Einmal ist sie an mir vorbeigefahren. Sie saß in einer schwarz glänzenden Limousine und trug – Hellblau, was sonst, im Fenster der Limousine bewegte sich ein Satinhandschuh, es waren kleinste Bewegungen, vor und zurück, ihr klares Profil drehte sich zur Seite, und für eine Schrecksekunde schien es, als sähe die Königin mich an. Herzklopfen und Schwindel! Schon war sie vorbei. Ich war auf dem Weg zum Zahnspangencheck, die Königin war auf dem Weg zum Bonner Rathaus, es muss im Mai 1965 gewesen sein, »visiting President Lübke« , notiert die Chronik von Buckingham Palace, es war der erste Staatsbesuch eines britischen Oberhauptes im Land des Feindes, in Nachkriegsdeutschland, und, glaube ich, am Bertha-von-Suttner-Platz, dieser verbauten Stadtlandschaft, wo sich unsere Wege kreuzten, dort habe ich sie gesehen, Elizabeth R.

R für Regina. Sie war schon Königin, als ich geboren wurde. Sie bewohnt Buckingham Palace in London und Balmoral im Sommer und zu Weihnachten Sandringham in Norfolk und am Wochenende ihr Windsor Castle, aber immer auch ein kleines Zimmer in meinem Herzen. Hätte ich sagen können, was ich an der Königin von England so wahnsinnig fand? Ja: Hunde und Pferde! Corgis und Dorkis, diese Gurkenwesen, die einen Nachkommen von Susan, die ein Geschenk zu Lilibets 18. Geburtstag war, von Papa, der Englands König George VI war, sowie der Mama, Elizabeth, geboren auf Glamis Castle in Schottland, auf dem schon Shakespeare die durchsetzungsfähige Lady Macbeth angesiedelt hatte. Dorkis sind übrigens Folgen eines Corgi-Seitensprungs mit Pipkin, dem Dackel ihrer kleinen Schwester Margret, die Dorkis hörten (oder nicht) auf die Namen Tinker, Pickles, Chipper, Piper, Harris, Brandy, Berry, Cider, Candy and Vulcan.

Niemand wusste mehr über die Queen als ich, keiner in unserem Dorf verfolgte Royal-News in den abgegriffenen Illustrierten so gierig. Man sah dort die Queen mit Pferden, in Gummistiefeln, unter scharf gebügelten Schottenröcken. Die Kopftücher! Über einer Brille! Meine Herzaufwallungen hätte mir niemand geglaubt. Frauen über 20 trugen sowieso Kopftücher, zumal bei der Arbeit. Vor dem Haus blubberten Gäule ihre Pferdeäpfel, ständiges Ärgernis für den Kinderstraßenkehrdienst. Natürlich fragte mich sowieso keiner nach der Queen, es war nicht die Zeit, in der man Kinder nach ihren Gefühlen befragte (auch nicht im Buckingham Palace, hört man), und was hätte man schon herausgefunden, außer dass ich, auf kindliche Weise, in der Queen verehrte, was sie in königlicher Form präsentierte, vielleicht sogar für sich selber, etwas, das in den fünfziger Jahren nach dem katastrophalen Beginn des 20. Jahrhunderts, so sicher, so verlässlich wirkte. Meine Liebe zur Queen kam zeitlich vor meiner Begeisterung für Mick Jagger und hat sie überlebt, so, und wie es aussieht, könnte die Queen auch Mick Jagger überleben, so faltenfrei, so strahlend wirkt sie mit ihren 86 Jahren neben dieser Rockruine.

Vermutlich liebt auch Mick Jagger die Queen, so wie Helen Mirren, die einmal im Film so sein durfte wie sie, Beine festgeschraubt in flachen Pumps, oder wie Michelle Obama, die neulich bei ihr eingeladen war und sich (aus 180 cm Höhe) herunterbeugte und, scharfes Inhalieren einer Nation, den Arm um die Königin (5 Fuß , 4 Zoll, ca. 162 cm) legte, ein Protokollschock erster Güte. Ungefähr so riesig wie mein Schock, als ich begriff, dass meine geheime Verehrung der Queen von Millionen geteilt wird, in England , im Commonwealth, in angeschlossenen Territorien und wer weiß wo sonst noch. Ob ich weiß, wo sonst noch die Königin die Queen ist? Klar: in Antigua und Barbuda, in Australien, auf den Bahamas, auf Barbados, in Belize und Grenada, in Kanada und Jamaika, Neuseeland und Papua-Neuguinea. Auf St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und den Grenadines, auf den Salomon Inseln und in Tuvalu und, nicht zu vergessen, in Großbritannien . Sie ist auch Queen über alle Schwäne in Großbritannien. Sie heißen »mute swans« , weil sie nicht ordentlich »Hello, Ma’am« sagen können.

Einer ihrer Biografen, Andrew Marr, hat böse bemerkt, Elizabeth sei »eine Königin einer Nation im Niedergang«. Da hat er nicht ganz unrecht. Schrumpfende Wirtschaft, explodierende Arbeitslosigkeit ! »Was genau ist es, Mr. Cameron , was Sie an dem Papier Die Wirtschaft in Schwung bringen nicht verstehen?«, lässt die Queen scharfzüngiger twittern, als sie es je sagen dürfte. Übrigens eine Satire-Quelle, aus der des Abends, egal wie der Tag war, endlose Konferenzen et cetera, zuverlässig aufmunternde Worte sprudeln: »Gin o’clock!« Zurück zur Schuldenkrise . Der Staatskrise. Wie es aussieht, haben Minister der Regierung gemeinsame Sache mit dem Medientycoon Murdoch gemacht, dessen Leute Telefongespräche britischer Bürger abhörten, für knallige Schlagzeilen. Auf den Straßen revoltieren Studenten gegen explodierende Unigebühren. Und noch immer gibt es in vielen Wohnungen keine Mischbatterie für warmes und kaltes Wasser!

Tatsächlich finden fast 70 Prozent der Briten, die Lage wäre düsterer ohne die Royals. Kein Wunder, man denke nur an Limonengelb über Apricot zu Kirschrot, zu Erbsengrün, die ganze Farbpalette, die sie tapfer aushält, damit man sie sieht, inmitten unseres allgegenwärtigen Schwarzblaugraus. Die Queen bringe etwas Durchgeknalltes in die Lage, loben ihre Untertanen. Vermutlich googeln sie wie ich in grübeligen Morgenstunden Queen+Hats. Da, die Kappe, baumgrün, mit Kirschtroddeln! Das spaghettigelbe Gewirbel, das Nest aus metallicblauen Federn, sie ist ein scharfer Vogel, diese alte Dame. Mit 13 hat sie sich den unverschämt gut aussehenden Marineoffizier Philip Mountbattan geangelt. Mit 20 wurde sie im amerikanischen Time Magazine für ihre Pin-up-Qualitäten gelobt, noch heute, es lebe die Indiskretion, kann sie sich eine Tiara ins Haar schieben , während sie im Laufschritt eine Treppe abwärts eilt. Die Queen ist immer pünktlich. Ein Punkt, an dem wir uns schmerzlich unterscheiden.