Bundestrainer Joachim Löw © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

ZEITmagazin: Herr Löw , wegen des Champions-League-Finales der Bayern haben Sie Ihr komplettes Team vor dem ersten EM-Spiel gerade mal zehn Tage beieinander. Reicht das, um Europameister zu werden?

Joachim Löw: Das ist alles andere als ideal, und ich hätte es mir sicher anders gewünscht. Aber wir werden das Beste daraus machen und haben das Trainingsprogramm daran angepasst. Nach der schmerzlichen Niederlage des FC Bayern im Champions-League-Finale müssen wir jetzt natürlich auch im psychologischen Bereich erst einmal behutsame Aufbauarbeit leisten. Doch so bitter das war: Die Bayern-Spieler werden ihre Rolle bei uns einnehmen und die Enttäuschung verkraften. Sie haben schon oft genug schwierige Situationen gemeistert und bewiesen, dass auf sie Verlass ist.

ZEITmagazin: Ein Kompromiss schon vor dem ersten Spiel muss Ihnen als Perfektionist auf die Nerven gehen.

Löw: Damit das ganz klar ist: Ich werde die Situation niemals als Ausrede gebrauchen. Die Mannschaft ist in den vergangenen Jahren so gewachsen, dass wir auch mit dieser eingeschränkten Vorbereitung bestens in das Turnier starten werden.

ZEITmagazin: Nach dem dritten Platz bei der WM und vorher dem zweiten bei der letzten Europameisterschaft ist die Sehnsucht im Land nach einem Titel groß.

Löw: Nun, es ist sicher toll, einen Titel zu gewinnen. Wir wollen das auch, und unser großes Ziel ist es in der Tat, Europameister zu werden. Aber für mich als Trainer ist es wichtiger, nein: befriedigender, die Entwicklung der Mannschaft zu sehen. Als ich anfing, 2006 nach der WM, habe ich mir deshalb Fragen gestellt: Wo wollen wir 2010, 2012 stehen? Was haben wir bis jetzt gut gemacht? Wie weit sind wir sportlich in diesen zwei Jahren vorangekommen? Was stelle ich mir eigentlich für einen Fußball mit dieser Mannschaft vor? Was will ich mit dieser Mannschaft spielen? Was brauchen wir für Spieler? Was will ich?

ZEITmagazin: Wie beantworten Sie heute diese Fragen? 

Löw: Wenn ich sehe, wie wir zuletzt in der EM-Qualifikation , aber auch in den Länderspielen gegen Brasilien und gegen die Niederlande gespielt haben, dann bin ich sehr zufrieden. Ich sehe: Diese Mannschaft weckt positive Emotionen. Sie strahlt Freude am Spiel aus und spielt mittlerweile einen modernen, attraktiven Fußball. Und wenn er so gut ist, ist er auch erfolgreich. Dass bei einer Europameisterschaft mit 16 mehr oder minder starken Mannschaften ein einziger Fehler genügen kann, um den Titel zu verpassen, das ist auch klar. Der Verteidiger grätscht daneben, trifft nicht den Ball, der Gegner macht ein Elfmetertor... Es war immer meine Vision, dass unsere Mannschaft einen Fußball spielen kann, der auf Dominanz angelegt ist und nicht aufs bloße Reagieren. Das garantiert den Erfolg alleine noch nicht, macht ihn aber sehr viel wahrscheinlicher.

ZEITmagazin: Was ist ein Beispiel für diese Dominanz? Die Forderung, den Ball sicher und schnell weiterzuspielen?

Löw: Möglichst sicher nicht! Möglichst schnell ja! Wir haben früher zu langsam gespielt. Unsere Spielweise war geprägt von zu wenig Bewegung und zu wenig Handlungsschnelligkeit. Vom Moment der Ballannahme bis zum Abspiel dauerte es damals durchschnittlich 2,8 Sekunden. Also haben wir uns gefragt, was zu tun ist, damit der Ball nicht mehr so oft quer oder zum Torwart zurückgespielt wird. Wir haben uns um eine andere Raumaufteilung gekümmert, um andere Bewegungsabläufe, und wir haben mehr Sprints geübt, mit und ohne Ball. Wir haben Trainingsformen geschaffen, die das Spiel gezwungenermaßen schneller werden ließen.

ZEITmagazin: Wie viele Sekunden sind es heute?

Löw: Bei guten Spielen liegen wir jetzt bei Zeiten von einer Sekunde, 0,9 Sekunden haben wir übrigens auch schon gemessen. Hängt natürlich immer auch vom Gegner ab. Wenn Kasachstan mit zehn Mann im Strafraum steht, brauchen wir schon etwas länger.

ZEITmagazin: Es heißt, Sie seien ein Großmeister der Motivation. Wie erreicht man 20-jährige Millionäre?

Löw: Egal, ob jung oder alt oder was sie verdienen: Wenn ich jemanden wie Gomez oder Neuer motivieren müsste, würde ich etwas falsch machen. Ich versuche bei den Spielern durch intensive Kommunikation zu erreichen, dass ihre eigene Motivation steigt. Mit ihnen zusammen formuliere ich Ziele, erkläre ihnen: Das sind deine Stärken, die musst du effektiv einbringen; das sind die Schwächen, hier musst du mehr tun. Nein, ich wende keine Motivationstricks an, um eine Mannschaft in besonderer Weise zu begeistern. Wir haben es geschafft, den Spielern die Überzeugung zu vermitteln, dass das, was wir ihnen vorgeben, gut für sie ist. Sie sehen, dass sie sich bei uns weiterentwickeln. Das schafft Vertrauen. 

ZEITmagazin: Gab es am Anfang Widerstände?

Löw: Wenn man etwas verändert, von alten Pfaden abweicht, wird das zunächst oft skeptisch betrachtet, und es regt sich auch manchmal Widerstand. Bei uns herrschte jedoch von Anfang an viel Offenheit, ja Neugierde bei den Spielern für die Innovationen. Sie wollten eben erklärt haben, warum wir was wie machen – und das haben wir von Anfang an immer getan.