AmazonDer Toprezensent

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Zehn Jahre lang gehörte Thorsten Wiedau, 43, zur Elite der Laienrezensenten Deutschlands: Er las und rezensierte manisch schnell, stellte häufig mehrere Kritiken an einem Tag bei Amazon ein. Damit kam er in die »Hall of Fame«, die Top Ten der Amazon-Rezensenten, erhielt Bücher von Verlagen, wurde zum Star der Branche. Jetzt, nach 3468 Rezensionen, macht er Schluss. Aus Gewissensgründen.

DIE ZEIT : Warum kehren Sie dem Unternehmen den Rücken, das Sie groß gemacht hat?

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Thorsten Wiedau: Es ist der Literatur selbst geschuldet. Je mehr Bücher man liest, desto mehr hinterfragt man das eigene Leben: Was tue ich da? Was tue ich mir selbst an? Und was tun mir andere an? Bei Amazon ist es in den letzten Jahren sehr kommerziell und sehr aggressiv geworden. Deshalb habe ich einen brutalen Schlussstrich gezogen: Ich habe mich auf Amazon so beerdigt, dass niemand die Möglichkeit hat, mich zu reaktivieren.

ZEIT: Was war denn früher besser?

Wiedau: Noch vor drei, vier Jahren haben wir uns in das Ranking der Toprezensenten einfach reingeschrieben, und keiner hat den anderen angegriffen. Doch dann sind irgendwann Leute gekommen, die nur eines wollten: den obersten Platz.

ZEIT: War Ihnen nicht klar, dass Amazon keine Wohltätigkeitsveranstaltung ist?

Wiedau: Ich bin am Anfang etwas blauäugig reingegangen, habe alles ziemlich idealistisch gesehen. Nur: Es war lange Zeit ein Wechselspiel – ich habe Amazon als Plattform genutzt und schon vor zehn Jahren, als es niemand kannte, auf den Internethandel von Büchern gesetzt, und Amazon hat mich benutzt, um Geld zu machen.

ZEIT: Wann kam der Moment, an dem Sie sagten: Bis hierhin und nicht weiter?

Wiedau: Das war schon vor zwei Jahren.

ZEIT: So lange hat das gedauert?

Wiedau: Ja, die Entscheidung war wahnsinnig schwer. Ich liebe Bücher, aber die Konkurrenzsituation konnte ich irgendwann nicht mehr ertragen. Die Leute im Netz haben sich einen Harnisch angelegt, sie haben ihr Visier runtergelassen und sich bekämpft wie im Mittelalter. Hinzu kamen die Veränderungen bei Amazon: Die haben uns mit ihrem Algorithmus gezwungen, immer mehr und immer Positiveres zu schreiben, um überhaupt im Ranking zu bleiben. Es war wie im Hamsterrad.

Leserkommentare
  1. Die Rezensionen sollen immer positiver werden, denn Amazon will natürlich verkaufen. Hinzu kommen die immer mehr zunehmende Anzahl von Rezensionen durch kommerzielle Agenturen der Hersteller und Händler. Dadurch werden die Rezensionen aber immer unglaubwürdiger, und daher immer wertloser.

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    Es ist so das ich viel Lese aber die Rezensionen spiegeln jetzt schon oft nicht mal im Ansatz die Wahrheit wieder.
    Ich hab mich manchmal gefragt habe ob ich das Falsche Buch bestellt habe.
    Das es so etwas wie eine Rangliste gibt hab ich nicht mal gewusst.
    Allerdings erklärt dieser Artikel warum der "Lesermeinung" nicht mehr zu trauen ist.

    • dth
    • 12. Juni 2012 19:52 Uhr

    Gibt es da keine geeigneten, freien Alternativen?
    Wenn man so produktiv ist, böte es sich ja auch an, ein Literaturblog zu betreiben. Wenn das gut ist und genügend Leser finden, werden da Verlage auch aufmerksam werden, ohne dass man von Amazon abhängig ist.

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    Ich gehe für Bücher nicht auf spezielle Seiten, ich lese auf Amazon einfach immer eine gute, eine neutrale und eine negative Bewertung um mir eine Meinung zu bilden.

    Ein extra Literaturblog brauche ich da nicht.

