Daniel Domscheit-Berg bei einem Kongress des Chaos Computer Clubs im Dezember 2010 (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

Alle großen gesellschaftspolitischen Bewegungen kennen das Phänomen des exemplarischen Liebespaars. Ob Andreas Baader und Gudrun Ensslin, Petra Kelly und Gert Bastian oder Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine: Politpärchen erregen die Fantasie. Wenn zwei sich zusammentun, weil sie dieselben Ideale haben, dann ist das faszinierend, weil Politik und Leben sich zu durchdringen scheinen. Gefühle und Überzeugungen gehen Hand in Hand – das ist, als könnte man Authentizität mit Händen greifen. Mit Anke und Daniel Domscheit-Berg hat jetzt auch die digitale Welt erstmals ihr exemplarisches Paar.

Daniel wurde berühmt, weil er einst zusammen mit Julian Assange WikiLeaks aufgebaut hatte. Kurz vor dem Scheitelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit, als alle Medien nach ihrer Pfeife tanzten, hatten sich die zwei Freunde im Sommer 2010 heillos und nicht ohne Theatralik überworfen. Abweichende Vorstellungen darüber, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit den WikiLeaks anvertrauten Informationen aussehen müsste, hatten zum Schisma geführt.

Anke ist seit einiger Zeit ein häufiger Gast in Talkshows, die alle verzweifelt nach neuen Gesichtern suchen. Da heißt es dann meistens in der Einblendung: Anke Domscheit-Berg ist Unternehmerin und Netzaktivistin. Ihre Auftritte kreisen um Transparenz, Gleichberechtigung und digitalen Fortschritt. Man sieht dann eine Frau, die eine gewisse Härte ausstrahlt und mit der ruhigen Selbstsicherheit dessen spricht, dem der Weltgeist gerade in die Tasche spielt.

In diesem Paar kommen jedenfalls einige Tendenzen des Zeitalters prototypisch zusammen: die Verbindung von Netzavantgarde und gesellschaftspolitischem Engagement. Der Glaube, dass die Welt durch den technologischen Fortschritt eine andere geworden ist und dass damit auch ein gesellschaftspolitisches Versprechen einhergeht. Er, der Nerd und Hacker, der mit seinem Programmierer-Know-how die Machtinstitutionen dieser Welt herausforderte. Sie, die eigentlich aus der Welt der Unternehmensberatung kommt, aber rasch begriff, in welchem Maß das Internet die Bedingungen der Möglichkeit von Politik verändert. Er Jahrgang 1978, sie Jahrgang 1968. Er im Westen aufgewachsen, sie im Osten. Er der subversive Freak, der in seiner Zeit mit Julian Assange nicht frei von pubertären Allmachtsfantasien war. Sie, die drei Jahre für Microsoft gearbeitet hatte und von ihrer Zeit bei McKinsey und Accenture das kapitalistische System von innen kennt.

Am 10. Mai dieses Jahres trat das Ehepaar Domscheit-Berg den Piraten bei. Das machte viel Wirbel, weil Anke Domscheit-Berg noch immer Mitglied bei den Grünen war – die Piraten lassen Doppelmitgliedschaften zu. Die Grünen, angesichts der Piraten gerade hilflos in der Defensive, wagten nicht, Anke Domscheit-Berg auszuschließen. Da konnte man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Anke Domscheit-Berg es durchaus genoss, ihre alte Partei etwas zappeln zu lassen.

Als die beiden im Februar 2010 in einem Falafel-Laden in Berlin durch einen gemeinsamen Freund einander vorgestellt wurden, hieß es: "Das ist der WikiLeaks-Daniel, das ist die Microsoft-Anke." Später wird Daniel sagen, er habe erst einmal Mitleid für Anke empfunden, als er hörte, sie arbeite für Microsoft: "Ich komme aus der Open-Source-Welt. In meinem Leben war, wenn ich für große Unternehmen gearbeitet habe, Microsoft immer etwas, das mich ausgebremst und extrem frustriert hat." Heute sind die beiden eine erstaunliche Überzeugungsgemeinschaft. Beide wollen sie die Welt verbessern. Das sagen sie ruhig und entschieden, ohne falsches Pathos.

Lange hatten Posen der Abgeklärtheit die Diskurshoheit. Seit es die Piraten gibt, darf wieder ernsthaft über Weltverbesserung geredet werden. Der Ausdruck "zynisch und menschenverachtend" war in den vergangenen 15 Jahren automatisch ironisch gemeint gewesen, um ein geistig vermufftes Milieu des Gutmenschentums zu persiflieren. Heute haben die Piraten eine neue Polit-Ästhetik zurück ins öffentliche Bewusstsein gebracht, die eine nicht peinliche Sprache für utopische Bedürfnisse möglich macht. Für diesen neuen Ton steht auch das Ehepaar Domscheit-Berg.