Salzburger PfingstfestspieleHier singt eine Frau mit zwei Stimmen

Auf Kleopatras Spur: Cecilia Bartoli debütiert überzeugend als künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele. von Wolfram Goertz

Die Opernsängerin Cecilia Bartoli

Die Opernsängerin Cecilia Bartoli  |  © dpa

In Reihe 17 sitzt auf Platz 6 ein kleiner, reicher, dicker Russe neben drei Leibdamen. Nach 14 Minuten Händel legt er seinen Kopf nach hinten, schließt die Augen und beginnt zu schnarchen. Noch vor Ende des ersten Aktes verlässt dieses Quartett das Kleine Festspielhaus zu Salzburg und kehrt nicht zurück. Es befürchtet Ärgstes: Wenn der Regisseur keine Arie streicht, dauert Händels Oper Giulio Cesare in Egitto himmlische fünf Stunden. Das erinnert an Richard Wagners Opern, die russische Oligarchen wegen ihrer Länge ebenso fürchten. Dabei bietet Händels Story alles: Sex, Machtgier, Intrigen, Mord. Und im Mittelpunkt steht eine überwältigend schöne Frau, Kleopatra, die acht exzentrische Arien singen darf, in denen die Zeit entweder stehen bleibt oder, extrem beschleunigt, die Zuhörer in Ohnmacht fallen lässt.

Händel ist ein wuchtiges Portal in diese Pfingstfestspiele, die sich überlebensgroß um Kleopatra kümmern werden, denn der legendären Ägypterin hat die neue künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli die vier Tage gewidmet. Sie gewähren dem Besucher eine für Salzburg neue und sehr intelligente Erlebnispädagogik. Was ist zu sehen, was zu hören? Bei Händel wird die Königin ihren Cäsar umgarnen und Ägypten schützen, wobei die Erotik der Staatsräson beiden zupasskommt. In Jules Massenets Oper Cléopâtre (konzertant) wird sie hingegen, etliche Jahre und einen Cäsarenmord später, Marcus Antonius in den sündigsten aller Abgründe ziehen und darin selbst umkommen, mit der (kunstgeschichtlich beliebten) Schlange an ihrer entblößten Brust. Diese Drastik ließ sich auch Hector Berlioz in seiner lyrischen Szene La mort de Cléopâtre nicht entgehen.

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In Sergej Prokofjews Melodram Ägyptische Nächte schwingt sich die Königin zur mörderischen Hure auf, die drei Männer erst mit einer Liebesnacht beglückt und sie dann – perverser Triumph der Macht – ins Jenseits befördert. In einem Kinomarathon des Salzburger Filmkulturzentrums haben wir es mit den Kleopatra-Darstellerinnen Theda Bara, Asta Nielsen, Vivien Leigh, Elizabeth Taylor und Monica Bellucci zu tun, die possierliche Asterix-Variante darf natürlich nicht fehlen; nebenbei lesen Sven-Eric Bechtolf und Sunnyi Melles Shakespeares Antonius und Cleopatra. Derlei Vielfalt besitzt Kenntnis und volkstümliche Sinnlichkeit. Arrangiert hat diese Ägyptenexkursion – deren Etappenziele mit Cleopatra raffinata (Händel), Cleopatra sensuale (Massenet) oder Cleopatra culinaria (ein ägyptisches Gelage mit Musik) beschriftet sind – vermutlich ein Dramaturgen-Tross, doch Cecilia Bartoli steht für die Reise ein, bewirbt sie, und zwar mit nobler Attitüde: Seht her, das Programm ist der Star!

Gleichwohl hat Signora Bartoli einen Knochenjob in diesen Tagen, zwei Mal Giulio Cesare, dazu ein in jeder Hinsicht barocker Arienabend mit Raritäten von Sartorio, Castrovillari, Hasse und Graun – das ist im erfrischenden Wechsel von frivoler (mit Julius Cäsar) und tragischer Variante (mit Marcus Antonius) ein gigantisches Pensum für die Stimme.

Zum Glück besitzt Bartoli zwei Stimmen. Wie bitte? Jawohl, sie hat einen wunderbar körperreichen, warm timbrierten, wie in Eselsmilch eingelegten Mezzosopran, und sie hat eine Spezialgurgel für die Koloraturen, die sie nicht wirklich singt, sondern aus schmal gestellter Kehle kichert, lispelt, schlängelt, zwitschert, zuckt. So kann sie gleichsam immer eine Stimme schonen, was als technische Spitzenleistung sogar den genialen Gymnastikern des Barockorchesters Il Giardino Armonico Beifall abnötigt.

Die fegen manches Presto-Fugato so gewissenhaft virtuos aus, dass kein Stäubchen liegen bleibt. Ebenso feinsinnig sind Giovanni Antoninis Musiker, wenn in der Partitur kaum ein Windhauch weht und sie der einsamen Seelenspiegelei einer Adagio-Arie assistieren – das dürfen sie in Händels Oper ziemlich oft, wenn nicht gerade Regisseure ihre Sicht auf die Golfkriege mit militaristischem Gefuchtel bebildern. Das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier kann hochmusikalisch die Klappe halten und Händel den Chef sein lassen; dennoch bietet es eine brisante, ironische, bildersatte Operation Liebessturm. Die neigt mal zur Komik (wenn der Imperator alle Gazetten nach Berichten über seine Kriegskunst abgrast), mal zu surrealer Erotik (wenn Kleopatra nach einem Schleiertanz auf einer Cruise-Missile-Rakete gen Schnürboden abrauscht), mal zu bohrender Bildkraft: Sesto, noch ein halbes Kind, will den Mord an seinem Vater rächen und rennt auf der Bühne mit dem Zündsatz eines Selbstmordattentäters umher, ehe Cäsar ihn mit weniger suizidalen Waffen bekannt macht, dem Bajonett etwa.

Diese Inszenierung zeichnet ein meisterliches Verhältnis zum kalkulierten Nonsens aus, und dass der ganze Abend wunderbar zündet, liegt an einer Besetzung, wie sie für Händel selbst bei Festspielen nur alle Jubeljahre zusammenkommt. Andreas Scholl singt die Titelpartie mit kaiserlicher Dezenz, was zur komödiantischen Betulichkeit seines Spiels passt. Philippe Jaroussky als zornig-ungelenker Sesto macht mit hinreißender Attacke auf die Schwierigkeit aufmerksam, in fünf Stunden vom Kind zum Manne zu reifen. Den Schakal vom Dienst gibt Christophe Dumaux als Tolomeo, der alle niederen Instinkte in sich vereint, sogar kannibalische, und nach dem Schlussapplaus in die Zwangsjacke gesteckt werden müsste. Dass kein Geringerer als der reife Altus Jochen Kowalski die Kammerdienerin Nirena gibt, ist das fast spöttische Krönchen auf einer Liste sängerischen Überflusses. Anne-Sofie von Otter gießt als Octavia ihren dunklen Schmerzensmezzo aus; dass sie bei ihrem Peiniger Tolomeo ausgerechnet Gartenarbeiten verrichten muss, ist einer der wenigen Schwach(sinns)punkte einer ansonsten brillant-stimmigen Regie.

Irgendwann an diesem Abend sieht Kleopatra Bartoli in Corsage, Minirock und Lederstiefeln wie ein grandioses Flittchen aus. Das hätte jenem russischen Oligarchen vermutlich gefallen. Aber da war er schon weg. Jetzt muss er sich das Video dieses Giulio Cesare besorgen lassen. Kommt schon im Herbst.

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