Träumen schien mir lange Zeit etwas für privilegierte Menschen zu sein. Als Kind hatte ich wenige Träume. Vielleicht hatte ich Angst, zu tief zu fallen, wenn sie nicht in Erfüllung gingen. Unsere Familie war so sehr damit beschäftigt, dass wir in diesem Land bleiben durften und nicht abgeschoben wurden. Bis zu meinem 15. Lebensjahr waren wir staatenlose Flüchtlinge aus dem Libanon . Wir fragten uns: Wie überstehen wir den nächsten Tag? Ich habe mir Holzbuntstifte gewünscht, das war realistisch. Und dann habe ich sie irgendwann bekommen.

Deutsch habe ich erst in der ersten Klasse gelernt. Meine Eltern waren damals beide Analphabeten. Zu Hause sprachen wir Arabisch. Ich begriff, wie viel man mit Sprache bewegen kann. Was für ein mächtiges Werkzeug sie ist. Ich erlebte, wie Wissen mich stark und unabhängig machte.

Träume habe ich erst nach unserer Einbürgerung 1993 zugelassen. Wir waren von heute auf morgen frei. So vieles wurde auf einmal greifbar. Zum Beispiel: Abitur zu machen. Das war der erste Traum, den ich verwirklichte. Dann: zu studieren. Ich habe zwölf Geschwister. Sie wären alle intelligent genug gewesen, um aufs Gymnasium zu gehen. Jene, die ihren Schulabschluss im Flüchtlingslager im Libanon gemacht hatten, konnten in Deutschland nichts damit anfangen, sie durften hier nicht arbeiten.

Das Leben meiner Eltern wurde geprägt davon, dass Politiker Entscheidungen mit immensen Auswirkungen trafen. Als Kinder wurden sie 1948 aus Palästina vertrieben. Bis 1969 lebten sie in einem Flüchtlingslager im Libanon, dort lernten sie sich kennen und heirateten. Elf meiner Geschwister wurden dort geboren. Meine Eltern hatten mit der Politik abgeschlossen. Aber ich sagte mir: Wenn ich etwas ändern will, reicht es nicht, Beobachter zu sein.

Ich habe Politikwissenschaften studiert, obwohl mein ursprünglicher Wunsch Medizin gewesen war. Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde. Wenn man sich gesellschaftlich oder politisch engagiert, heißt das noch nicht, dass man Entscheidungen beeinflussen kann. Weder im Ausländerrecht noch bei Konfliktlösungen im Nahen Osten. Ich träume davon, jungen Menschen Mut zu machen, die Ähnliches erlebt haben wie ich. Jugendlichen, die nicht als Deutsche wahrgenommen werden und von denen sich manche radikalisieren, weil sie sich nirgends heimisch fühlen.

Wir können es uns nicht leisten, diese Jugendlichen auszuschließen. Mein Traum ist, dass jeder in diesem Land beurteilt wird nach dem, was er kann, nicht nach seinem Hintergrund. Dass junge Menschen eine Chance bekommen, zu zeigen, dass sie was können. Mein Traum ist, dass wir offen sind für Vielfalt und in ihr eine Bereicherung sehen, die unser Land voranbringt, und keine Last, die uns arm macht.

Und ich träume davon, dass wir als Muslime es schaffen, ein anderes Bild des Islams zu zeigen. Der Islam ist eine wunderschöne Religion. Was daraus gemacht wird, ist oft so hässlich. Jeder Muslim sollte sich als verantwortungsvolles Geschöpf Gottes verhalten. Wenn er das tut, kann er eigentlich nur Schönheit zeigen. 

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