ZEITmagazin: Herr Löw , wegen des Champions-League-Finales der Bayern haben Sie Ihr komplettes Team vor dem ersten EM-Spiel gerade mal zehn Tage beieinander. Reicht das, um Europameister zu werden?

Joachim Löw: Das ist alles andere als ideal, und ich hätte es mir sicher anders gewünscht. Aber wir werden das Beste daraus machen und haben das Trainingsprogramm daran angepasst. Nach der schmerzlichen Niederlage des FC Bayern im Champions-League-Finale müssen wir jetzt natürlich auch im psychologischen Bereich erst einmal behutsame Aufbauarbeit leisten. Doch so bitter das war: Die Bayern-Spieler werden ihre Rolle bei uns einnehmen und die Enttäuschung verkraften. Sie haben schon oft genug schwierige Situationen gemeistert und bewiesen, dass auf sie Verlass ist.

ZEITmagazin: Ein Kompromiss schon vor dem ersten Spiel muss Ihnen als Perfektionist auf die Nerven gehen.

Löw: Damit das ganz klar ist: Ich werde die Situation niemals als Ausrede gebrauchen. Die Mannschaft ist in den vergangenen Jahren so gewachsen, dass wir auch mit dieser eingeschränkten Vorbereitung bestens in das Turnier starten werden.

ZEITmagazin: Nach dem dritten Platz bei der WM und vorher dem zweiten bei der letzten Europameisterschaft ist die Sehnsucht im Land nach einem Titel groß.

Löw: Nun, es ist sicher toll, einen Titel zu gewinnen. Wir wollen das auch, und unser großes Ziel ist es in der Tat, Europameister zu werden. Aber für mich als Trainer ist es wichtiger, nein: befriedigender, die Entwicklung der Mannschaft zu sehen. Als ich anfing, 2006 nach der WM, habe ich mir deshalb Fragen gestellt: Wo wollen wir 2010, 2012 stehen? Was haben wir bis jetzt gut gemacht? Wie weit sind wir sportlich in diesen zwei Jahren vorangekommen? Was stelle ich mir eigentlich für einen Fußball mit dieser Mannschaft vor? Was will ich mit dieser Mannschaft spielen? Was brauchen wir für Spieler? Was will ich?

ZEITmagazin: Wie beantworten Sie heute diese Fragen? 

Löw: Wenn ich sehe, wie wir zuletzt in der EM-Qualifikation , aber auch in den Länderspielen gegen Brasilien und gegen die Niederlande gespielt haben, dann bin ich sehr zufrieden. Ich sehe: Diese Mannschaft weckt positive Emotionen. Sie strahlt Freude am Spiel aus und spielt mittlerweile einen modernen, attraktiven Fußball. Und wenn er so gut ist, ist er auch erfolgreich. Dass bei einer Europameisterschaft mit 16 mehr oder minder starken Mannschaften ein einziger Fehler genügen kann, um den Titel zu verpassen, das ist auch klar. Der Verteidiger grätscht daneben, trifft nicht den Ball, der Gegner macht ein Elfmetertor... Es war immer meine Vision, dass unsere Mannschaft einen Fußball spielen kann, der auf Dominanz angelegt ist und nicht aufs bloße Reagieren. Das garantiert den Erfolg alleine noch nicht, macht ihn aber sehr viel wahrscheinlicher.

ZEITmagazin: Was ist ein Beispiel für diese Dominanz? Die Forderung, den Ball sicher und schnell weiterzuspielen?

Löw: Möglichst sicher nicht! Möglichst schnell ja! Wir haben früher zu langsam gespielt. Unsere Spielweise war geprägt von zu wenig Bewegung und zu wenig Handlungsschnelligkeit. Vom Moment der Ballannahme bis zum Abspiel dauerte es damals durchschnittlich 2,8 Sekunden. Also haben wir uns gefragt, was zu tun ist, damit der Ball nicht mehr so oft quer oder zum Torwart zurückgespielt wird. Wir haben uns um eine andere Raumaufteilung gekümmert, um andere Bewegungsabläufe, und wir haben mehr Sprints geübt, mit und ohne Ball. Wir haben Trainingsformen geschaffen, die das Spiel gezwungenermaßen schneller werden ließen.

