FluglärmEin grenzenloser Konflikt

Deutschland fordert für Zürich ein striktes Nachtflugverbot – und riskiert, dass deutsche Flughafen-Anwohner dasselbe verlangen. von 

Mit Schweizern lässt sich in diesem Frühjahr gut streiten. Dabei geht es nicht nur um Schwarzgeld und um Steuerabkommen. In Süddeutschland geht es auch um Fluglärm. Seit Jahren schwelt an der deutschen Grenze ein Konflikt um die Lautstärke von Fliegern, die am Flughafen Zürich landen. Auch Südbaden ist vom Lärm betroffen. Im Juni soll der Streit beendet werden.

Die Debatte verdeutlicht: Es ist Zeit für eine europaweite Regelung über die Betriebsdauer von Flughäfen. Nicht nur dort, wo Staaten aneinandergrenzen, sondern überall. Klarheit muss her für Anwohner und Unternehmer.

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Der Fall Zürich ist mehr als ein Nachbarschaftskonflikt. Seit Jahren beklagen Südbadener die zunehmende Lärmbelästigung. Zwar haben Lärmanalysen ergeben, dass Grenzwerte vielfach nicht überschritten wurden. Doch Lärmempfinden ist subjektiv.

Auf der anderen Seite kamen im vergangenen Jahr von den 22 Millionen Passagieren in Zürich vier Millionen aus Deutschland, zwei Drittel aller Gäste werden von deutschen Fluggesellschaften befördert. Wer aus dem südlichen Baden-Württemberg in die Welt will, reist am einfachsten von Zürich aus. Und Mittelständler im Ländle lassen sich via Zürich mit Gütern aus allen Kontinenten beliefern.

Diese Vorteile blendet die deutsche Regierung aus, wenn sie in einem bilateralen Abkommen scharfe Begrenzungen der Betriebszeiten fordert. Schon jetzt sind die deutschen Auflagen für Zürich restriktiver als an allen großen deutschen Flughäfen. So gilt ein Anflugverbot von deutscher Seite zwischen 21 und 7 Uhr, am Wochenende gar von 20 bis 9 Uhr. Am 14. Juni, beim nächsten deutsch-Schweizer Treffen, an dessen Ende ein neuer Staatsvertrag stehen könnte, wird auch eine Höchstzahl an Landungen – von 80.000 im Jahr ist in Verhandlungskreisen die Rede – diskutiert.

Die deutsche Seite kann nur verlieren. Entweder legen sich deutsche Politiker mit den Anwohnern an. Das ist unwahrscheinlich, zumal auch Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) als Fluglärmgegner gilt. Sein Wahlkreis liegt in der Einflugschneise des Salzburger Flughafens, und auch dort schwelt eine Dauerfehde.

Setzen sich Ramsauers Beamte mit den restriktiven Forderungen durch, wird auch in Deutschland anders über Fluglärm geredet werden müssen. An keinem größeren Flughafen sind die Betriebszeiten hierzulande ähnlich stark eingeschränkt wie in Zürich (siehe Grafik). Bürgerinitiativen werden mit Freude auf das Schweizer Drehkreuz verweisen. »Minister Ramsauer schneidet sich ins eigene Fleisch«, sagt der frühere Schweizer Botschafter Thomas Borer. »Die deutschen Bürgerinitiativen an anderen Flughäfen werden von ihm die gleiche Behandlung bezüglich Einschränkungen des Fluglärms verlangen, wie das Bundesverkehrsministerium sie der Schweizer Seite abringen will.« Am 17. Juni stimmen die Münchner über ihre dritte Startbahn ab. In Berlin öffnet der neue Flughafen zwar später. Der Streit um den Lärm aber geht weiter. Auch in Frankfurt dauern die Proteste an.

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