DIE ZEIT: Mrs. Smith, Ihr neues Album Banga ist nach einem Hund in Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarita benannt. In Songtexten zitieren Sie Blake, Gogol und Rimbaud. Wollen Sie Ihre Hörer unterhalten oder weiterbilden?

Patti Smith: Ach, "Weiterbildung" ist so ein strenger Begriff; ich sehe es eher so, dass ich spannende Informationen mit meinem Publikum teile. Vielleicht ist das Weiterbildung, aber "weitervermitteln" klingt netter, oder? Bulgakow und Gogol habe ich ja auch erst 2008 gelesen und möchte solche tollen Entdeckungen eben gern teilen. Außerdem maße ich mir nicht an, andere Menschen zu unterschätzen. Ich denke nie: Ich kann William Blake leider nicht erwähnen, weil ein Großteil des Publikums diesen Dichter vielleicht nicht kennt. Ich hoffe eher, dass einige Menschen Blake durch mich endlich kennenlernen. Außerdem: Ich habe sowieso keine Ehrfurcht vor Künstlern wie Rimbaud, Bulgakow oder William Blake. William Blake ist mir nicht wichtiger als Johnny Depp.

ZEIT: Letztgenannter Hollywoodstar spielt Gitarre auf einigen Songs Ihres neuen Albums. Wie kam es dazu?

Smith: Johnny Depp spielt da nicht nur Gitarre, sondern auch Schlagzeug. Verrückt, oder? Johnny ist ein Freund von mir, und ich habe ihn bei den Dreharbeiten zu The Rum Diary besucht. Da saß er rum und spielte mal wieder Gitarre, er hat nämlich immer eine dabei. Sogar wenn er Auto fährt, liegt eine kleine Gitarre auf dem Beifahrersitz. Mir dämmerte jedenfalls, dass er bald Geburtstag hat und ich noch kein Geschenk für ihn habe: Also schrieb ich ihm zum Geburtstag den Song Nine , denn Johnny hat am 9. Juni Geburtstag. Später, als ich ihn mal auf seinem Boot besuchte, kam mir die Idee zu einem weiteren Song, nämlich Banga . Ich hatte Angst, sie zu vergessen, da holte Johnny ein Aufnahmegerät und nahm den Song mit mir auf. Ich sagte ihm, wie ich mir den Gitarren-Sound vorstelle, und er spielte ihn perfekt. Später schickte er mir die Aufnahme, die er selber mit Schlagzeug und weiteren Gitarrensounds vervollständigt hatte.


ZEIT:
Was unterscheidet den Amateur vom Musiker?

Smith: Keine Ahnung, ich definiere mich zumindest nicht als Musikerin, eher als Amateur. Vielleicht auch als eine Künstlerin, die gerne Texte schreibt. Von all den Fertigkeiten, die man als Musiker haben sollte, besitze ich nichts.

ZEIT: Trotzdem gilt Ihr 1975 veröffentlichtes Debütalbum Horses als eines der wichtigsten Werke der Rockmusik. Nun haben Sie Ihr neues Album im selben New Yorker Studio eingespielt, in dem Horses entstand. Was zog Sie dorthin zurück?

Smith: Die ungebrochene Magie der Electric Lady Studios lockte mich zurück. Ursprünglich gehörte das Studio Jimi Hendrix, der es 1968 bauen ließ und dort Electric Ladyland einspielte. Da lernte ich Jimi auch gut kennen und war von seinem Willen, die Welt durch Musik zu verändern, tief beeindruckt. Bereits meine erste Single Piss Factory nahm ich dort 1974 auf, und die Aufregung, die ich damals spürte, fühle ich da immer noch. Ich bin danach mit einer Plastiktüte voll mit meinen Platten durch den Central Park gelaufen und habe die Piss-Factory -Singles für je einen Dollar an Passanten verkauft.