ZEITmagazin: Wie viele Sekunden sind es heute?

Löw: Bei guten Spielen liegen wir jetzt bei Zeiten von einer Sekunde, 0,9 Sekunden haben wir übrigens auch schon gemessen. Hängt natürlich immer auch vom Gegner ab. Wenn Kasachstan mit zehn Mann im Strafraum steht, brauchen wir schon etwas länger.

ZEITmagazin: Es heißt, Sie seien ein Großmeister der Motivation. Wie erreicht man 20-jährige Millionäre?

Löw: Egal, ob jung oder alt oder was sie verdienen: Wenn ich jemanden wie Gomez oder Neuer motivieren müsste, würde ich etwas falsch machen. Ich versuche bei den Spielern durch intensive Kommunikation zu erreichen, dass ihre eigene Motivation steigt. Mit ihnen zusammen formuliere ich Ziele, erkläre ihnen: Das sind deine Stärken, die musst du effektiv einbringen; das sind die Schwächen, hier musst du mehr tun. Nein, ich wende keine Motivationstricks an, um eine Mannschaft in besonderer Weise zu begeistern. Wir haben es geschafft, den Spielern die Überzeugung zu vermitteln, dass das, was wir ihnen vorgeben, gut für sie ist. Sie sehen, dass sie sich bei uns weiterentwickeln. Das schafft Vertrauen. 

ZEITmagazin: Gab es am Anfang Widerstände?

Löw: Wenn man etwas verändert, von alten Pfaden abweicht, wird das zunächst oft skeptisch betrachtet, und es regt sich auch manchmal Widerstand. Bei uns herrschte jedoch von Anfang an viel Offenheit, ja Neugierde bei den Spielern für die Innovationen. Sie wollten eben erklärt haben, warum wir was wie machen – und das haben wir von Anfang an immer getan.

"Der Teamgedanke schlägt im Zweifel den Individualismus"

ZEITmagazin: Was waren die einschneidendsten Veränderungen?

Löw: Neben der erwähnten, auf Dominanz ausgerichteten Spielphilosophie wohl vor allem die Art der Kommunikation, des Umgangs miteinander. Ein respektvolles, vertrauensvolles Miteinander in unserem Team ist mir sehr wichtig, Verlässlichkeit und Vertrauen sind in diesem Zusammenhang wesentliche Faktoren. Offene Kommunikation auf Augenhöhe, Kritikfähigkeit, Transparenz, Toleranz, das haben wir vorgelebt, aber es dauert eine Weile, bis so etwas von allen, den Spielern und auch den Betreuern, verinnerlicht wird. Bis alle einander vertrauen.

ZEITmagazin: Liebt ein Profi nicht die klare Ansage?

Löw: Das tut er! Aber Sie können heute nicht mehr von oben herab etwas anordnen, Sie müssen die Spieler überzeugen. Das sind selbstbewusste, intelligente, mitdenkende, selbstständige junge Männer. Da hat sich in den vergangenen Jahren sicherlich etwas verändert, nicht nur im Fußball, sondern in der gesamten Gesellschaft.

ZEITmagazin: Kommt es vor, dass Sie mit dieser eher moderierenden Form der Kommunikation missverstanden werden? 

Löw: Das kommt auch mal vor, ja.

ZEITmagazin: Was tun Sie, um das zu vermeiden?

Löw: Bevor ich mit Spielern rede, frage ich mich, auf welchem Wege ich sie am besten erreiche. Dabei berate ich mich oft mit unserem Mannschaftspsychologen Hans-Dieter Hermann . Manche Spieler brauchen eine eher emotionale Ansprache, bei anderen kommt man besser mit rationalen, klaren Anweisungen weiter.

