Oskar LafontaineDer falsche Enkel

Wie Brandts Liebling zum Spalter der deutschen Linken wurde: Meine drei Jahrzehnte mit Oskar Lafontaine von 

Milde argumentierte er und diskursiv, hörte freundlich anderen zu, wusste keineswegs alles und schon gar nicht alles besser. So wie sich Oskar Lafontaine jüngst bei Anne Will präsentierte, hat man ihn lange nicht mehr erlebt, als sei ein Ballast von seinen Schultern gefallen mit der Ankündigung, sich nicht mehr an die Spitze der Linkspartei komplimentieren lassen zu wollen. Für einen Moment dachte ich, jenen jungen Saarbrücker Oberbürgermeister noch einmal vor Augen zu haben, der Ende der siebziger Jahre auf die politische Bühne der Republik sprang und von dem Willy Brandt schon zehn Jahre später felsenfest überzeugt war, er sei zum Nachfolger an der Spitze seiner Partei geradezu prädestiniert.

Wir jungen Bonner Journalisten wollten den kessen Saarbrücker kennenlernen, Ende der siebziger Jahre. Seitdem war er Gesprächspartner – nicht per du, nicht beim trauten Sofa-Plausch, einfach so, als eine Stimme, die ihren eigenen Klang hatte. So blieb das, als Gesprächsbeziehung, und je mehr er zum Feindbild wurde, umso nachdrücklicher; bis er anfing, in BILD-Kolumnen aus dem Abseits mosernd über die politische Klasse herzuziehen, und bis ich mir selber meinen Ärger über sein Oszillieren zwischen Populismus, Orthodoxie und Fundamentalopposition von der Seele schrieb. Ab da reagierte er reflexartig, war nicht mehr zu sprechen.

Anzeige

Meine Jahre mit Oskar Lafontaine – gar so viele Politiker sind es ja nicht, die über Jahrzehnte hinweg als öffentliche Projektionsfläche dienen und die Gemüter bewegen, auch die von uns Journalisten, der Saarbrücker zählte dazu. Dass sich zugleich an ihm die Geister schieden, widersprach dem keineswegs. Meist hing die Skepsis mit der herrscherlichen Attitüde zusammen, mit den Zuspitzungen wie jener gegenüber dem amtierenden Kanzler Schmidt, mit dessen vielbeschworenen »Sekundärtugenden« könne man auch ein KZ bauen – man könnte sagen, mit der Charakterfrage, die später vieles überlagerte.

Im Frühjahr 1990 brachte ihn Adelheid Streidel, geistesverwirrt, auf offener Bühne mit einem Messerstich in den Hals fast ums Leben. Ein Schutzengel rettete ihn, er wollte sich die Rückkehr in die Politik sorgfältig überlegen, aber etwas zog ihn – er wurde nicht nur gedrängt. Politisch war er in der historischen Wendezeit von 1989 und 1990 absehbar der Verlierer und – für mich jedenfalls – dennoch ein ernst zu nehmender »Kandidat in der Gegenwelt«, nämlich ehrlicher Ausdruck der Bundesrepublik, wie sie inzwischen geworden war.

In diesen Zeiten der verwirrenden Frontverläufe verteidigte der Konservative Alexander Gauland klarsichtig die »Toskana-Fraktion«, zu der Lafontaine gezählt wurde. Ihr gehe es nicht bloß ums apolitische Genießen, sie habe auch die Entscheidung für ein wirklich europäisches Deutschland verinnerlicht. Sie sei »ein Produkt demokratischer Umerziehung, die wir alle gewollt haben«. Wunderbar gesagt. Das heißt: Ein Generationenkonflikt wurde ausgetragen zur Unzeit, als nämlich die »Geschichte« die nationale Einheit auf die Tagesordnung gesetzt hatte.

Klar, dass er nicht gewinnen konnte. Er operierte untaktisch, anders als später dann an der Spitze der »Linken« – spottete über Kohls patriotische Prosa und die »zu nationalen« Reden Brandts; wollte seine Partei schließlich auf ein Nein zum Staatsvertrag verpflichten. Das konnte nicht gut gehen.

Theo Sommer mähte ihn in diesem Blatt nieder als »falschen Mann zur falschen Zeit«. Es sei gut möglich, dass die Sozialdemokraten sich als gestaltende Kraft verabschieden und der »Jahrhundertwende im Abseits entgegenkrebsen, dorthin verführt von ihrem Kanzlerkandidaten 1990«. Gar so schlimm kam es zwar nicht. Aber Sommer hatte recht. Der Absturz für Lafontaine und seine Partei auf 33,5 Prozent war niederschmetternd.

Verlierer aber wollte Lafontaine nie sein, das war dieses Unbedingte an ihm, so rief er sich nach dem Messerstich ins Leben zurück, Politik betrachtete er nicht wie Schmidt ironisch als »Kampfsportart«, sondern als Bühne fürs Ganz oder Garnicht. Folglich musste auch die »Scharte 1990« ausgewetzt werden – in der Wahlnacht vom Oktober 1998, als Kohl abgewählt wurde, bedankte er sich denn auch ausdrücklich bei den Wählern »für das Vertrauen für Gerhard Schröder und mich«.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Oskar Lafontaine | Die Linke
    Service