Näherinnen in einer indischen Textilfabrik in Kanchipuram in der Nähe von Chennai © Babu Babu / Reuters

»Unglaubliches Indien!« So lautet der seit Jahren erfolgreiche Werbespruch der indischen Tourismusbehörde. Wer ist ihm nicht aufgesessen? Schließlich gab es alles: Wirtschaftswunder, Bollywood-Moderne, Yoga-Mystik – Indien hielt seit seiner Marktöffnung in den neunziger Jahren für jeden ein Versprechen bereit. Von den Vorstandsetagen der Weltkonzerne bis in die Alternativzirkel der Nichtregierungsorganisationen: Alle wollten in Indien dabei sein. Und nun? »Indien, eine Kurzgeschichte«, titelt das Delhier Wirtschaftsblatt Economic Times. Die Wirtschaft wächst langsamer, die Inflation steigt, der Währungskurs sinkt, das Haushaltsdefizit wächst, die Investitionen aus dem Ausland schwinden, das Außenhandelsdefizit nimmt zu. Alle erschrecken – am meisten die Inder selbst.

»Weder unser wirtschaftliches noch unser politisches System funktioniert«, urteilt der unabhängige Investmentberater Surjit Bhalla in Neu-Delhi. Er ist einer jener indischen Überflieger, bei denen es steil nach oben ging: Weltbank, Goldman Sachs, Deutsche Bank lauteten seine Karrierestationen. Doch heute ist er wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen: »Das Vertrauen ist weg. Keine Branche wächst mehr richtig. Schon die derzeitigen sechs Prozent Wachstum sind für Indien ein Riesenproblem«, sagt Bhalla in harten, direkten Worten.

Der Regierungsökonom Sunjoy Joshi spricht mit weicher, gedämpfter Stimme, wie es ihn die hohe Schule der indischen Staatsbeamten von jung auf gelehrt hat. Doch seine Analyse ist kaum weniger erschütternd: »Indien durchläuft ein Angst-Trauma, eine existenzielle Krise. Alles steht infrage, nichts ist mehr heilig. Nicht mal sechs Prozent Wachstum sind mehr sicher«, sagt Joshi.

Was ist passiert? Wie konnte das Wirtschaftswunder so schnell verblassen? »Alle haben sich von der Euphorie über das ›unglaubliche Indien‹ blenden lassen«, entgegnet Joshi. Das ist die einfache Antwort. Dahinter steckt eine komplizierte Geschichte. Bhalla und Joshi müssen sie von vorne erzählen.

Bhalla ist der indischste aller Investment-Gurus. Er versteckt sich im vierten Stock eines Privathauses in Neu-Delhi. Kein Firmenschild. Vor der Haustür lümmelt ein Hauswächter vor einem Ventilator. Zugang gibt es nur über die Hintertreppe im Hof. Doch oben lässt Bhalla in elegant verglasten Büros ein Dutzend bestgeschulter junger Ökonomen nach den Börsenkursen tanzen. Der Meister – grauer Vollbart, kurze Kurta – hat hier alles im Griff. Er kennt jedes große Unternehmen, jeden wichtigen Minister bekommt er ans Telefon – doch Bhalla schäumt vor Wut. Er ist überzeugt, dass sich Indien seit dem Jahr, in dem die US-Bank Lehman Brothers pleiteging und eine weltweite Finanzkrise auslöste, selbst zu Grunde richtet.

Damals habe das Land noch vergleichsweise gut dagestanden und dann aus Überheblichkeit falsche Entscheidungen getroffen, sagt Bhalla. Er nennt den Stopp der Marktöffnung etwa im Einzelhandel, die nachträgliche Besteuerung von Auslandsinvestitionen, den vollständigen Verzicht auf die Streichung von Subventionen zum Beispiel für Diesel-Treibstoff. Er kritisiert neue, willkürliche Umweltauflagen, die viele Großprojekte im Energiebereich verhindert hätten. »90 Prozent unseres Wachstumsrückganges sind hausgemacht. Unsere Politik stemmt sich gegen alle wirtschaftliche Logik«, wettert Bhalla. Für ihn ist Sonia Gandhi, die als Chefin der regierenden Kongresspartei die Macht in den Händen hält, »eine Sozialistin«. »Sie hat seit 2009, als sie das zweite Mal die Wahlen gewann und hochmütig wurde, alle unsere Erfolge zerstört«, sagt Bhalla. Derweil trinkt er ein Glas Wasser. Er ist kein Champagner-Typ. Er ist ein hart arbeitender Vollzeitökonom, dem schlechte Zahlen richtig weh tun.

Sunjoy Joshi dagegen steht der Kongresspartei als ehemaliger Staatsbeamter traditionell nah. Er hat eine lange Managerkarriere im staatlichen Energiesektor hinter sich. Heute führt er eines der wichtigsten Forschungsinstitute des Landes, die Observer Research Foundation. Sein Arbeitsumfeld ist ruhig, das Büro ist mit teurem Holz vertäfelt, von draußen schimmern grün die alten kolonialen Gärten Neu-Delhis.

Zweifel an den Institutionen Parlament und Parteien kommen auf

Von dieser hohen Warte aus deutet der Ökonom Joshi die Probleme Indiens fast wie ein Psychoanalytiker. Das Wort »Angst« benutzt er mehrmals. Die negativen ökonomischen Trends subsumiert er unter dem Begriff »Stressaufbau«. »Indien muss heute seine Richtung verlieren, um sie später wiederzufinden«, sagt er. Er meint damit, dass sich die Geschichte vom unglaublichen Indien umgekehrt habe. Die hohen Erwartungen, der Optimismus seien durch Angst und Misstrauen abgelöst. Nun verstärke sich die Krise selbst. Die Akteure seien wie gelähmt. Plötzlich zweifele man an den Institutionen des Landes, an Parlament und Parteien, aber auch an vielen Unternehmen. Im Nachhinein werde aufgerechnet, wer in den Wachstumsjahren wen betrogen habe. Daher die vielen Korruptionsskandale. Dabei schaue man nur noch rückwärts. Der Fortschrittsglaube sei abhandengekommen.