ZEITmagazin: Was genau heißt emotionale Ansprache?

Löw: Das heißt, man muss die Spieler, die man kritisiert, vielleicht eher bei positiven Erlebnissen abholen. Man kommt über das Lob zur Kritik.

ZEITmagazin: Für welche Spieler gilt das?

Löw:Lukas Podolski ist so ein sensibler Spieler, der sehr auf emotionale Ansprache reagiert. Mario Götze auch. Oder Mesut Özil . Überhaupt reagieren die Offensivspieler eher auf emotionale Ansprache. Die Defensivspieler, die Strategen, können besser präzise Anweisungen umsetzen. Das ist eigentlich logisch, denn genau das verlange ich ja auch von ihnen im Spiel: präzise Kommandos, klare Entscheidungen. 

ZEITmagazin: Wie unterscheiden sich die Spieler der jungen Generation von den älteren?

Löw: Sie sind enorm wissbegierig. Und sie haben Wertvorstellungen und Interessen jenseits des Fußballs. Diese Wertvorstellungen stabilisieren die Spieler in ihrem Denken und Handeln und festigen sie in ihrem Charakter. Deshalb sind sie, das sieht man jetzt auch bei Mario Götze, auf Rückschläge, sei es durch Verletzungen oder einfach nur aufgrund einer Formschwäche, besser vorbereitet.

ZEITmagazin: Es heißt doch immer, die junge Generation hänge nur an der Playstation, sei ständig bei Facebook und twittere.

Löw: Das kann schon sein, aber ich muss auch feststellen, dass diese jungen Leute ein klares Gerüst an Werten haben: Zuverlässigkeit, Ehrgeiz, Kritikfähigkeit, Professionalität. Ich kann mich nur wiederholen: Sie gehen respektvoll miteinander um und sind sehr höflich und freundlich auch gegenüber Leuten, die bei uns in der zweiten oder dritten Reihe stehen. Sie können ihre Leistungen gut einordnen, sie können mit ihrer Popularität umgehen. Sie sind einerseits selbstbewusst und andererseits nachdenklich. Sie wissen, was sie wollen, und hören sich doch gern einen Rat an. Sie fragen mich beispielsweise bei einem bevorstehenden Vereinswechsel: Trainer, was raten Sie mir? Die neue Generation von Spielern ist sehr aufgeschlossen und scheint mir, alles in allem, gut erzogen, auch wenn sich das etwas altmodisch anhört.

ZEITmagazin: Kennen Sie das Elternhaus der Spieler?

Löw: Bei einigen ist das so. Wenn ich von Erziehung spreche, denke ich aber nicht nur an die Eltern, sondern an die Auswahl der Freunde, an den Umgang mit ihnen. Auch die Fußballvereine tragen mit ihrer Nachwuchsarbeit zur Erziehung bei.

ZEITmagazin: Reden Sie mit den jungen Spielern anders als mit den älteren? 

Löw: Junge Spieler wie beispielsweise Sami Khedira , Thomas Müller , Holger Badstuber , die Bender-Zwillinge oder Julian Draxler haben ihre Persönlichkeit rascher und umfangreicher entwickeln können, als das früher der Fall war. Das hat mit der ganzheitlichen Ausbildung in den Vereinen zu tun, die nicht nur im fußballerischen Bereich besser geworden ist. In den Nachwuchs-Leistungszentren der Profiklubs werden die Jugendlichen dazu angehalten, auch in der Schule gut zu sein. Das heißt, sie müssen lernen und werden, wenn sie gut sind: lernfähig. Sie stehen mit beiden Beinen auf dem Boden, sie können besser mit Niederlagen umgehen, sie lassen sich nicht so leicht aus der Bahn werfen, wenn sie einmal ein schlechtes Spiel gemacht haben. Und wenn der Trainer sie mal kritisiert, nehmen sie die Kritik auch an.

