser neuen generation in keiner weise mithalten können bzw. sie auch gar nicht mit ihren alten wertemassstab beurteilen können.
....... würde ich mir an Ihrer Stelle noch mal durch den Kopf gehen lassen. Wenn Sie die gleiche Generation wie ich entstammen, würde ich mich wundern, über solch eine Aussage. Sollten Sie jüngeres Kaliber sein, empfehle ich ein paar Videos sich anzuschauen. Dabei sollten auch noch andere Spieler der gleichen Generation zur Beobachtung herangezogen werden. Das war sehr leicht dahin gesagt. Netzer, Overath und viele mehr, einfach so herab zu setzen ist auch ein Kunststück, was nicht jeder fertig bringt.
....... würde ich mir an Ihrer Stelle noch mal durch den Kopf gehen lassen. Wenn Sie die gleiche Generation wie ich entstammen, würde ich mich wundern, über solch eine Aussage. Sollten Sie jüngeres Kaliber sein, empfehle ich ein paar Videos sich anzuschauen. Dabei sollten auch noch andere Spieler der gleichen Generation zur Beobachtung herangezogen werden. Das war sehr leicht dahin gesagt. Netzer, Overath und viele mehr, einfach so herab zu setzen ist auch ein Kunststück, was nicht jeder fertig bringt.
Was Löw da von sich gibt, lässt auf eine hohe Führungskompetenz schließen. Respekt! Zumal er es schafft, seine PS (qua Mannschaft) auch auf den Rasen zu bringen. Die in der Tat beeindruckende Entwicklung der Nationalmannschaft (die allerdings auch auf einem guten, vom DFB und den Vereinen gestalteten Fundament aufbaut) bestätigt dies. Und auch das stimmt: Man kann Titel nicht erzwingen. Aber deren Wahrscheinlichkeit signifikant steigern. Darum geht es. Und es ist ihm, glaube ich, auch gelungen.
das Interview hätte man auch ohne Löw machen können. Nichts Überraschendes.
Sehr schoenes Interview!
Jetzt bleibt nur abzuwarten wie lange es dauert bis der erste Kommentator auftaucht, der Loew fuer inkompetent haelt, weil er noch keinen Titel gewonnen hat -___-
Der Joachim Löw ist einfach ein top Trainer. Seine Fähigkeit ist Visionen zu erschaffen und diese wahr werden zu lassen. In der Umsetzung arbeitet er unglaublich analytisch, jeder noch so kleine Schritt wird geplant. In dem System Löw gibt es nur wenige Zufälle. Entscheidungen, die er nicht auf Basis von fundiertem Datenmaterial treffen kann, trifft er auf Basis sehr solider Menschenkenntnisse.
Ich finde auf sehr beachtlich, dass er kein Schatz- und Trophäensammler ist. Ihm ist die Entwicklung als ganzes wichtiger als der einzelne Titel. Wir erkennen hier übrigens auch, dass der Posten des Nationaltrainers keine Durchfahrtsstraße ist. Die Vereinsmentalität des austauschbaren Trainers ist hier eindeutig fehl am Platz.
Sie hätten Löw noch zwei Fragen mehr stellen sollen. Nämlich erstens: Wie verbessert er sich selber? und zweitens: Woher und wie hat er das eigentlich selber gelernt?
Zum Schluss noch einmal mein Glückwunsch, dass ist ein wirklich gutes Interview.
Wie viele internationale Titel hat Uwe Seeler gewonnen?
Für mich geht es um das 'schöne Spiel'. Und davon hat die Nationalmannschaft in den letzten Jahren einige abgeliefert. Die Kicks gegen Argentinien, Brasilien und Holland waren unglaublicher Fussball.
Schau'n wir mal, ob bei diesem Turnier auch das Glück dazu kommt.
und beste Mannschaft die Deutschland bisher hatte.
ein guter trainer zu sein hat "weniger" mit fussballerischen Kenntnissen zu tun, sondern viel mehr mit intelligenz und vorallem sozialler kompetenz. man kann nicht lernen ein guter trainer zu sein. entweder man ist es, oder man ist es nicht. siehe morinhio, klopp, löw usw.
...ist der Knaller!!!
1.Integrations-Vorbild par excellence.
2.Hier zeigt sich ganz deutlich, was die deutschen Vereine an Nachwuchsarbeit geleistet haben (Götze, Hummels, Özil, etc.)
3.Wenn Real Madrid schon erwägt Kaka zu verkaufen, weil er auf der Position gegen Özil keine Chance hat, dann ist das wohl schon das selbsterklärend.
4.Löw und sein Trainerstab haben die letzten Jahre fantastische Arbeit geleistet
Fazit: Mit der Truppe, brauchen wir uns bei der EM vor NIEMANDEM zu verstecken!!! Qualitätskader erster Güteklasse! :)
Aber einziger Kritikpunkt für mich ist, dass Löw manchmal zu sehr einigen Spielern einen gewissen Status Quo freihält. Beispiel: Mertesacker, völlig desoltae Leistung (bei Bremen damals schon), aber trotzdem sehr häuifg gesetzt.
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