DIE ZEIT: Herr Bundespräsident, in der vergangenen Woche hat es einen spektakulären Vorgang gegeben, einen Fall, den es in der Republik in dieser Brutalität so noch nicht gegeben hat: Sie haben auf Bitten der Kanzlerin den früheren Umweltminister Norbert Röttgen entlassen und seinen Nachfolger ernannt. Hätte der Joachim Gauck von vor drei Monaten anders gesprochen zu den Vorgängen als der, der Sie nun sein mussten?

Joachim Gauck: Vielleicht hätte ich noch mehr Empathie entwickelt für Norbert Röttgen, weil ich mir die Zwänge einer Regierungschefin weniger hätte vorstellen können. Aber ich war immer ein realpolitisch eingestellter Mensch und mit dem Politikgeschäft vertraut. Im Fall Röttgen konnte ich mir nach der NRW-Wahl vorstellen, dass die Regierungschefin einem geschwächten Politiker die außerordentlich schwierige und langwierige Aufgabe der Energiewende nicht länger anvertrauen wollte.

ZEIT: Umfasst Ihr Verständnis für realpolitische Zwänge auch, dass Frau Merkel Sie zweimal als Bundespräsidenten nicht wollte?

Gauck: Auch, ja.

ZEIT: Warum haben Sie sich das Mehr an Empathie für Norbert Röttgen jetzt versagt und nicht gesagt, was Sie vielleicht vor drei Wochen noch gesagt hätten?

Gauck: Ich habe dem scheidenden Minister meine Empathie keineswegs versagt. Aber es wäre unpolitisch gewesen, das Mitgefühl über die politische Ratio zu stellen. Da ist meine Sichtweise auch durch das Amt ein bisschen erweitert worden. Es ging in diesem Fall nicht um moralisches oder unmoralisches Verhalten.

ZEIT: Heißt das, dass in der Politik andere ethische Maßstäbe gelten als die, die Sie sonst selbst an sich und andere anlegen würden?

Gauck: Wenn Sie meine Antwort so verstanden haben, haben Sie sie falsch verstanden. Ich muss Verständnis aufbringen für eine Regierung, die Erfolge und Handlungsfähigkeit vorweisen will – und seitens der Wähler und Bürger auch dafür honoriert wird oder eben nicht.

ZEIT: Es heißt nicht, dass Sie das Verhalten gut finden?

Gauck: Es gibt in der Politik Situationen, in denen ethisches Handeln, wie wir es im zwischenmenschlichen Bereich für wünschenswert halten, nicht unbedingt das Klügste ist. Das bedeutet ja nicht, dass es damit unethisch ist. Nehmen Sie zum Beispiel den Umgang mit Wahrheit in der Politik. Im Prinzip ist ein Politiker selbstverständlich gehalten, die Wahrheit zu sagen. Es gibt aber durchaus Situationen, in denen es politisch geboten sein kann, nicht alle Szenarien sofort auszubreiten. Denken Sie an die Auswirkungen von politischen Äußerungen an den Finanzmärkten – hier kann es zum Beispiel durchaus vernünftig sein, durch Zurückhaltung einer Panik vorzubeugen. Das heißt aber nicht, dass das Verhältnis der Politik zur Wahrheit rein taktisch sein darf. Dann gäbe es kein politisches Vertrauen mehr zwischen den Bürgern und der politischen Klasse.

ZEIT: Sie meinen also: Ein Politiker darf Dinge verschweigen, aber er darf nicht aktiv lügen?

Gauck: Ja, so würde ich es wohl sagen. Unser Verständnis für politisches Handeln wird durch Lügen beschädigt. Es wird aber auch oft beschädigt durch die Art und Weise der Kommunikation. Zu einer menschenfreundlichen Kommunikation gehören Offenheit und Verständlichkeit.

ZEIT: Sie haben erst vor einem Jahr beklagt, die politische Klasse habe »einen Spezialdiskurs« entwickelt, wie die Chirurgen auf ihren Kongressen. »Wir da draußen verstehen nur Bahnhof.« War der Rauswurf von Herrn Röttgen durch Frau Merkel auch Teil eines Spezialdiskurses?

Gauck: In einer Situation, in der die Koalition nicht von jedem nur gute Zensuren bekommt, ist es ein hoher politischer Wert für eine Regierungschefin, Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Es hilft aber, wenn die konkrete Handlung der Öffentlichkeit nachvollziehbar erklärt wird.