GesellschaftskritikÜber Verkleidung

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat kurz nach dem Börsengang geheiratet, und zwar im Anzug. Das ist genauso Verkleidung wie seine Schlabberpullis.

Priscilla Chan und Mark Zuckerberg

Priscilla Chan und Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg, der bekannt schüchterne Facebook-Gründer, hat einen Tag nach dem spektakulären Börsengang seiner Firma geheiratet, und zwar in Anzug und Krawatte, was sogleich als Sensation gewertet wurde. Aber warum? Hatten die Leute gedacht, er werde in Sweatshirt oder Kapuzenpulli, die er gewohnheitsmäßig trägt, auch vor den Standesbeamten treten?

Es ist verblüffend, in welchem Maße die Kleiderfrage bei einem Mann dramatisiert wird, der nun einmal trotz seines Milliardenvermögens noch nicht so ganz aus seinen studentischen Gewohnheiten herausgewachsen ist. Als er den Börsengang seiner Firma vorbereitete und das Geschäftsmodell von Facebook potenziellen Investoren präsentierte, war das Geschrei ebenfalls groß, aber aus dem umgekehrten Grunde, dass er noch in seinem angestammten Schlabberlook erschien. Die Herren Investoren fühlten sich gekränkt, weil er ihnen nicht bürgerlich genug entgegentrat – als gäbe es in dem enthemmten Finanzkapitalismus unserer Gegenwart noch so etwas wie bürgerliche Standards. Aber was können Anzug und Krawatte überhaupt beweisen in einer Welt, in der sie weder für Herkunft noch für Erziehung, noch gar für Bildung bürgen, von moralischen Werten ganz zu schweigen?

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Selbst der eleganteste Dreiteiler ist nur noch die Berufskleidung von Hochstaplern. Den Spekulanten dient er dazu, die Herkunft ihres Geldes zu verschleiern, den Aufsteigern, ihren Ursprung vergessen zu machen, und den letzten Bürgerlichen, ihre tatsächliche Mittellosigkeit zu verbergen. Es ist der Preis der demokratischen Gesellschaft, dass alle sich nur mehr verkleiden – nichts ist, was es scheint, und selbst unter den studentischen Klamotten Mark Zuckerbergs verbarg sich schon lange ein Milliardär. Immerhin kann dort, wo alle Kleidung lügt, von Täuschung nicht die Rede sein, nicht einmal von Inszenierung.

Gesellschaftskritik
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Deswegen ist es auch völlig wurscht, in welchem Habit Zuckerberg heiratet; das weiße Kleid seiner Angetrauten soll ja auch nicht mehr auf Jungfräulichkeit verweisen – genauso wenig wie bei Hannelore Kraft, die mit ihren 51 Jahren demnächst in Weiß zur Trauung schreiten will. Anders als der Herrenanzug ist das Brautkleid hier jedoch keine Hoch-, sondern Tiefstapelei. Es soll eine Unschuld suggerieren, die in Wahrheit längst einer robusten Einsicht in die Verkommenheit aller Verhältnisse gewichen ist, vor der die Frau nicht mehr errötet. Sie setzt sich erfolgreich durch.

 
Leserkommentare
    • essilu
    • 01.06.2012 um 9:04 Uhr

    ...für Ihre Gesellschaftskritik.
    Unabhängig von "facebook" etc. - ...vermisse ich so oft das, was man Stil bzw. Taktgefühl nennt.

    Eine Leserempfehlung
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    Na, wenn solches Räsonieren über die schicken Hüllen schon Gesellschaftskritik ist ....

    Na, wenn solches Räsonieren über die schicken Hüllen schon Gesellschaftskritik ist ....

    • ztc77
    • 05.06.2012 um 20:32 Uhr

    Soll denn das weiße Brautkleid heute immer noch "eine Unschuld suggerieren", oder ist diese Interpretation des Artikelschreibers nur noch ein Relikt aus einer Zeit, in der dem Mann jede Art von Erfahrung zugestanden wurde, der Frau aber alles zugemutet wurde, was zwischen einem schlechten Gewissen und einer öffentlichen Schmähung lag?

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    Dann könnten Frauen auch in Rot, Rosa, Grün oder Schwarz heiraten. Ball- oder Abendkleider in diesen Farben zu kaufen oder noch eher herzustellen, wäre kein Problem. Gesucht und gekauft werden aber weiße Kleider, die ein Symbol sind wie es nicht klarer sein kann.

    Allerdings kann man in nahezu allen Fällen davon ausgehen, dass das Kleid lügt.

    Übrigens sind weiße Kleider noch gar nicht so alt als Hochzeitskleider in allen Schichten der Gesellschaft und die Karriere des Weiß ist ebenfalls eine interessante, mit der man sich gern mal beschäftigen kann.

    Dann könnten Frauen auch in Rot, Rosa, Grün oder Schwarz heiraten. Ball- oder Abendkleider in diesen Farben zu kaufen oder noch eher herzustellen, wäre kein Problem. Gesucht und gekauft werden aber weiße Kleider, die ein Symbol sind wie es nicht klarer sein kann.

