Martenstein"Alle hatten eine Meinung – außer Martenstein"

Harald Martenstein über den Kampf um das Urheberrecht

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Martenstein schlug die Zeitung auf und fand eine Art Manifest. Es ging um das Urheberrecht. Zahlreiche Autoren verlangten, dass man für ihre Texte bezahlen soll, wenn man sie lesen möchte. Wenn die Autoren mit ihrer Arbeit kein Geld mehr verdienen, wird der Autorenberuf nämlich sehr ungemütlich. Man sagt zwar »der Beifall ist das Brot des Künstlers«, aber das ist nur Folklore. Martenstein leuchtete das Manifest ein, Texte gibt es nicht gratis, er fand diese Idee naheliegend und vernünftig. Gleichzeitig war er beunruhigt, weil da die Namen von hundert Autoren standen, von denen er einige persönlich kannte, aber ihn hatte niemand nach seiner Ansicht über das Urheberrecht gefragt. Konnte es sein, dass er so unbedeutend war? Spielte sein Name unter einem Manifest politisch wirklich überhaupt keine Rolle? Oder lag es wieder einmal an dem kaputten Handy?

Er las die Liste der Namen ein zweites Mal. Nun, mit dem einen oder anderen konnte er es an Bedeutsamkeit wohl schon aufnehmen. Das war sehr beunruhigend. Auch ein bisschen demütigend.

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In den folgenden Tagen schwoll die Zahl der Unterzeichner des Manifestes an, es waren erst 500, dann 1.000, dann 1.500. Es handelte sich praktisch um den gesamten deutschen Kulturbetrieb, soweit er schreibt. Alle hatten zum Urheberrecht eine Meinung – alle, außer Martenstein. Vielleicht hätte er selber etwas unternehmen sollen. Passivität, das war ja immer sein Problem. Wer organisierte das überhaupt? Eine Literaturagentur. Sollte er dort anrufen? Um zu sagen, dass er auch für das Urheberrecht eintrat? Leidenschaftlicher als manch anderer? Schon immer? Das würde, so spät, irgendwie peinlich wirken. Allmählich entstand eine Gegenbewegung. Es gab ein Gegenmanifest. Martenstein dachte: Na gut, man hält mich offenbar für einen Nonkonformisten, sie denken, dass ich sowieso gegen das Urheberrecht bin. Was aber sollte er den Gegnern des Urheberrechts sagen, wenn sie bei ihm anriefen? Er hatte inzwischen nicht übel Lust, sich auf ihre Seite zu schlagen. »Ich will kein Geld für meine Texte. Ich will nur Liebe.« Aber die anderen riefen auch nicht an. Das war richtig unheimlich inzwischen.

Im Grunde war das Urheberrecht eine unbedeutende Fußnote der Geistesgeschichte. Martenstein beschloss, niemals auch nur eine einzige Zeile über das Urheberrecht zu verfassen. Seine Themen fand er im Ewigmenschlichen, nicht in den Niederungen politischer Tagesthemen. Statt dem Urheberrecht widmete er seine Kolumne einem neuen literarischen Trend. Autoren traten in ihren eigenen Texten als Kunstfigur auf, und zwar unter ihrem eigenen Namen. Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe hatte zum Beispiel ein Buch geschrieben, das Hoppe hieß und in dem es um eine Schriftstellerin namens Felicitas Hoppe ging, das Buch war offenbar sehr gut. Dasselbe Verfahren war Martenstein auch im neuesten Roman des von ihm bewunderten Michel Houellebecq aufgefallen, dort wird ein extrem egozentrischer und wenig sympathischer Schriftsteller namens Houellebecq bestialisch ermordet. Auch der Autor Stephen King trat, wie Martenstein sich zu erinnern glaubte, in den Stephen-King-Romanen gelegentlich als großspuriger Wichtigtuer »Stephen King« auf und ließ sich dabei in der Regel ermorden. Wichtig war, dass der Autor, der in seinem eigenen Text zu seiner eigenen Figur wird, keinesfalls eine liebenswerte Rolle spielt. Nur wenn der Urheber eines Textes sich selbst als einen eitlen Widerling oder zumindest als fragwürdigen Charakter beschreiben kann, hat er, vielleicht, das Recht zu diesem Kunstgriff.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
    • Kometa
    • 31.05.2012 um 10:02 Uhr
    1. ABER:

