VatikanbankEine Intrige?

Der Chef der geheimnisumwitterten Vatikanbank wurde gefeuert. von 

Als Chef einer Bank abserviert zu werden ist heute fast schon normal, doch der Rauswurf von Ettore Gotti Tedeschi als Chef der Vatikanbank IOR ist besonders rabiat. Als der Bankier am Donnerstag vor Pfingsten im Aufsichtsrat erschien, empfingen ihn seine Kollegen mit Vorwürfen. Eine Anklage in neun Punkten, der schwerwiegendste: Gotti Tedeschi habe seine Pflichten als Chef des Istituto per le Opere di Religione (IOR), des Instituts für Religiöse Werke, nicht erfüllt, er habe den Aufsichtsrat unzureichend informiert und Interna nach außen getragen.

Der Bankier verteidigte sich, er redete 70 Minuten am Stück. Vergebens. Er wurde fristlos entlassen. Einstimmig. Also auch mit der Stimme des bisherigen Stellvertreters Ronaldo Schmitz, der nun bis auf Weiteres die Geschäfte führt. Schmitz ist in der Finanzwelt kein Unbekannter. Der 73-Jährige gehörte in den neunziger Jahren dem Vorstand der Deutschen Bank an und war dort zeitweise mitverantwortlich für das Investmentbanking; Schlagzeilen machte er damals aber vor allem als kräftig zupackender Aufsichtsratschef bei der schlingernden Metallgesellschaft.

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Als Nachfolger von Gotti Tedeschi ist Hans Tietmeyer im Gespräch, der Ex-Chef der Bundesbank. Den 81-Jährigen könnten drei Eigenschaften für den wohl mysteriösesten Job im internationalen Bankengeschäft qualifizieren: Er hat zwei Semester Theologie studiert, ist wie der Papst ein Deutscher und versteht mutmaßlich nichts von den Machtintrigen italienischer Kleriker. Doch Tietmeyer dementierte bereits.

Intrigen haben wohl zu dem Eklat im IOR geführt, einem Institut, das der Vatikan bis heute nicht als Bank, sondern als Stiftung verstanden wissen will, anders als der Rest der Welt außerhalb seiner Mauern. Beim IOR haben Nonnen, Prälaten, Vatikanangestellte und Diplomaten ihre Konten, es verwaltet das Geld mancher katholischen Institution. Allerdings nicht das Vermögen des Kirchenstaats selbst – diese Aufgabe obliegt der APSA (Amministrazione del Patromonio della Sede Apostolica).

Berühmt wurde das IOR 1982, als es im Mittelpunkt schwerster Anschuldigungen stand. Die italienische Banco Ambrosiano ging pleite, ihr Chef Roberto Calvi wurde tot unter einer Themsebrücke in London gefunden. Gemeinsam mit dem Chef des IOR, das die Mehrheit an der Banco Ambrosiano hielt, hatte Calvi waghalsige Geschäfte gemacht. So wusch und versenkte man auch das Geld sizilianischer Mafiapaten. Deshalb sei Calvi im Auftrag der Mafia ermordet worden, stellte ein römisches Schwurgericht 2010 fest. Dasselbe Gericht bat damals den Vatikan um Amtshilfe, forderte Dokumente, um endlich Licht in das Dunkel der alten Affäre zu bringen. Es wartet bis heute darauf.

Gotti Tedeschi hatte sich seit Beginn seiner Amtszeit 2009 für mehr Transparenz eingesetzt. Als gegen ihn selbst in Rom ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche eingeleitet wurde, bewegte er den Papst zu einem Dekret, das, am Silvestertag 2010 erlassen, weltweit Aufsehen erregte. Darin verpflichtet sich der Vatikan, Geldwäsche mit Haft zu ahnden. Er setzte eine unabhängige Aufsichtskommission ein, die Verstöße verfolgen sollte. Im Anfang April 2012 verabschiedeten endgültigen Anti-Geldwäschegesetz des Vatikans wurden jedoch die Befugnisse der Kommission modifiziert und ihre Unabhängigkeit eingeschränkt. Die Experten sollen nun den vatikanischen Behörden Rechenschaft ablegen, namentlich Gotti Tedeschis größtem Widersacher – dem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone.

Der zweite Mann hinter Benedikt XVI. hat in der Vergangenheit versucht, den Bankier für seine Ziele einzuspannen. Bertone wollte das Geld des IOR nutzen, um seinen Einfluss in dem Land zu stärken, das ihm am Herzen liegt: Italien. Der Kardinal lässt kaum eine Gelegenheit aus, sich in die Tagespolitik des Nachbarlandes einzumischen. Ziel der Bertone-Fraktion im Vatikan ist es, in nicht allzu ferner Zukunft wieder einen italienischen Papst zu installieren, um wie in früheren Jahrhunderten über die Pfründen der Kurie zu herrschen.

Gotti Tedeschi widersetzte sich Bertones Wünschen, etwa dem, Geld in ein katholisches Krankenhaus in Mailand zu pumpen, das kurz vor dem Bankrott stand, oder in ein einflussreiches, aber schlecht verwaltetes Bildungsinstitut zu investieren. Der Chef des IOR fühlte sich nur dem Papst verpflichtet, zu dem er den direkten Draht pflegte. Bertone wurde dabei außen vor gelassen. Ein strategischer Fehler.

Im Juli entscheidet ein Expertenausschuss für Geldwäsche des Europarates über die Aufnahme des Vatikans in die sogenannte Whitelist der »tugendhaften Länder«. Schon im Vorfeld äußerten sich Emissäre besorgt über die Beschneidung der vatikanischen Aufsichtskommission. Auf den neuen IOR-Chef wartet eine epochale Aufgabe: die geheimnisumwitterte Vatikanbank zu entmystifizieren und das Geldhaus einer geschlossenen Gesellschaft der Außenwelt zu öffnen.

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