Der FIFA-Präsident Joseph Blatter © AFP

Eigentlich ein Wunder, dass nicht schon ein Sondereinsatzkommando der Schweizer Polizei oder wenigstens ein paar Tausend aufgebrachte Fußballfans den Zürichberg gestürmt haben. Denn seit das Buch Fifa-Mafia erschienen ist, kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass die Führung des Weltfußballverbands in ihrer geheimnisumwitterten Zentrale oberhalb der Stadt Zürich ein krummes Ding nach dem andern dreht.

Natürlich gehört es zur Fußballfolklore, die Fifa für durch und durch korrupt zu halten. Ihr langjähriger Präsident, der Schweizer Joseph Blatter, wird regelmäßig ausgepfiffen, wenn er sich in einem Stadion blicken lässt. Aber wie genau er und seine diversen Mitstreiter sich den Weltsport Nummer eins untertan gemacht haben, kann man nun so detailliert wie nie zuvor nachlesen. Thomas Kistner, Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat seine Erkenntnisse aus 20 Jahren Recherche und Berichterstattung über die Fifa gebündelt; herausgekommen ist weniger ein Fußballbuch als ein Wirtschaftskrimi.

Der Vergleich der Fifa mit der Mafia ist dabei mehr als ein sprachspielerischer oder bloß reißerischer Marketing-Gag, er beschreibt ein Grunddilemma: Obwohl die Fifa inzwischen als Weltkonzern Milliarden umsetzt, ist sie immer noch als einfacher Verein registriert und organisiert, in dessen quasifamiliären Strukturen eine kaum kontrollierbare Günstlingswirtschaft gedeiht. Blatter selbst redet immer wieder verharmlosend von der »Fußballfamilie« – in der er als allein zeichnungsberechtigter Pate leibliche Verwandte wie seinen Neffen Philippe oder langjährige Weggefährten auf lukrative Posten hievt und nach Gutdünken Geld verteilt.

Gegründet, das zeigt Kistner in einem kurzen historischen Teil, wurde diese Familie nicht von Blatter, sondern von Horst Dassler, dem Sohn des adidas-Gründers Adolf Dassler. Er verquickt als erster systematisch Sport mit knallharten Geschäftsinteressen und sammelt dazu mit seiner »Turnschuh-CIA« Daten über all jene Athleten und Funktionäre, die in der Welt des Sports Einfluss haben: »Er rühmt seine Datei Vertrauten gegenüber, diese sei besser als beim KGB.« Als Teil seiner Geschäftspolitik hilft er 1981, seinen Ziehsohn Sepp Blatter als Fifa-Generalsekretär zu installieren. Der bringt seither die Fußballfamilie auf Linie.

Um diese Familie und ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen, sind alle Mittel recht: Der Frau eines Blatter-Kritikers wird mit der Entführung ihrer Kinder gedroht. Belastende Protokolle oder Tonbandmitschnitte von Fifa-Sitzungen verschwinden oder werden manipuliert. Ein schottischer Funktionär, der die Bestechlichkeit einflussreicher Fifa-Leute aus exotischen Kleinstländern anprangert, wird mit dem Vorwurf des Rassismus mundtot gemacht. Private Ermittler sammeln belastendes Material über jene, die sich der Familienräson widersetzen. Die Telefone in der Fifa-Zentrale werden abgehört. Wenn ein Geschäft nicht wie gewünscht läuft, werden Verträge gebrochen oder die Geschäftsgrundlagen neu definiert. Mit dem Hinweis auf die »Autonomie des Sports« verbittet sich die Fifa jede Einmischung; eine von Blatter eingesetzte Ethikkommission darf nur ermitteln, was der Chef erlaubt.

1.200 Panzerfäuste an Saudi-Arabien, schon stimmt es für Deutschland

Selbst vermeintlich unabhängige Instanzen werden mithilfe von Geld, Drohungen, Vergünstigungen der Familie einverleibt: Der Internationale Sportjournalistenverband erhält eine Spende über 50.000 Euro – wer will da noch ein kritisches Wort sagen? Interpol bekommt sogar 20 Millionen Euro, ein früherer Interpol-Direktor leitet den Fifa-eigenen Sicherheitsdienst – besser kann man sich gegen polizeiliche Ermittlungen kaum immunisieren.

Es lässt einen seltsam kalt

Auf 400 Seiten beschreibt Kistner ein korruptes Geflecht, in dem selbst die große Politik dem Fußball willfährig Dienste leistet. So stimmt die Bundesregierung der Lieferung von 1.200 Panzerfäusten an Saudi-Arabien zu – acht Tage bevor in der entscheidenden Vergabesitzung zur WM 2006 der Vertreter Saudi-Arabiens seine Stimme Deutschland geben wird. Auch die vermeintlich allmächtigen Sponsoren tanzen nach der Pfeife Blatters, des »heimlichen Weltregenten«, der internationale Großkonzerne gegeneinander ausspielt und Staatschef zu Bittstellern bei seinem Verein macht.

Warum niemand dagegen aufbegehrt? Kistners Erklärung ist einfach: Blatter ist der Chef des einzigen wirklichen Monopolunternehmens der Welt. Er hat die alleinige Macht über die Fußballweltmeisterschaft, das »werbeträchtigste Produkt der Galaxie« und den »größten Emotions-Generator«. An den will jeder angeschlossen sein, um jeden Preis. Und sie alle macht Kistner mitverantwortlich für die »schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball«: Politiker, deren »nationalistische Sportbesessenheit jede Staatsräson erstickt«, speichelleckerische Sponsoren, all die unkritischen Fußballromantiker unter den Sportjournalisten. Diese inzwischen quasireligiös aufgeladene Gefühls- und Gelddruckmaschine ist unkaputtbar. Selbst bei größter und gar krimineller Misswirtschaft (Kistner listet etliche Fälle davon auf) kommt immer neues Geld herein, im Moment etwa eine Milliarde Euro jährlich.

Trotz all der haarsträubenden Fakten hat dieses überaus verdienstvolle und mutige Buch mit einem Problem zu kämpfen: Es lässt einen seltsam kalt. Was jucken den gewöhnlichen Fußballfan Korruption und Geldvernichtung, wenn nur sein längst feststehendes Vorurteil mit vielen neuen Details bestätigt wird, das Spiel selbst aber von den Mauscheleien scheinbar ungetrübt bleibt? Selbst die »gekaufte« Vergabe der WM 2022 nach Katar wird der Begeisterung für die Spiele in der Wüstenhitze kaum Abbruch tun.

Als ahne der Autor diese Gleichgültigkeit der Zuschauer, trägt er immer neue Namen und Sauereien mit einer nie nachlassenden, auf die Dauer etwas ermüdenden Empörungsrhetorik vor.

Was die Liebe von Hunderten Millionen Menschen wert ist

Den empörendsten Verdacht, dass auch schon WM-Partien von bestochenen Schiedsrichtern manipuliert wurden (das Spiel selbst also faul ist), kann er allerdings nicht erhärten. Und nur an einer Stelle sagt einer seiner Informanten, dass hier unser aller Geld verbraten und zweckentfremdet wird, Geld, »das aus der Liebe von Hunderten Millionen Menschen für das Spiel entsprang«.

Am Ende zahlt eben doch der Fan für die Fifa, via TV-Gebühren, Eintrittsgeldern und überhöhten Preise für Produkte, die im Fußballumfeld teuer beworben werden. Aber das ist vielleicht ein weiteres Buch: Wie die Fifa von morgen aussehen muss, damit das Spiel seine Unschuld zurückgewinnt.