ZEITmagazin: Wie viele Egoisten verträgt ein Team?

Löw: Ich sage es mal so: Der Teamgedanke schlägt im Zweifel den Individualismus. Letztendlich ist immer wichtiger, dass das Team funktioniert. Wenn jemand außergewöhnlich gut ist, aber alle anderen in irgendeiner Form blockiert und behindert, dann ist es schwierig. Da muss man als Trainer abwägen, inwieweit man auf einen solchen Spieler baut.

ZEITmagazin: Klingt nach: im Zweifel nicht.

Löw: Ja, im Zweifel nicht!

"Nur lernfähige Spieler sind gute Spieler"

ZEITmagazin: Sind Sie besser im Zweiergespräch oder in der Gruppe?

Löw: Das kommt darauf an. Manchmal ist es sinnvoll, vor der ganzen Gruppe was zu sagen. Muss ja so sein, vor und nach dem Spiel. Da gibt es eine Ansprache oder taktische Anweisungen oder andere Themen für die Mannschaft, die müssen alle hören. Manchmal ist es aber auch besser, in einer kleinen Gruppe zu trainieren oder zu diskutieren. 

ZEITmagazin: Es wird also auch richtig diskutiert?

Löw: In einer kleinen Gruppe wird eher diskutiert als in einer großen.

ZEITmagazin: Gibt es da auch mal Widerspruch?

Löw: Widerspruch? Meinungsverschiedenheiten, sagen wir es mal so. Es gab, besonders zu Beginn unserer Tätigkeit, schon Momente, in denen es abweichende Meinungen gab, was unsere Spielphilosophie betrifft. Das ist aber ein bisschen länger her.

ZEITmagazin: Was wurde moniert?

Löw: Spieler wollten lieber so trainieren oder spielen, wie sie es aus ihrem Verein gewohnt waren.

ZEITmagazin: Wie haben Sie reagiert? 

Löw: Ich habe erklärt, warum wir das so machen, dann habe ich mir ihren Standpunkt angehört. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich gesagt habe: Ja klar, ich verstehe euch, aber wir machen es so! So machen wir es! So will ich es haben!

ZEITmagazin: Wie müssen wir uns das vorstellen, wenn Sie einen Spieler kritisieren?

Löw: Das hängt von der Situation ab. Geht es um seine Möglichkeiten und unsere Erwartungen, dann klären wir das mit dem Spieler persönlich.

ZEITmagazin: Wer ist "wir"?

Löw: Das Trainerteam. Oder ich alleine.

ZEITmagazin: Was bedeutet "klären"?

Löw: Zunächst analysieren wir seine Situation, seine Entwicklung. Wir sagen ihm, wie wir ihn sehen. Dann erläutere ich meine Erwartungen: Der Spieler erfährt ganz klar, was ich von ihm sehen will und in welchem Zeitraum, welche Anforderungen er zu erfüllen hat auf seiner Position. Und dann, ganz wichtig, fragen wir ihn, wie er seine Situation selbst einschätzt. 

ZEITmagazin: Das fragen Sie ihn?

Löw: Na klar!

ZEITmagazin: Und wie endet dann ein solches Gespräch?

Löw: Nachdem wir uns ausgetauscht haben, formulieren wir unsere Erwartungen: In den nächsten acht Wochen wollen wir, dass du dich im Training vor allem um dein Zweikampfverhalten kümmerst, es verbesserst, weniger foul spielst. Wir haben da natürlich auch immer konkrete Lösungsvorschläge. Der Spieler weiß dann, was wir besonders beobachten. Es kommt am Ende praktisch zu einer Art mündlicher Vereinbarung.

ZEITmagazin: Wo finden solche Gespräche statt?

