DIE ZEIT : Frau Toft, Sie müssen mir helfen.

Monica Duffy Toft: Wobei denn?

ZEIT: Ihr neues Buch heißt God’s Century, Sie sagen darin, dass Gottes Jahrhundert angebrochen sei. Ich habe versucht, hier in Harvard, wo Sie unterrichten, einen Beleg dafür zu finden – im Studentengottesdienst in der Memorial Church waren 15 Leute, im Buchladen am Harvard Square steht fast ein ganzes Regal mit Büchern des Atheisten Richard Dawkins, und außerhalb der Theologischen Fakultät steht Gott kaum auf dem Lehrplan. Wo, bitte, erleben Sie hier »Gottes Jahrhundert«?

Toft: Sie haben recht: Harvard tut sich schwer mit Religion. Ganz Academia ist stark säkularisiert und findet, dass Religion und Rationalität nicht zusammengehen. Viele dieser Wissenschaftler wollen nicht sehen, dass ein Mensch rational denken und trotzdem gläubig sein kann.

ZEIT: Was verändert sich momentan?

Toft: Seit ich das Forschungsprojekt »Initiative on Religion in International Affairs« gegründet habe, werde ich überschüttet mit E-Mails von Studenten und Kollegen, die mitmachen möchten. Es gibt ein großes Verlangen, mehr zu lernen über Religion. Die Stimmung wandelt sich. Ich unterrichte einen Kurs über Religion und internationale Beziehungen gemeinsam mit einem katholischen Priester, der immer schwarzen Anzug und Priesterkragen trägt. Noch vor drei Jahren fragte mich völlig im Ernst ein Student: Warum trägt der immer die gleichen Klamotten? Heute käme eine solche Frage nicht mehr vor.

ZEIT: Das sind vielleicht Stimmungen, aber es ist noch nicht »Gottes Jahrhundert«.

Toft: Neue Studien zeigen, dass Agnostiker und Atheisten weniger werden, während die Zahl der Gläubigen wächst. Religion boomt in Afrika, Lateinamerika, Asien. In Staaten wie Nigeria und Indien finden Menschen, dass ein Politiker gläubig sein sollte. In den USA hieß es früher, dass ein Katholik niemals Präsident werden könne. Heute kann ein Atheist niemals Präsident werden.

ZEIT: In Westeuropa ist das anders – dort sind die Kirchen leer, und Religion gilt weithin als Privatsache.

Toft: In der Tat: Viele Menschen in Westeuropa praktizieren ihre Religion nicht. Trotzdem glauben 60 Prozent der Bürger aus OECD-Ländern an Gott. Sie glauben, ohne zu praktizieren. Religion war auch in Europa niemals ganz verschwunden, die etablierten Kirchen existieren weiterhin, der Staat zieht Kirchensteuern ein. Die Europäer neigen nicht mehr so stark zum Kult und zum Gemeindeleben, aber immer noch zum Glauben. Mag sein, dass Religion in Europa aufs Privatleben beschränkt ist, aber auch dort kehrt sie jetzt als politisches Thema zurück – denken Sie an die Debatten über Minarette in der Schweiz oder Burkas in Frankreich. Der von Muslimen ausgehende Druck, ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu praktizieren, wird dazu führen, dass auch die Europäer ihren Glauben wieder neu bewerten.

ZEIT: Der große amerikanische Theologe Harvey Cox hat die Säkularisierungstheorie vor einigen Jahren schon als »den Mythos des 20. Jahrhunderts« bezeichnet.

Toft: Cox hat recht. Die Menschen wenden sich nicht von der Religion ab, bloß weil ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind. Im Gegenteil. Wer ein bestimmtes Level von sozialer Sicherheit erreicht hat, kann sich für das interessieren, was größer ist als er selbst.