Europäisches ManifestWir brauchen ein Europa der Bürger

Eine Antwort auf meine Kritiker.

Der Soziologe Urlrich Beck

Der Soziologe Urlrich Beck

Kurz nachdem er Bundeskanzler geworden war, rief Gerhard Schröder einen kleinen Gesprächskreis von Intellektuellen und Experten zusammen, um die Frage zu diskutieren: Kann der Begriff »Zivilgesellschaft« zu einer verschiedene Politikfelder übergreifenden Leitidee werden, um Wirtschaftswachstum, politische Freiheit und sozialen Zusammenhalt in Zeiten der Globalisierung zu verbinden? Die Gespräche verliefen sehr lebhaft und wurden von Schröder mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Sie kreisten beispielsweise um die Frage, wie der Entstehung einer neuen Unterklasse von Ausgeschlossenen, von Menschen also, die weder zum Arbeitsmarkt noch zur Zivilgesellschaft und ihren politischen Institutionen einen Zugang finden, begegnet werden kann.

Dieser Versuch, für die rot-grüne Regierung Schröder eine politische Programmatik zu entwerfen, starb an dem Tag, an dem eine von Schröder in Auftrag gegebene repräsentative Meinungsumfrage zu dem Ergebnis kam: Die Deutschen können nicht zwischen Zivilgesellschaft und Zivildienst unterscheiden.

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Dass dies immer noch gilt, wird an der aktuellen Debatte sichtbar, die das Manifest Wir sind Europa (ZEIT Nr. 19/12) beispielsweise in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgelöst hat (Edo Reents, 4. 5. 2012; Günther Lottes, 10. 5. 2012). Das Projekt Europa – wie aus Feinden Nachbarn werden – droht zu scheitern. Vielen Europäern geht es wie Helmut Kohl, der mit Blick auf die gegenwärtige Bundeskanzlerin sagte: »Das Mädel macht mir mein Europa kaputt!« Sie ertragen die kulturelle Hegemonie der Europaskeptiker nicht länger und fordern: Hört auf mit dem Jammern!

In dieser Entscheidungssituation rufen Helmut Schmidt, Jürgen Habermas, Herta Müller, Senta Berger, Jacques Delors, Richard von Weizsäcker, Imre Kertész und viele mehr – »ein paar Meinungsprominente«, wie die Frankfurter Allgemeine schreibt – dazu auf, das Sonntagseuropa, das Europa ohne Europäer, zu überwinden, und ein Alltagseuropa, ein Europa der Bürger, ein Europa von unten, zu gründen; und dies nicht durch Worte, sondern durch Taten, durch »doing Europe«. Ein freiwilliges europäisches Jahr soll nicht nur der jüngeren Generation und den Bildungseliten, sondern allen, auch Rentnern, Berufstätigen, Arbeitslosen ermöglichen, in einem anderen Land, einem anderen Sprachraum ein Stück europäische Zivilgesellschaft zu verwirklichen, wie sie Hannah Arendt im Konzept Vita activa programmatisch fasste. Nicht Arbeit, die auf unmittelbare Existenzsicherung ausgerichtet ist, sondern ein Handeln, das auf politische Teilhabe und Gestaltung abzielt, schafft die europäische Zivilgesellschaft.

Edo Reents vermisst »das ›soziale‹ im freiwilligen Jahr« und vermutet: »Die Initiatoren werden es mit Bedacht weggelassen haben, denn das hätte sonst zu sehr nach Knochenarbeit, also Hinternabwischen und so etwas... geklungen.« Und Günther Lottes tappt in dieselbe Falle, Zivilgesellschaft mit Zivildienst zu verwechseln: »Wollen wir gegenseitig in unseren Altenheimen hospitieren oder sollen deutsche Arbeitslose aus ihren Mietskasernen in die französischen Wohnsilos umziehen? Spontan ist man verunsichert, ob man nicht doch im Wahlprogramm der FDP gelandet ist, die ihre Fürsorge für das Hotelgewerbe zu weit getrieben hat.«

Wer solche Missverständnisse pflegt, ist blind gegenüber der Botschaft des Manifests Wir sind Europa: Der Kern der Euro-Krise liegt nicht nur bei den Banken oder den Griechen oder den Defiziten der Fiskalunion – was fehlt, ist eine europäische Zivilgesellschaft im Sinne Hannah Arendts, die in Projekten wie einem freiwilligen europäischen Jahr für alle beginnt. Dafür einige Beispiele.