    ABER:
    Leser sollten diese einmontierte, angeblich zur Belustigung der Leser erfundene Kunstfigur als Vertreter seines Autors nicht ermorden?
    ABER:
    Wie denn auch: Sie, die gemütig, pardon: demütig vor sich hinlesenden (eben:) L e s e r (also: pii et stulti lectores) müssten in das Urheberrecht eingreifen und die Texte verändern können? Sozusagen frech und beherrschend und wichtigtuerisch schreibend und publizierend werden?
    Irgendwann wäre der Autor gar nicht mehr der auctor seiner Texte, gar seiner selbst?
    Wie kauzt da ein schönes jiddisches Sprichwort:
    "An ójlem is nit kein gójlem."
    Deutsch in etwa: Das Publikum ist kein Gólem (der sich von dem begnadeten Rabbi kommandieren läßt).
    (Held oder Autor) Martenstsein, ich kann es nicht unterscheiden ... - weil: In Deutschland kann jedes Amtsgericht einen Verstoß gegen das Urheberrechtsschutzgesetz brutal sanktionieren. Hunderte von sog. Rechtsanwaltskanzleien warten darauf, mit Abhör-, oh: das klingt fies, mit Kopierschutz-Software zuzuschlagen, pardon: zu rechteln.

    Natürlich gibt es keine Polizei, die dem Autor diese Aufgabe abnimmt.
    Aber die einige tausend SchreiberlInge, die sich in unsinnige Autorenschutz-Listen eintragen, befriedigen ihr eigenes klein-kulturelles Bedürfnis.
    Und das soll als Kulturschock rüberkommen; wobei die Zahl der Leser pro Buch rückläufig gegen ein(E)m tendiert.

    • essilu
    • 31.05.2012 um 13:45 Uhr

    ...der Mensch lebt nicht vom Brot allein...
    ...es braucht der Künstler das Brot,
    ...es brauchen die Menschen die Kunst als Nahrung.
    Ein Geben und Nehmen auf gleicher Augenhöhe.
    Was das Urheberrecht betrifft, so bin ich auf der Seite der Künstler...

    3 Leserempfehlungen
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    Es scheint dass Sie wie so viele mal wieder nur die Überschriften gelesen haben.

    Falls Sie diese Unterstellung beleidigt tut es mir Leid, aber Ihr Kommentar deutet darauf hin, dass Sie der Lüge aufgesessen sind, die Gegner der "Wir sind die Urheber"-Kampagne sind gegen eine angemessene Bezahlung von Urhebern. Dies ist nämlich keinesfalls so.

    Allerdings ist das Urheberrecht, mit seinen momentanen Regeln und Bestimmungen alles andere als gerecht und schießt an seiner Grundidee, einen FAIREN Ausgleich zu schaffen, vollkommen vorbei.

    Also bitte informieren, hier kann man anfangen:
    http://wir-sind-urheber.de/
    (nicht zu verwechseln mit der im Artikel erwähnten Kampagne)

    Es scheint dass Sie wie so viele mal wieder nur die Überschriften gelesen haben.

    Falls Sie diese Unterstellung beleidigt tut es mir Leid, aber Ihr Kommentar deutet darauf hin, dass Sie der Lüge aufgesessen sind, die Gegner der "Wir sind die Urheber"-Kampagne sind gegen eine angemessene Bezahlung von Urhebern. Dies ist nämlich keinesfalls so.

    Allerdings ist das Urheberrecht, mit seinen momentanen Regeln und Bestimmungen alles andere als gerecht und schießt an seiner Grundidee, einen FAIREN Ausgleich zu schaffen, vollkommen vorbei.

    Also bitte informieren, hier kann man anfangen:
    http://wir-sind-urheber.de/
    (nicht zu verwechseln mit der im Artikel erwähnten Kampagne)

    • Behh
    • 31.05.2012 um 15:15 Uhr

    Warum erniedrigen sich Autoren in ihren Werken selbst? Wie zu allen Dingen unseres Lebens gibt es natürlich auch dazu ein ganz hervorragendes "Simpsons"-Zitat. Leider ist das urheberrechtlich geschützt. Also muß wieder Oscar Wilde ran:

    "When we blame ourselves, we feel that no one else has a right to blame us."

    Wenn wir uns selbst als Ausgeburt der Hölle schildern, glauben wir, niemand habe mehr das Recht, uns zu verteufeln.