    Man kann Rezensionen oft auch auf goodreads.com finden, oder auf bookcrossing.com. Wenn man nicht grad immer die allerneuesten Bücher kauft, wird man dort meist fündig und kann sich ein ganz gutes Bild davon machen, wie ein bestimmtes Buch nun ist.

  2. Generell sollte man sich lieber die 4- und 2- Punkte Rezensionen zur Gemüte führen. Während die 5-Punkte-Bewertungen häufig von Agenturen oder "Fanboys" kommen, stammen die 1-Punkt-Bewertungen häufig von Leuten, die das falsche Produkt gekauft haben oder die eben einfach "Hater" sind - gerade im Bereich PC-Spiele und DvDs.

    Bei 4 und 2 Sternen allerdings kann man von einer deutlich objektiveren Rezension ausgehen, bei der sich der Autor bemüht hat, auch positive/negative Punkte zu finden, das Produkt also ordentlich reflektiert hat.

    Eine Leserempfehlung
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    beschränkt zu glauben, dass die bezahlten Rezensionisten so törischt sind, nur 5Sterne Rezensionen zu verfassen. Am besten noch in perfekter Werbesprache? Ne,ne. Doof sind die nicht.

  3. wäre die richtige Empfehlung für den "Top-Rezensenten".
    Buße tun für die unzähligen Fünf-Sterne-Amazon-Rezensionen.
    Und immer schön zu Hause die langen Regalreihen abwedeln. Ungelesene Bücher stauben schnell ein.
    P.S. Oh Mann, dreieinhalbtausend Bücher, zehn Jahre, jeden Tag ein Buch. Als Thomas Mann bei Lion Feuchtwanger in seinem Haus in Pazific Palisade die vielen Bücher sah, flüsterte er zum jungen George Tabori: Und der Verrückte hat die alle gelesen. Der große Weltliterat Feuchtwanger und der namenlose Passivleser Thorsten Wiedau, ein kleiner aber wesentlicher Unterschied.

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    Wenn ich Sie nicht ganz gewaltig missverstehe, empfinde ich Ihren Beitrag als unverschämt ggü. Herrn Wiedau.

  4. Ich schreibe selber mal ab und an mal eine Rezension auf Amazon. Ehrlichgesagt geht es mir im tiefsten Inneren dabei auch um Anerkennung. Ich freue mich über positive Bewertungen. Und bei meinem derzeitigen Lieblingsthema, den Kompaktkameras, lerne ich im Austausch mit anderen Nutzern durchaus auch etwas dazu. Aber auf die Idee, nun mit aller Gewalt ganz nach vorne zu kommen, würde ich nie kommen. Ich fühle mich auch nicht berufen, die Welt zu verbessern. Die dreht sich auch ohne mich bestens weiter. Hier stimmt wohl auch etwas mit der Psyche nicht. Und ist das eigentlich wirklich ein Thema für die Zeit ?

  5. beschränkt zu glauben, dass die bezahlten Rezensionisten so törischt sind, nur 5Sterne Rezensionen zu verfassen. Am besten noch in perfekter Werbesprache? Ne,ne. Doof sind die nicht.

    Antwort auf "Rezensionen"
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    Zu glauben, die Agenturen würden lange Bewertungen verfassen, ist noch beschränkter. Die schreiben einen Satz dazu und klatschen 5 Sterne hin. Und deswegen soll man sie ignorieren.

  6. 7. Genau!

    Es ist so das ich viel Lese aber die Rezensionen spiegeln jetzt schon oft nicht mal im Ansatz die Wahrheit wieder.
    Ich hab mich manchmal gefragt habe ob ich das Falsche Buch bestellt habe.
    Das es so etwas wie eine Rangliste gibt hab ich nicht mal gewusst.
    Allerdings erklärt dieser Artikel warum der "Lesermeinung" nicht mehr zu trauen ist.

  7. Zu glauben, die Agenturen würden lange Bewertungen verfassen, ist noch beschränkter. Die schreiben einen Satz dazu und klatschen 5 Sterne hin. Und deswegen soll man sie ignorieren.

    Antwort auf "es sit doch recht"
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    Das funktioniert aber nicht im großen Maßstab, aber der ist entscheidend, wenn es sich die Bewertungen im Absatz der Produkte bemerkbar machen sollen.

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