Nehmen wir an, das freiwillige europäische Jahr für alle ist bereits Wirklichkeit. Frank Schuster, 44 Jahre alt, Bankangestellter in Lüneburg, hat ein Jahr lang an einem Umweltprojekt in Athen mitgewirkt und in dieser Zeit Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen. Er hat erlebt, wie der Mutter eines griechischen Freundes mehrfach die Rente gekürzt wurde, wie Nachbarn auszogen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten, wie Geschäfte in seiner Straße schließen mussten, wie die Menschen sich durch das Spardiktat zutiefst in ihrer Würde verletzt fühlten. Nach Deutschland zurückgekehrt, hört er fassungslos, wie in Medien, Politik und Alltag über die »Pleitegriechen« hergezogen wird. Während hierzulande der Vorwurf populär ist, die Griechen würden über ihre Verhältnisse leben, hat er das Gegenteil gesehen: dass immer mehr Menschen in die Armut abstürzen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich mit sachlichen Kommentaren die einen themenbezogenen Beitrag zur Diskussion liefern. Danke. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen
  2. FRANK SCHUSTER aus Lüneburg...

    ... muss nicht für ein Jahr nach Griechenland oder sonstwo in Europa rumkurven, um Ungerechtigkeit und Armut zubetrachten. Das kann er im eigenen Land sehen und auf andere Europäer hochrechnen, wenn er denn dazu in der Lage ist und willens zu begreifen, dass nicht "faule Griechen", sondern korrupte Politker, Bangster, Spekulanten u.ä. Gestalten seine Gegner sind.

    Aber als Bankangestellter wird ihm, wie vielen anderen auch, das Eigenheim, sein Auto, sein Urlaub (vielleicht in Griechenland) näher sein als ein Europa der Bürger.

    6 Leserempfehlungen
  3. 3. [...]

    Entfernt. Verwenden Sie keine Zitate, die offensichtlich der Diffamierung dienen. Danke, die Redaktion/kvk

    5 Leserempfehlungen
  4. „Nicht Arbeit, die auf unmittelbare Existenzsicherung ausgerichtet ist, sondern ein Handeln, das auf politische Teilhabe und Gestaltung abzielt, schafft die europäische Zivilgesellschaft.“

    Einfach ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen und das „Europa ohne Europäer“ – Problem erledigt sich von selbst.
    Nur das dieses Konzept, der „Parlamentarischen Demokratie ohne echt Demokraten“ zuwiderläuft läuft. Schließlich würde es die ökonomischen und politischen Machteliten, in ihrer Entscheidungsfreiheit einschränken, durch direkte Mitbestimmung durch Alle.

    Ein „Europa der Europäer“, ist ohne „eine Demokratie ohne echte Demokraten“ nicht möglich.
    Sollte dieses "falsche" Europa dennoch aus „Sachzwang“ umgesetzt werden, droht letztendlich ein europäischer Bürgerkrieg.

    11 Leserempfehlungen
    • Kelhim
    • 09.06.2012 um 15:10 Uhr

    Die Perspektive auf den gleichen Gegenstand zu wechseln, ihn von einer anderen Seite zu betrachten, andere Meinungen nachzuvollziehen, ohne ihnen immer gleich böse Absichten zu unterstellen, aus mangelnder Information resultierende Vorurteile zu überwinden, sich auch mal selber korrigieren zu können, weil man seine Nachbarn kennengelernt hat - das sind wohl die Ziele dieser Initiative, die man eigentlich nur begrüßen kann.

