Der Soziologe Urlrich Beck © Michael Schörning dpa

Kurz nachdem er Bundeskanzler geworden war, rief Gerhard Schröder einen kleinen Gesprächskreis von Intellektuellen und Experten zusammen, um die Frage zu diskutieren: Kann der Begriff »Zivilgesellschaft« zu einer verschiedene Politikfelder übergreifenden Leitidee werden, um Wirtschaftswachstum, politische Freiheit und sozialen Zusammenhalt in Zeiten der Globalisierung zu verbinden? Die Gespräche verliefen sehr lebhaft und wurden von Schröder mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Sie kreisten beispielsweise um die Frage, wie der Entstehung einer neuen Unterklasse von Ausgeschlossenen, von Menschen also, die weder zum Arbeitsmarkt noch zur Zivilgesellschaft und ihren politischen Institutionen einen Zugang finden, begegnet werden kann.

Dieser Versuch, für die rot-grüne Regierung Schröder eine politische Programmatik zu entwerfen, starb an dem Tag, an dem eine von Schröder in Auftrag gegebene repräsentative Meinungsumfrage zu dem Ergebnis kam: Die Deutschen können nicht zwischen Zivilgesellschaft und Zivildienst unterscheiden.

Dass dies immer noch gilt, wird an der aktuellen Debatte sichtbar, die das Manifest Wir sind Europa (ZEIT Nr. 19/12) beispielsweise in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgelöst hat (Edo Reents, 4. 5. 2012; Günther Lottes, 10. 5. 2012). Das Projekt Europa – wie aus Feinden Nachbarn werden – droht zu scheitern. Vielen Europäern geht es wie Helmut Kohl, der mit Blick auf die gegenwärtige Bundeskanzlerin sagte: »Das Mädel macht mir mein Europa kaputt!« Sie ertragen die kulturelle Hegemonie der Europaskeptiker nicht länger und fordern: Hört auf mit dem Jammern!

In dieser Entscheidungssituation rufen Helmut Schmidt, Jürgen Habermas, Herta Müller, Senta Berger, Jacques Delors, Richard von Weizsäcker, Imre Kertész und viele mehr – »ein paar Meinungsprominente«, wie die Frankfurter Allgemeine schreibt – dazu auf, das Sonntagseuropa, das Europa ohne Europäer, zu überwinden, und ein Alltagseuropa, ein Europa der Bürger, ein Europa von unten, zu gründen; und dies nicht durch Worte, sondern durch Taten, durch »doing Europe«. Ein freiwilliges europäisches Jahr soll nicht nur der jüngeren Generation und den Bildungseliten, sondern allen, auch Rentnern, Berufstätigen, Arbeitslosen ermöglichen, in einem anderen Land, einem anderen Sprachraum ein Stück europäische Zivilgesellschaft zu verwirklichen, wie sie Hannah Arendt im Konzept Vita activa programmatisch fasste. Nicht Arbeit, die auf unmittelbare Existenzsicherung ausgerichtet ist, sondern ein Handeln, das auf politische Teilhabe und Gestaltung abzielt, schafft die europäische Zivilgesellschaft.

Edo Reents vermisst »das ›soziale‹ im freiwilligen Jahr« und vermutet: »Die Initiatoren werden es mit Bedacht weggelassen haben, denn das hätte sonst zu sehr nach Knochenarbeit, also Hinternabwischen und so etwas... geklungen.« Und Günther Lottes tappt in dieselbe Falle, Zivilgesellschaft mit Zivildienst zu verwechseln: »Wollen wir gegenseitig in unseren Altenheimen hospitieren oder sollen deutsche Arbeitslose aus ihren Mietskasernen in die französischen Wohnsilos umziehen? Spontan ist man verunsichert, ob man nicht doch im Wahlprogramm der FDP gelandet ist, die ihre Fürsorge für das Hotelgewerbe zu weit getrieben hat.«

Wer solche Missverständnisse pflegt, ist blind gegenüber der Botschaft des Manifests Wir sind Europa: Der Kern der Euro-Krise liegt nicht nur bei den Banken oder den Griechen oder den Defiziten der Fiskalunion – was fehlt, ist eine europäische Zivilgesellschaft im Sinne Hannah Arendts, die in Projekten wie einem freiwilligen europäischen Jahr für alle beginnt. Dafür einige Beispiele.

Nehmen wir an, das freiwillige europäische Jahr für alle ist bereits Wirklichkeit. Frank Schuster, 44 Jahre alt, Bankangestellter in Lüneburg, hat ein Jahr lang an einem Umweltprojekt in Athen mitgewirkt und in dieser Zeit Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen. Er hat erlebt, wie der Mutter eines griechischen Freundes mehrfach die Rente gekürzt wurde, wie Nachbarn auszogen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten, wie Geschäfte in seiner Straße schließen mussten, wie die Menschen sich durch das Spardiktat zutiefst in ihrer Würde verletzt fühlten. Nach Deutschland zurückgekehrt, hört er fassungslos, wie in Medien, Politik und Alltag über die »Pleitegriechen« hergezogen wird. Während hierzulande der Vorwurf populär ist, die Griechen würden über ihre Verhältnisse leben, hat er das Gegenteil gesehen: dass immer mehr Menschen in die Armut abstürzen.