ZEIT: Das ist lange her. Ihr mit dem National Book Award ausgezeichnetes Memoiren-Buch Just Kids wurde vor zwei Jahren in den USA zum Überraschungsbestseller. Auch Ausstellungen Ihrer Foto-Arbeiten waren zuletzt erfolgreich. War Ihr Manager eigentlich glücklich darüber, dass Sie nun Ihre Zeit einem Album widmen, das vermutlich kein kommerzieller Renner wird?

Smith: Das ist der Grund dafür, dass ich gar keinen Manager habe, denn ich entscheide alles intuitiv. Ich habe noch nie etwas aus Karrieregründen beschlossen. Manager nehmen ihren Klienten die Entscheidungen ab. Aber warum? Ich weiß, was ich will und was ich nicht will. Für juristische Probleme habe ich einen Anwalt. Meine sogenannte Karriere war mir immer egal.

"Der Erfolg tat mir damals sowieso nicht gut"

ZEIT: Sie sagten mal, dass Sie Ihrer eigenen Karriere oft im Weg standen...

Smith: Nehmen Sie Because the Night , meinen einzigen Hit. Das Album dazu, Easter , wurde damals von vielen Händlern in den USA boykottiert, weil ich da meine unrasierten Achseln zur Schau stelle. Diese Achselhaare sorgten bei vielen ehrenwerten Menschen für Empörung, und wir reden hier nicht vom Mittelalter, sondern vom Jahr 1978. Dazu kam der Song Rock N Roll Nigger vom selben Album. Die Plattenfirma bat mich dringend, den Titel zu ändern, was ich ablehnte. Es war wohl auch nicht ganz so geschickt, 1979, auf dem Höhepunkt meiner Karriere, alles stehen und liegen zu lassen und mich nur noch um meine Familie zu kümmern. Ich kann heute verstehen, dass das für viele Menschen nicht nachvollziehbar war. Aber ich kann auch sagen, dass ich nichts bereue.

ZEIT: Flippte Ihre Plattenfirma nicht völlig aus, als Sie einfach die Arbeit niederlegten?

Smith: Das war unvorstellbar! Was glauben Sie, was da los war? Mein Telefon klingelte Sturm! Menschen brüllten und flehten, dass ich den Verstand verloren hätte. Aber das beeindruckte mich nicht, weil ich eine Grundsatzentscheidung getroffen hatte, zu der ich stand. Ich war ja nicht blöd, ich verstand, warum die alle durchdrehten, aber wenn man es nicht karrieretechnisch, sondern menschlich sieht, war alles richtig. Der Erfolg tat mir damals sowieso nicht gut, ich realisierte, dass ich zunehmend unter Strom stand und viel negative Energie aufbaute, immer fordernder und letztlich verdorben wurde. Ich entwickelte mich nicht mehr, weder künstlerisch noch intellektuell, weil der Ruhm mich so stresste. Ich bin froh, dass ich dann 16 Jahre mit meinem Ehemann Fred Sonic Smith und unseren zwei Kindern verbringen durfte. Er starb viel zu früh. Außerdem lernte ich in diesen Jahren der Auszeit Demut.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Smith: Ich hatte vorher nie begriffen, wie hart der Beruf der Hausfrau und Mutter ist. Ich wusste die Arbeit meiner Mutter nie zu schätzen, weil ich schon als Teenager Künstler werden wollte und ihr Lebensmodell mir fremd war. Was Frauen opfern, um für ihre Kinder da zu sein, ging mir spät auf.

ZEIT: Wie wichtig ist Ihnen kommerzieller Erfolg?

Smith: Der Begriff "kommerzieller Erfolg" ist mir fremd. Nennen Sie es lieber "Massenkommunikation". Aber verstehen Sie mich nicht falsch, Erfolg ist eine tolle Sache. Aber wenn etwas erfolgreich ist, heißt das ja nicht sofort, dass etwas kommerziell angelegt ist. Das ist ein weitverbreitetes Missverständnis, über das ich mich immer wieder wundere. Als ich meinen Hit Because the Night hatte, bekam ich die Verachtung meines Publikums zu spüren. Es hieß, ich sei keine "Punk-Rockerin" mehr, weil ich nun im Radio zu hören war. Es hieß, ich sei "kommerziell" geworden. Meine Antwort war: "Ihr seid alle Arschlöcher! Denn ich bin immer noch dieselbe Person, die Rock N Roll Nigger sang. Weil ich nun einen Hit habe, bin ich kein anderer Mensch geworden."

