Der Beginn von Yayoi Kusamas künstlerischer Arbeit war eine Halluzination in Kindheitstagen. Sie blickte auf und sah, wie das Muster der weiß gepunkteten Tischdecke sich überall ausbreitete: an der Decke, an den Wänden, auf ihrem eigenen Körper. Es war ihr, als löse sie sich selbst in diesem Muster auf. Heute sind Punkte das große Thema der wichtigsten japanischen Künstlerin der Nachkriegszeit, sie nennt sie "Polka Dots".

Die 83-Jährige, die einen Teil ihres Lebens in New York verbrachte und zusammen mit Andy Warhol ausstellte, bedeckte alles mit ihnen. Sie kleidete Räume damit aus, bemalte Straßenbäume mit weißen Punkten und betupfte Menschen. Punkte seien ihre "Leidenschaft", sagte sie einmal, Symbole für den Kampf des Individuums um Selbstbehauptung und für die nicht so leicht zu beantwortende Frage, wo das Ich aufhört und alles andere anfängt. Kusamas Punkte sind Ausdruck dafür, dass es im Spiel mit Dimensionen, Farben und Dichte keine Grenzen gibt. Keine Mitte, keinen Anfang, kein Ende. Anerkennung fand ihre Idee erst Ende der achtziger Jahre, seither war ihre Kunst auf der Biennale in Venedig und im Museum of Modern Art in New York zu sehen.

Demnächst werden die Werke von Kusama auch die Louis-Vuitton-Shops schmücken. Marc Jacobs , der künstlerische Leiter der Marke, konnte Kusama für die Zusammenarbeit gewinnen. Jacobs treibt damit sein Projekt weiter voran, die französische Luxusmarke zu einem Schaufenster für Gegenwartskunst zu machen. So hat er schon Stephen Sprouse und Takashi Murakami für die Idee begeistert, Taschen zu gestalten.

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Damit wird Louis Vuitton selbst zu einem Kunstprojekt: Schließlich durchbrechen die Maler so die Barriere zwischen Kunst und Pop und schaffen Werke, die nicht die Welt interpretieren, sondern selbst Teil des Spiels von Eitelkeit und Schönheit werden. In diesem Sinne ist die Zusammenarbeit mit Kusama (die als Zweck ihrer Kunst nur "love forever" angibt) vielleicht die sinnreichste. Schließlich gehört es zu Kusamas Werk, dass ihre Punkte immer neue Objekte erobern – nun also auch Luxustaschen. Obgleich nicht anzunehmen ist, dass die Trägerinnen das Gefühl haben werden, sich damit im Universum aufzulösen. Sie werden vielmehr herausstechen. Aber Kunst lebt eben von Widersprüchen.