    Das Urheberrecht auf den Satz von Wilde ist nach heutigem Recht 41 Jahre erloschen. Die Übersetzung ist von mir. Die Rechte gehören mir, bis 70 Jahre nach meinem Tod. Sie sind meins, mei - ei - ns. MEINS! Mehhh

    [Der Autor ist leider an der allzu großen Vorfreude verstorben.]

    Hoffentlich bleibt nie jemand länger als 70 Jahre tot.

    4 Leserempfehlungen
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    Warum erniedrigen sich Autoren in ihren Werken selbst? Wie zu allen Dingen unseres Lebens gibt es natürlich auch dazu ein ganz hervorragendes "Simpsons"-Zitat. Leider ist das urheberrechtlich geschützt.

    Sie hätten auch Wilhelm Busch zitieren können; der Herr ist schließlich länger als 70 Jahre tot.

    Die Selbstkritik

    Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
    So hab' ich erstens den Gewinn,
    Daß ich so hübsch bescheiden bin;

    Zum zweiten denken sich die Leut,
    Der Mann ist lauter Redlichkeit;
    Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
    Vorweg den andern Kritiküssen;

    Und viertens hoff' ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    So kommt es denn zuletzt heraus,
    Daß ich ein ganz famoses Haus.

    Warum erniedrigen sich Autoren in ihren Werken selbst? Wie zu allen Dingen unseres Lebens gibt es natürlich auch dazu ein ganz hervorragendes "Simpsons"-Zitat. Leider ist das urheberrechtlich geschützt.

    Sie hätten auch Wilhelm Busch zitieren können; der Herr ist schließlich länger als 70 Jahre tot.

    Die Selbstkritik

    Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
    So hab' ich erstens den Gewinn,
    Daß ich so hübsch bescheiden bin;

    Zum zweiten denken sich die Leut,
    Der Mann ist lauter Redlichkeit;
    Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
    Vorweg den andern Kritiküssen;

    Und viertens hoff' ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    So kommt es denn zuletzt heraus,
    Daß ich ein ganz famoses Haus.

  1. Autoren zeigen immer die Verfehlungen oder die Liebe zu ihren
    Mitmenschen auf.
    Niemals jedoch die Wahrheit über sich selbst.
    Da ist tiefstes Schweigen angesagt.
    Und das ist gut so.

    • Meykos
    • 03.06.2012 um 9:42 Uhr

    "Im Grunde war das Urheberrecht eine unbedeutende Fußnote der Geistesgeschichte."

    Dazu fallen mir uralte Urheber ein:

    http://www.freitag.de/com...

  2. das Gadget in der letzten Zeit mit der man Martenstein in die cäsarische Unsterblichkeit befördern könnte

    Punkt Komma Strich wurden für Schmierereien aus dem Text entfernt

  3. Es scheint dass Sie wie so viele mal wieder nur die Überschriften gelesen haben.

    Falls Sie diese Unterstellung beleidigt tut es mir Leid, aber Ihr Kommentar deutet darauf hin, dass Sie der Lüge aufgesessen sind, die Gegner der "Wir sind die Urheber"-Kampagne sind gegen eine angemessene Bezahlung von Urhebern. Dies ist nämlich keinesfalls so.

    Allerdings ist das Urheberrecht, mit seinen momentanen Regeln und Bestimmungen alles andere als gerecht und schießt an seiner Grundidee, einen FAIREN Ausgleich zu schaffen, vollkommen vorbei.

    Also bitte informieren, hier kann man anfangen:
    http://wir-sind-urheber.de/
    (nicht zu verwechseln mit der im Artikel erwähnten Kampagne)

    Antwort auf ""Brot"..."
  4. Warum erniedrigen sich Autoren in ihren Werken selbst? Wie zu allen Dingen unseres Lebens gibt es natürlich auch dazu ein ganz hervorragendes "Simpsons"-Zitat. Leider ist das urheberrechtlich geschützt.

    Sie hätten auch Wilhelm Busch zitieren können; der Herr ist schließlich länger als 70 Jahre tot.

    Die Selbstkritik

    Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
    So hab' ich erstens den Gewinn,
    Daß ich so hübsch bescheiden bin;

    Zum zweiten denken sich die Leut,
    Der Mann ist lauter Redlichkeit;
    Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
    Vorweg den andern Kritiküssen;

    Und viertens hoff' ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    So kommt es denn zuletzt heraus,
    Daß ich ein ganz famoses Haus.

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