ZEIT: Schert es Sie, ob sich Ihr neues Album verkauft?

Smith: Selbstverständlich. Wenn es viele kaufen, hören es auch viele. Und jeder, der etwas Kreatives schafft, hofft auf ein Publikum. Der irrwitzige kommerzielle Erfolg meines Buches Just Kids hat mich aber völlig unerwartet getroffen. Ich erwartete wirklich, dass das so ein kleines Kultbuch werden würde. Dass davon schnell mehr als eine halbe Million weggehen, dass es in 35 Sprachen übersetzt wird, hätte ich in einer Million Jahren nicht gedacht. Umwerfend, wirklich.

ZEIT: Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?

Smith: Erst einmal bedeutet das einen unerwartet fetten Scheck. Aber viel wichtiger für mich ist, dass mein Freund, der Fotograf Robert Mapplethorpe, um den es in diesem Buch geht, einem großen Publikum noch mal erklärt wird.

ZEIT: Wie viel Zeit nehmen Sie sich, um zu schreiben – egal, ob Songtexte, Gedichte oder Romane?

Smith: Ich schreibe jeden Tag. Gleich nach dem Aufstehen beginne ich. Meistens so gegen sieben Uhr morgens bis zehn Uhr vormittags. Das ist meine Hauptarbeitszeit. Ich genieße die Stille der Frühe. Ich weiß nie so genau, was ich eigentlich schreiben will. Eine große Veränderung kam, als ich Mutter wurde. In den späten Siebzigern rauchte ich viel Pot und saß nächtelang ohne Schlaf an Texten. Eine spannende Erfahrung, die aber nicht fortzusetzen ist, wenn Kinder da sind. Ruhig arbeiten konnte ich nur noch, bevor das Baby wach war, also musste ich noch früher aufstehen. Damals schrieb ich zwischen fünf und acht Uhr morgens. Einige Jahre ging das so. Nach meinem Sohn kam noch meine Tochter. Letztlich gewöhnte ich mich an diesen Rhythmus, er wurde ein Teil meines Lebens.

ZEIT: Angeblich soll Ihr Buch Just Kids aufwendig verfilmt werden?

Smith: Ehrlich gesagt möchte ich gar nicht, dass ein Film daraus wird, und weil ich die Rechte daran besitze, entscheide ich allein, was daraus wird. Dabei hatte ich etliche hoch dotierte Angebote für die Filmrechte. Aber ich verkaufe grundsätzlich nie die Rechte an irgendwelchen meiner Arbeiten. Wer das Copyright an seinen Arbeiten verkauft , dem gehört die eigene Kunst nicht mehr. Das ist doch schrecklich! Man gibt einen Teil von sich für Geld weg. Ich finde das furchterregend.

ZEIT: Sie wurden in der New Yorker Subkultur der Siebziger groß. Heute scheint New York komplett luxussaniert. Alles dreht sich hier um Geld. Fühlen Sie sich noch wohl dort?

Smith: Gute Frage, das ist ein Problem. Aber New York ist auch meine Heimat. Ich lebe da mit meiner Tochter. Da wohnen auch noch die letzten überlebenden Freunde aus den Underground-Tagen. Aber eigentlich passe ich nicht mehr nach New York. Da haben Sie schon recht. In einigen Jahren werde ich wohl das Weite suchen. Vermutlich werde ich mir ein Häuschen am Ozean zulegen. Irgendwo an einem abgelegenen Teil der englischen Küste, wo ich ungestört schreiben und viel lesen kann.

Anm. d. Red.: Der Titel des Roman s von Michail Bulgakow wurde nach Hinweis eines Lesers korrigiert. Wir bedanken uns.