Es ist dieser eine Satz, der Ilse Mahlknecht immer wieder froh macht: »Ich bin dankbar, dass mein Kind jemanden wie Aaron zum Mitschüler hat.« Das sagte vor einiger Zeit eine Mutter zu ihr. Ilse Mahlknecht wird es nicht vergessen. Aaron ist ihr Sohn, und er ist geistig behindert. Lesen und Schreiben wird er niemals lernen. Wer Aarons verwaschene Worte verstehen will, muss genau hinhören. Und manchmal, wenn es ihm zu laut wird, kann er auch etwas aggressiv werden. So wie das eben ist bei Kindern mit autistischen Zügen. Dennoch besucht Aaron dieselbe Schule wie alle anderen Kinder in Deutschnofen – Einheimische und Zugereiste, Legastheniker und Langsamlerner, Behinderte wie Nichtbehinderte. Dass sie gemeinsam lernen, ist in dem Südtiroler Bergdorf so normal wie in ganz Italien.

Was in Deutschland viele erhoffen und manche fürchten, ist südlich der Alpen seit Langem Wirklichkeit. Vor mehr als 30 Jahren hat Italien die Förderschulen und Sonderklassen abgeschafft, ohne Ausnahme. Seitdem muss jede Schule jedes Kind aufnehmen, egal, unter welcher Beeinträchtigung es leidet. Umgekehrt heißt das auch: Jedes behinderte Kind muss in eine Regelschule; eine Wahlfreiheit gibt es nicht.

Wie schafft man den Übergang zu einem Schulsystem, in dem vom geistig Zurückgebliebenen bis zum Hochbegabten alle in einem Klassenraum lernen? Und bleibt in einer Schule für alle nicht doch zwangsläufig etwas auf der Strecke, die spezielle Förderung des Einzelnen zum Beispiel oder die Bildungsqualität für jeden Schüler?

Antworten auf diese Fragen sind besonders für Deutschland interessant. Denn hier verfolgt man bis heute die Philosophie der wohlmeinenden Separation. Knapp 80 Prozent der Förderschüler lernen in einer Spezialeinrichtung. Kein anderes Land der Welt unterhält ein so hoch differenziertes Sonderschulwesen. Acht Behindertenkategorien kennt die Statistik: vom »Förderschwerpunkt Lernen« über das Hören, Sehen und Sprechen bis zum »Förderschwerpunkt soziale Entwicklung«, sprich Verhaltensauffälligkeit.

Die Umbauten für zwei neue Schüler kosten 50.000 Euro. Die Gemeinde zahlt

Aber auch in Deutschland gilt seit drei Jahren die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (siehe Kasten). Dieses Abkommen hat – fast unbemerkt von der Öffentlichkeit – eine Bildungsreform angestoßen, gegen die die Verkürzung des Gymnasiums (G8) eine pädagogische Petitesse ist: die Eingliederung behinderter Schüler in die Regelschulen. Ob das sinnvoll ist, wollen hierzulande viele Leute wissen. Und noch mehr fragen sich, wie das mit der Inklusion denn gehen soll.

In Südtirol fragt sich das niemand mehr. Wer hier Schulen besucht, erlebt manche Überraschung. Er begegnet Lehrern, die beim Wort »Sonderpädagoge« zusammenzucken, weil sie es für eine Art Schimpfwort halten; oder Eltern, die sagen, dass es Wichtigeres für ihr behindertes Kind gebe als die optimale Förderung. Vor allem aber trifft er auf Menschen, die eine Haltung eint: Wer will, dass Behinderte Teil der Gesellschaft sind, kann sie nicht bereits in der Schule absondern. Diesen Grundsatz lässt man sich etwas kosten – und man nimmt manches in Kauf, was in Deutschland schwer akzeptabel wäre. Ein pädagogisches Paradies gibt es nirgendwo, auch nicht im malerischen Deutschnofen.

Hübsch herausgeputzte Bauernhöfe und Hotels gibt es hier sowie eine Mittelschule mit 150 Schülern. Kinder mit leichten Lernschwächen oder Lese-Rechtschreib-Problemen kamen in deren Klassen schon öfter vor. Im Frühjahr des vergangenen Jahres jedoch kündigte sich eine besondere Herausforderung an. Gleich zwei geistig behinderte Jungen, Aaron war einer davon, wurden für das neue Schuljahr angemeldet. Mit ein paar Förderstunden war es da nicht getan. Solche Schüler benötigen spezialisierte Lehrer und Betreuer sowie eigene Räume und therapeutische Hilfsmittel. Ein Abholdienst und eine verstärkte Pausenaufsicht mussten organisiert werden.

Manche Sitzung und viele Telefonate waren nötig, um sich auf die neue Situation einzustellen. Ein Gedanke jedoch, versichert die Schulleiterin Maria Anna Trienbacher, kam nie auf: die beiden Schüler nicht aufzunehmen. »Allen war klar, dass diese Kinder an unsere Schule gehören«, sagt sie. Rund 50.000 Euro bewilligte der Gemeinderat für die Umbauten, viel Geld für die kleine Kommune.

Heute unterscheidet sich der Alltag in der Mittelschule in Deutschnofen nur wenig von der Praxis integrativer Schulen in Deutschland. Drei bis vier Stunden am Tag, je nach Tagesform, sitzt Aaron im Klassenzimmer. Die restliche Zeit verbringt er in einem Rückzugsraum, macht Sprachübungen, hört Lieder oder Geschichten.