Löw: Wir haben in den Zimmern, in denen die Trainer in den Hotels mit den Spielern sprechen, eine Art Lounge-Atmosphäre geschaffen, wo wir einfach in entspannter Atmosphäre reden oder sogar mal einen Kaffee miteinander trinken können. Das ist eine andere Atmosphäre als in einem Büro oder Sitzungszimmer, wo die Spieler das Gefühl haben, sie werden jetzt vorgeladen und müssen dem Chef gegenübersitzen. Das war eine dieser Veränderungen, die anfangs skeptisch aufgenommen wurden.

ZEITmagazin: In diesen entspannten Gesprächen kann es aber dann nicht nur um Perspektiven, sondern, vermutlich dann weniger entspannt, auch um fehlende Perspektive gehen. 

Löw: Ja, das kommt auch vor.

ZEITmagazin: Wie beginnt ein solches Gespräch?

Löw: Ich erkläre dem Spieler, was ich erwarte, was unsere Philosophie ist und warum ich nicht zufrieden bin und was ich bei ihm in Zukunft nicht mehr sehen will, weil er sonst seinen Platz im Kader verliert.

ZEITmagazin: Wie reagieren die Spieler?

Löw: So etwas ist meist der Endpunkt einer längerfristigen Kommunikation. Denn manchmal haben die Spieler in ihren Vereinen ja auch andere Aufgaben, sodass es zunächst schwierig ist, sich in der Nationalmannschaft umzugewöhnen. Sicher haben wir auch Geduld, aber entscheidend ist für mich: Wer ist in der Lage, sich möglichst rasch umzustellen? Ist ein Spieler lernfähig? Nur lernfähige Spieler sind gute Spieler.

ZEITmagazin: Wer nicht lernen will, hat keine Perspektive?

Löw: So kann man es sagen. Das klingt hart, aber auf Dauer ist es wichtig, dass jeder gewisse Lernprozesse macht, um sich und die Qualität des Teams zu steigern.

ZEITmagazin: Wie kontrollieren Sie, dass Ihre Anweisungen in den Vereinen umgesetzt werden?

Löw: Das ist manchmal schwierig, ja, denn in den Vereinen werden oft andere Prioritäten gesetzt, und ich rede meinen Trainerkollegen auch nicht in ihre alltägliche Arbeit rein. Aber es gibt grundsätzliche Dinge, da mache ich keine Kompromisse.

 "Beim Zweikampfverhalten kenne ich kein Pardon"

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Löw: Beim Zweikampfverhalten, da kenne ich kein Pardon. Wenn einer sechsmal grätscht und dreimal einen Elfmeter verursacht, dann ist mir egal, was sein Vereinstrainer von ihm will, dann ist er bei uns falsch.

ZEITmagazin: Gibt es ein Fehlverhalten von Spielern, das Sie nach wie vor maßlos aufregt? Zum Beispiel, jemand bleibt so konstant unter seinen Möglichkeiten, dass Sie ihm sagen müssen: Du hast so viele Gaben und rufst sie nicht ab!

Löw: Unter unseren Spielern ist niemand, der konstant unter seinen Möglichkeiten bleibt, sonst wäre er nicht mehr lange Nationalspieler. Ich möchte die Frage aber anders beantworten: Es muss unser Ziel sein, auch aus Spielern mit großem Potenzial alle Fähigkeiten herauszukitzeln. Und ohne dass das überheblich klingen soll: Ich habe das Gefühl, dass uns das gelingt.

ZEITmagazin: Das trauen Sie sich zu? 

Löw: Das traue ich mir in der Regel schon zu. Wenn ein Spieler mit großen Möglichkeiten immer wieder dieselben Dinge falsch macht, dann hat er vielleicht großes Potenzial, aber es fehlt an der Fähigkeit, zu lernen, sich zu konzentrieren. Daran muss konsequent gearbeitet werden.

