Patti Smith, 65, bringt jetzt ihr neues Album "Banga" heraus. © Sony Music

DIE ZEIT: Mrs. Smith, Ihr neues Album Banga ist nach einem Hund in Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarita benannt. In Songtexten zitieren Sie Blake, Gogol und Rimbaud. Wollen Sie Ihre Hörer unterhalten oder weiterbilden?

Patti Smith: Ach, »Weiterbildung« ist so ein strenger Begriff; ich sehe es eher so, dass ich spannende Informationen mit meinem Publikum teile. Vielleicht ist das Weiterbildung, aber »weitervermitteln« klingt netter, oder? Bulgakow und Gogol habe ich ja auch erst 2008 gelesen und möchte solche tollen Entdeckungen eben gern teilen. Außerdem maße ich mir nicht an, andere Menschen zu unterschätzen. Ich denke nie: Ich kann William Blake leider nicht erwähnen, weil ein Großteil des Publikums diesen Dichter vielleicht nicht kennt. Ich hoffe eher, dass einige Menschen Blake durch mich endlich kennenlernen. Außerdem: Ich habe sowieso keine Ehrfurcht vor Künstlern wie Rimbaud, Bulgakow oder William Blake. William Blake ist mir nicht wichtiger als Johnny Depp.

ZEIT: Letztgenannter Hollywoodstar spielt Gitarre auf einigen Songs Ihres neuen Albums. Wie kam es dazu?

Smith: Johnny Depp spielt da nicht nur Gitarre, sondern auch Schlagzeug. Verrückt, oder? Johnny ist ein Freund von mir, und ich habe ihn bei den Dreharbeiten zu The Rum Diary besucht. Da saß er rum und spielte mal wieder Gitarre, er hat nämlich immer eine dabei. Sogar wenn er Auto fährt, liegt eine kleine Gitarre auf dem Beifahrersitz. Mir dämmerte jedenfalls, dass er bald Geburtstag hat und ich noch kein Geschenk für ihn habe: Also schrieb ich ihm zum Geburtstag den Song Nine, denn Johnny hat am 9. Juni Geburtstag. Später, als ich ihn mal auf seinem Boot besuchte, kam mir die Idee zu einem weiteren Song, nämlich Banga. Ich hatte Angst, sie zu vergessen, da holte Johnny ein Aufnahmegerät und nahm den Song mit mir auf. Ich sagte ihm, wie ich mir den Gitarren-Sound vorstelle, und er spielte ihn perfekt. Später schickte er mir die Aufnahme, die er selber mit Schlagzeug und weiteren Gitarrensounds vervollständigt hatte.


ZEIT:
Was unterscheidet den Amateur vom Musiker?

Smith: Keine Ahnung, ich definiere mich zumindest nicht als Musikerin, eher als Amateur. Vielleicht auch als eine Künstlerin, die gerne Texte schreibt. Von all den Fertigkeiten, die man als Musiker haben sollte, besitze ich nichts.

ZEIT: Trotzdem gilt Ihr 1975 veröffentlichtes Debütalbum Horses als eines der wichtigsten Werke der Rockmusik. Nun haben Sie Ihr neues Album im selben New Yorker Studio eingespielt, in dem Horses entstand. Was zog Sie dorthin zurück?

Smith: Die ungebrochene Magie der Electric Lady Studios lockte mich zurück. Ursprünglich gehörte das Studio Jimi Hendrix, der es 1968 bauen ließ und dort Electric Ladyland einspielte. Da lernte ich Jimi auch gut kennen und war von seinem Willen, die Welt durch Musik zu verändern, tief beeindruckt. Bereits meine erste Single Piss Factory nahm ich dort 1974 auf, und die Aufregung, die ich damals spürte, fühle ich da immer noch. Ich bin danach mit einer Plastiktüte voll mit meinen Platten durch den Central Park gelaufen und habe die Piss-Factory-Singles für je einen Dollar an Passanten verkauft.

ZEIT: Das ist lange her. Ihr mit dem National Book Award ausgezeichnetes Memoiren-Buch Just Kids wurde vor zwei Jahren in den USA zum Überraschungsbestseller. Auch Ausstellungen Ihrer Foto-Arbeiten waren zuletzt erfolgreich. War Ihr Manager eigentlich glücklich darüber, dass Sie nun Ihre Zeit einem Album widmen, das vermutlich kein kommerzieller Renner wird?

Smith: Das ist der Grund dafür, dass ich gar keinen Manager habe, denn ich entscheide alles intuitiv. Ich habe noch nie etwas aus Karrieregründen beschlossen. Manager nehmen ihren Klienten die Entscheidungen ab. Aber warum? Ich weiß, was ich will und was ich nicht will. Für juristische Probleme habe ich einen Anwalt. Meine sogenannte Karriere war mir immer egal.