    Allerdings kann man in nahezu allen Fällen davon ausgehen, dass das Kleid lügt.

    Übrigens sind weiße Kleider noch gar nicht so alt als Hochzeitskleider in allen Schichten der Gesellschaft und die Karriere des Weiß ist ebenfalls eine interessante, mit der man sich gern mal beschäftigen kann.

  1. Dann könnten Frauen auch in Rot, Rosa, Grün oder Schwarz heiraten. Ball- oder Abendkleider in diesen Farben zu kaufen oder noch eher herzustellen, wäre kein Problem. Gesucht und gekauft werden aber weiße Kleider, die ein Symbol sind wie es nicht klarer sein kann.

    Allerdings kann man in nahezu allen Fällen davon ausgehen, dass das Kleid lügt.

    Übrigens sind weiße Kleider noch gar nicht so alt als Hochzeitskleider in allen Schichten der Gesellschaft und die Karriere des Weiß ist ebenfalls eine interessante, mit der man sich gern mal beschäftigen kann.

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    Ich glaube nicht, dass die Reinheits-Symbolik in der Praxis der ausschlaggebende Grund dafür ist, dass auch heute noch fast alle Frauen in Weiss heiraten.

    Das Bild von der wunderschönen Braut im wunderschönen weissen "Huhu hallo hier stehe ich im Mittelpunkt"-Kleid neben einem unscheinbaren Bräutigam im uniformen dunklen Anzug wird uns einfach seit Kindstagen so in's Hirn gebrannt, dass die meisten Leute glaube ich einfach gar nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, an diesem ihrer Meinung nach durchaus schönen Ritual etwas zu ändern.
    Zumal die Auswahl auch einfach viel grösser ist.

    Wer ganz bewusst eine andere Farbe will, der will meiner Meinung nach meistens einfach als unangepasst/rebellisch erscheinen ("ich bin nicht wie andere Frauen, ich bin ja soooo individuell!")

    Ich glaube nicht, dass die Reinheits-Symbolik in der Praxis der ausschlaggebende Grund dafür ist, dass auch heute noch fast alle Frauen in Weiss heiraten.

    Das Bild von der wunderschönen Braut im wunderschönen weissen "Huhu hallo hier stehe ich im Mittelpunkt"-Kleid neben einem unscheinbaren Bräutigam im uniformen dunklen Anzug wird uns einfach seit Kindstagen so in's Hirn gebrannt, dass die meisten Leute glaube ich einfach gar nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, an diesem ihrer Meinung nach durchaus schönen Ritual etwas zu ändern.
    Zumal die Auswahl auch einfach viel grösser ist.

    Wer ganz bewusst eine andere Farbe will, der will meiner Meinung nach meistens einfach als unangepasst/rebellisch erscheinen ("ich bin nicht wie andere Frauen, ich bin ja soooo individuell!")

  2. .......oder nicht ist nicht so wichtig, wichtiger erscheint mir, ob seine ihm Angetraute bei der Scheidung ihm außer den Anzug nicht auch noch das Hemd auszieht.......

  3. Ich glaube nicht, dass die Reinheits-Symbolik in der Praxis der ausschlaggebende Grund dafür ist, dass auch heute noch fast alle Frauen in Weiss heiraten.

    Das Bild von der wunderschönen Braut im wunderschönen weissen "Huhu hallo hier stehe ich im Mittelpunkt"-Kleid neben einem unscheinbaren Bräutigam im uniformen dunklen Anzug wird uns einfach seit Kindstagen so in's Hirn gebrannt, dass die meisten Leute glaube ich einfach gar nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, an diesem ihrer Meinung nach durchaus schönen Ritual etwas zu ändern.
    Zumal die Auswahl auch einfach viel grösser ist.

    Wer ganz bewusst eine andere Farbe will, der will meiner Meinung nach meistens einfach als unangepasst/rebellisch erscheinen ("ich bin nicht wie andere Frauen, ich bin ja soooo individuell!")

    4 Leserempfehlungen
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    wäre ein heftiges Knallrot, was es von Valentino gern mal als große Robe gab, die sichere Nummer. Die meisten Brautkleider, die ich bisher im Alltag sah, erinnerten an Sahnebaiser, nicht aber an wunderschöne Frau in tollem Kleid.

    Und man sollte sich nicht vertun, Brautkleider unterliegen sehr wohl modischen Strömungen, sodass man in den meisten Fällen von wann ein Brautkleid der letzten 50 Jahre war.

    Und das einzige, was immer gleich blieb, wenn sich ansonsten auch das meiste änderte, war das Weiß, was bis dahin eher selten war.

    Unpassend wohl eher nicht, es sei denn, die Erwartungen des Umfeldes gehen in Richtung weiß und auch da sollte man sich fragen, was der Grund ist, denn um Mode geht es dabei wohl kaum. Eher um tiefer gehende Erwartungen.