ZEITmagazin: Wie schnell erkennen Sie, ob jemand lernfähig ist?

Löw: Ich sehe das relativ schnell, aber nicht immer auf Anhieb – vielleicht erst nach mehreren Trainingseinheiten oder nach dem ein oder anderen Spiel –, ob ein Spieler meine Anforderungen erfüllen kann.

ZEITmagazin: Bei der Gelegenheit, lassen Sie sich von den Spielern siezen oder duzen?

Löw: Manche duzen mich, aber der Großteil siezt mich.

ZEITmagazin: "Trainer, du" und "Trainer, Sie"?

Löw: Ja. 

ZEITmagazin: Wer darf Du sagen?

Löw: Lukas Podolski duzt mich.

ZEITmagazin: Ohne dass Sie ihm das angeboten haben?

Löw: Nun ja, damals als Co-Trainer unter Jürgen Klinsmann war das mit ihm irgendwie automatisch so. Explizit angeboten habe ich es niemandem. Aber damals war ich zumindest mit allen älteren Spielern wie Lehmann, Ballack oder Frings per Du. Bei den jüngeren lief es – mit Ausnahme von Lukas Podolski – per Sie. Etwa bei Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger oder Per Mertesacker. Und sie siezen mich auch heute noch – ebenso wie die jüngeren Spieler, die ab 2006 kamen.

ZEITmagazin: Und Sie siezen natürlich auch, oder?

Löw: Nein, nein. Ich duze.

ZEITmagazin: Sie duzen alle? 

Löw: Ja.

ZEITmagazin: Das ist sozusagen das Miniprivileg des Chefs.

Löw: Weiß ich nicht. Ich duze die Spieler.

ZEITmagazin: Die jungen Spieler haben meistens Facebook-Profile und Twitter-Accounts, durch die sie mit der Welt da draußen kommunizieren. Sagt Ihnen das was?

Löw: Natürlich, aber das ist nicht meine Welt der Kommunikation, und deshalb bin ich damit noch nie in Berührung gekommen.

ZEITmagazin: Würde es sich nicht lohnen, um die Spieler zu verstehen, sich das mal anzuschauen?

Löw: Nein. Ich respektiere, dass die Spieler das nutzen. Meine Art, zu kommunizieren, ist das aber nicht. Ich halte diese Form des Austausches eher für gefährlich. 

ZEITmagazin: Weshalb?

Löw: Es ist für mich ganz und gar unverständlich, wie Menschen ihr Privatleben, bis hin zu wirklich vertraulichen, ja intimen Dingen, so wahllos mit Tausenden oder gar Millionen Menschen teilen. Aber, wie gesagt, das ist deren Sache. Ich selbst habe gerade gehört, dass mein Anwalt wieder Seiten sperren lassen musste, die jemand unter meinem Namen betrieben hat. Dass jemand unter falschem Namen so was machen kann, ist schon bezeichnend für das ganze System.

ZEITmagazin: Wie erreichen Sie die Spieler, wenn Sie ihnen etwas mitzuteilen haben?

Löw: Ich schreibe eine SMS. In der Regel reagieren sie dann sehr schnell. Wichtiges wird ausschließlich mündlich, meistens am Telefon besprochen.

ZEITmagazin: Fürchten Sie, dass Spieler während der EM auch über Privates aus der Mannschaft twittern?

Löw: Nein, das fürchte ich nicht, denn wir haben klare Regeln aufgestellt. Die unterscheiden sich im Kern nicht von den Vorgaben, die es bisher auch gab: Die Kabine, der Inhalt der Teambesprechungen, Taktik, Verletzungen und so weiter sind tabu. Ebenso die Privatsphäre von Mitspielern und Betreuern.

ZEITmagazin: Und wer kontrolliert das? 

Löw: Wenn dagegen verstoßen wird, werde ich das schon erfahren. Dafür brauche ich nicht auf allen Kanälen mitzusurfen.