    Das ist ein Europa der Bürger, und nur dieses Europa wird auch eine erfolgreiche Zukunft haben, weil gute Zusammenarbeit und Verzahnung politischer und wirtschaftlicher Politik auf einem Fundament demokratischer und bürgernäherer Institutionen als bisher die Bedeutung Europas in der Welt sichern. Nicht das Schneckenhaus-Europa "der Vaterländer".

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  5. Vielleicht werden die Banken ja Stipendien zur Verfügung stellen, wenn sich die Einsicht durchsetzt dass so die Akzeptanz zur Ausbeutung ganzer Völker steigt.

    Und wenn man dann noch die BLÖD Zeitung verbietet...
    (sorry, ich vergaß Pressefreiheit)

    2 Leserempfehlungen
  6. Sehr, sehr gutes Projekt! Leider erfährt es, auch medial, nicht die Beachtung, die es verdient hätte.

    Das beste, was gegen eine Zerplitterung Europas hilft sind nicht irgendwelche REttungsschirme sondern genau solche Projekte, die die Menschen der einzelnen Länder enger miteinander verzahnen.

    6 Leserempfehlungen
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    Europa wird nur noch über die täglichen Krisen-Schlagzeilen wahrgenommen. Aber es braucht statt ängsteschürenden, entmutigenden Schlagzeilen, viel mehr mutige und engagierte Herzen und Talente. Und so reise ich 2012 durch alle 28 europ. Länder und Hauptstädte und spreche dort mit den Menschen vor Ort. Was ich bisher in den ersten 11 Ländern erleben durfte, macht mir Mut und motiviert, mich künftig mehr für meine Heimat Europa und die Menschen die hier leben, zu engagieren. Wie wir aus der Neurobiologie wissen, machen uns Ängste starr und unbeweglich. Inspirieren und Informieren hingegen regt uns an und öffnet Geist und Herzen. Nur so geschieht die Veränderung.

    "Sei die Veränderung die du sehen willst" *M. Ghandi. Genau das will ich mit meinem Europa-Buch sein.

    Europa wird nur noch über die täglichen Krisen-Schlagzeilen wahrgenommen. Aber es braucht statt ängsteschürenden, entmutigenden Schlagzeilen, viel mehr mutige und engagierte Herzen und Talente. Und so reise ich 2012 durch alle 28 europ. Länder und Hauptstädte und spreche dort mit den Menschen vor Ort. Was ich bisher in den ersten 11 Ländern erleben durfte, macht mir Mut und motiviert, mich künftig mehr für meine Heimat Europa und die Menschen die hier leben, zu engagieren. Wie wir aus der Neurobiologie wissen, machen uns Ängste starr und unbeweglich. Inspirieren und Informieren hingegen regt uns an und öffnet Geist und Herzen. Nur so geschieht die Veränderung.

    "Sei die Veränderung die du sehen willst" *M. Ghandi. Genau das will ich mit meinem Europa-Buch sein.

  7. In welcher Sprache unterhalten sich die Leute (Lehrerin, Bankangestellter, polnischer Rentner, griechische Freunde und Bekannte) ?

    Könnte es da bei 27 Ländern Schwierigkeiten geben ? so im "real life"?

    Grüße

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    • Kelhim
    • 09.06.2012 um 16:32 Uhr

    Oder sogar die dortige Landessprache. Ganz im Real Life, erstaunlich, nicht wahr?

    Beck spricht in seinem Artikel von "Experten und Intellektuellen". Da er mit Sicherheit kein Experte ist, so viel Einsicht wird er wohl haben, hält er sich zwangsläufig für einen Intellektuellen.

    [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/kvk

    • Kelhim
    • 09.06.2012 um 16:32 Uhr

    Oder sogar die dortige Landessprache. Ganz im Real Life, erstaunlich, nicht wahr?

    Beck spricht in seinem Artikel von "Experten und Intellektuellen". Da er mit Sicherheit kein Experte ist, so viel Einsicht wird er wohl haben, hält er sich zwangsläufig für einen Intellektuellen.

    [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/kvk

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