    Rebellisch? Das ist wohl etwas viel des Guten, denn Rebellion ist etwas sehr viel anderes als in einem farbigen Kleid eine Hochzeit zu feiern. Ich habe einige mittlerweile in anderen Farben gesehen und selbst in Schwarz geheiratet - Kopie eines Filmkleides aus den 40ern - wobei das niemand für rebellisch hielt.

    Witzige Idee, wenn man "ich bin nicht wie andere Frauen, ich bin ja soooo individuell!" bereits für einen Makel hält, denn Individualität haben wir im Königreich der Mediokren doch schon ausreichend.

    • em-y
    • 06.06.2012 um 11:01 Uhr

    geheiratet, weil ich nicht einsehen will, dass ich mir extra ein Kleid zulegen, womöglich noch mehrere tausend dafür ausgeben soll, fuer etwas, das ich nie wieder anziehen werde. Plus - generell finde ich Hochzeitkleider nicht so prickelnd, eher kitschig und albern, kaum eine Frau sieht in einem gut aus. Und weiß... naja... ein bisschen langweilig.

    wäre ein heftiges Knallrot, was es von Valentino gern mal als große Robe gab, die sichere Nummer. Die meisten Brautkleider, die ich bisher im Alltag sah, erinnerten an Sahnebaiser, nicht aber an wunderschöne Frau in tollem Kleid.

    Und man sollte sich nicht vertun, Brautkleider unterliegen sehr wohl modischen Strömungen, sodass man in den meisten Fällen von wann ein Brautkleid der letzten 50 Jahre war.

    Und das einzige, was immer gleich blieb, wenn sich ansonsten auch das meiste änderte, war das Weiß, was bis dahin eher selten war.

    Unpassend wohl eher nicht, es sei denn, die Erwartungen des Umfeldes gehen in Richtung weiß und auch da sollte man sich fragen, was der Grund ist, denn um Mode geht es dabei wohl kaum. Eher um tiefer gehende Erwartungen.

    Rebellisch? Das ist wohl etwas viel des Guten, denn Rebellion ist etwas sehr viel anderes als in einem farbigen Kleid eine Hochzeit zu feiern. Ich habe einige mittlerweile in anderen Farben gesehen und selbst in Schwarz geheiratet - Kopie eines Filmkleides aus den 40ern - wobei das niemand für rebellisch hielt.

    Witzige Idee, wenn man "ich bin nicht wie andere Frauen, ich bin ja soooo individuell!" bereits für einen Makel hält, denn Individualität haben wir im Königreich der Mediokren doch schon ausreichend.

    • em-y
    • 06.06.2012 um 11:01 Uhr

    geheiratet, weil ich nicht einsehen will, dass ich mir extra ein Kleid zulegen, womöglich noch mehrere tausend dafür ausgeben soll, fuer etwas, das ich nie wieder anziehen werde. Plus - generell finde ich Hochzeitkleider nicht so prickelnd, eher kitschig und albern, kaum eine Frau sieht in einem gut aus. Und weiß... naja... ein bisschen langweilig.

  4. wäre ein heftiges Knallrot, was es von Valentino gern mal als große Robe gab, die sichere Nummer. Die meisten Brautkleider, die ich bisher im Alltag sah, erinnerten an Sahnebaiser, nicht aber an wunderschöne Frau in tollem Kleid.

    Und man sollte sich nicht vertun, Brautkleider unterliegen sehr wohl modischen Strömungen, sodass man in den meisten Fällen von wann ein Brautkleid der letzten 50 Jahre war.

    Und das einzige, was immer gleich blieb, wenn sich ansonsten auch das meiste änderte, war das Weiß, was bis dahin eher selten war.

    Unpassend wohl eher nicht, es sei denn, die Erwartungen des Umfeldes gehen in Richtung weiß und auch da sollte man sich fragen, was der Grund ist, denn um Mode geht es dabei wohl kaum. Eher um tiefer gehende Erwartungen.

    Rebellisch? Das ist wohl etwas viel des Guten, denn Rebellion ist etwas sehr viel anderes als in einem farbigen Kleid eine Hochzeit zu feiern. Ich habe einige mittlerweile in anderen Farben gesehen und selbst in Schwarz geheiratet - Kopie eines Filmkleides aus den 40ern - wobei das niemand für rebellisch hielt.

    Witzige Idee, wenn man "ich bin nicht wie andere Frauen, ich bin ja soooo individuell!" bereits für einen Makel hält, denn Individualität haben wir im Königreich der Mediokren doch schon ausreichend.

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    Antwort auf "Danke, Herr Jessen,..."
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    die man erwecken will. Ich finde diesen Blick in Deutschland sehr unterschätzt.

    die man erwecken will. Ich finde diesen Blick in Deutschland sehr unterschätzt.

  6. die man erwecken will. Ich finde diesen Blick in Deutschland sehr unterschätzt.

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