Das sollen Verbrecher sein? Eine Fotografin aus Wasserburg, ein Künstler aus Ebertsheim, eine Lehrerin aus Kassel und ein Humanist aus Freiburg? Ein riesiges Fahndungsplakat mitten in Berlin behauptet das: "Belohnung: 25.000 Euro" steht in großen Buchstaben darauf. "Wer hat Informationen, die zur Verurteilung dieser Menschen führen?" Die Anmutung erinnert an Steckbriefe aus dem Wilden Westen. "Diese Personen handeln mit schweren Kampfpanzern und gehören ins Gefängnis", erklärt ein kurzer Text. Die zehn Meter lange und zwei Meter hohe Werbefläche an der viel befahrenen Rosa-Luxemburg-Straße in der Nähe vom Berliner Alexanderplatz erregt Aufmerksamkeit.

Die Kampagne ist ein Aufruf zur Denunziation. Die Initiatoren versuchen, einen Export deutscher Kampfpanzer nach Saudi-Arabien zu verhindern. Sie wollen 25.000 Euro Kopfgeld auszahlen: Die Summe sei von einem Förderer gespendet worden und liege auf einem Konto bereit. Das Geld bekomme derjenige, der Informationen über einen Eigner der Waffenschmiede KraussMaffei Wegmann (KMW) liefert, die zu einer Verurteilung führen. Gesucht werden Hinweise auf Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Schwarzarbeit, Insiderhandel oder sonstige Straftaten. "Wir wissen, dass der Export von schwerem Kriegsgerät, selbst in potenzielle Krisengebiete und autokratische Regime, in Deutschland derzeit legal ist und sogar noch gefördert wird. Deshalb machen wir den Konzern ja auch nicht haftbar, sondern seine Eigentümer – und zwar für andere Delikte", teilt die Kampagne im Internet mit.

Auf der Homepage www.25000-euro.de stehen die Besitzer von KMW am digitalen Pranger. Die Namen von acht Gesellschaftern sind verzeichnet, ihre Wohnorte, Berufe. Sie sind auf Zeichnungen zu sehen. In einem Porträt mit der Überschrift Der Humanist heißt es: "Volkmar Braunbehrens lebt vom Geschäft mit schweren Waffen und gehört ins Gefängnis. Als Eigentümer handelt er verantwortungslos." Die Leser erfahren, dass Braunbehrens ein bekannter Mozart-Biograf ist, Privatdozent, aktives Mitglied in der Humanistischen Union, einer Organisation, die für Demokratie und Menschenrechte streitet.

Fahndungsplakate versprechen erfolgreichen Denunzianten Prämien

An die 300.000 Menschen haben nach Angaben der Betreiber in den ersten drei Tagen der Aktion ihre Homepage aufgerufen. Seit dem Montag vergangener Woche läuft die Kampagne. Über Soziale Netzwerke wie Facebook und den Kurznachrichtendienst Twitter hat sie einige Hundert Sympathisanten gewonnen.

"Aggressiver Humanismus" nennen die Initiatoren um Philipp Ruch, 31 Jahre alt, ihr Vorgehen. Der Philosoph und Aktionskünstler hat 2008 das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) mitgegründet, das die Kampagne entwickelt hat. Dieser Zusammenschluss von Künstlern und Menschenrechtlern fiel in den vergangenen Jahren mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf.

Vor zwei Jahren türmten die Aktivisten 16.744 Schuhe vor dem Brandenburger Tor auf, um an die Toten von Srebrenica während des Bosnienkrieges zu erinnern – und an das Versagen der Vereinten Nationen , die das Massaker nicht verhindern konnten. Und bei einer Lesung aus dem Gedicht An die Schönheit von Ernst Stadler vor dem Reichstagsgebäude wurden mehrere Aktivisten vor laufenden TV-Kameras festgenommen. Das ZPS habe dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler mit Aktionskunst zum Amtsantritt gratulieren wollen, gab das Zentrum an. Polizisten gingen von einem "Verstoß gegen das Versammlungsrecht" aus.

Das Ziel des Zentrums soll es sein, den "schwersten Menschenrechtsverletzungen der Geschichte etwas entgegenzusetzen". Im Panzerverkauf an Riad , den KraussMaffei Wegmann plant, sehen Ruch und seine Mitstreiter eine solche Verletzung. Sie sprechen vom "schlimmsten Waffendeal in der jüngeren bundesdeutschen Geschichte".

 

Ihr Protest richtet sich gegen den angestrebten Export von 270 Kampfpanzern vom Typ Leopard2A7+ , einer modernen Waffe, entwickelt für den "asymmetrischen Krieg" ohne klare Fronten, mit "vielen lokalen Brennpunkten auf dem ganzen Globus" (KMW). Über 3500 Exemplare sind weltweit verkauft worden; die Firma sucht nach weiteren Kunden. Das Regime in Riad gilt in der Welt der Waffen als besonders zahlungskräftig. Saudi-Arabien gehört zu den restriktivsten Diktaturen im Nahen Osten. In dem Königreich sind Parteien und Gewerkschaften verboten. Nur Muslime dürfen ihre Religion ausüben. Frauen sind Bürger zweiter Klasse – das alles kritisiert Amnesty International, das kritisiert auch die Bundesregierung in ihrem aktuellen Menschenrechtsbericht.

Noch sei kein Vertrag unterschrieben, heißt es im Umfeld von KMW. Der Panzerbauer verhandelt derzeit mit dem Regime in Riad. Die deutsche Bundesregierung, die jedem Waffenexport ins Ausland zustimmen muss, hat allerdings eine Voranfrage von KMW positiv beschieden.

Der öffentliche Druck auf KMW und die Politik habe im vergangenen Jahr nicht ausgereicht, um die Vertragsverhandlungen zwischen dem Panzerhersteller und dem Regime in Riad zu stoppen, sagt Ruch. Jenseits von Demonstrationen, Plakaten und Lichterketten suchte das Zentrum für Politische Schönheit nach anderen Wegen, das Geschäft zu verhindern, und hat es auf eine persönliche Ebene gezogen.

Ruch und seine Mitstreiter haben recherchiert, wer an dem Handel verdient. KMW gehört seit 2010, nach dem Ausstieg von Siemens , allein der Wegmann Unternehmens-Holding GmbH & Co. KG mit Sitz in Kassel. 38 Kommanditisten halten laut Handelsregister Anteile an der Holding, unter ihnen sieben Familien. "Bisher konnten die Eigentümer ganz ungestört ihren Panzergeschäften nachgehen", sagt Ruch. Damit sei es nun vorbei. "Wir haben die Gewinner des Saudi-Arabien-Deals identifiziert und benannt." Große Anteile an der Holding halten die Familien Bode und Braunbehrens.

Gerade die Braunbehrens bieten den Machern der Kampagne Angriffsfläche: Sie fielen in der Jugend durch Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, politische Arbeit für kommunistische Parteien und die Friedensbewegung auf, sie haben kreative Berufe ergriffen, arbeiten als Fotografin, Künstler, Publizist und Psychotherapeutin. Ihre Lebensläufe widersprechen dem Klischee vom Waffenfabrikanten. Das Zentrum für Politische Schönheit erreichten bereits empörte E-Mails von Bekannten der Braunbehrens, die sich von einzelnen Familienmitgliedern getäuscht fühlen, weil sie das Waffengeschäft nie erwähnt hätten. Die Bodes hingegen haben aus ihrer Passion für Panzer nie ein Geheimnis gemacht. Manfred Bode war lange Jahre Chef von KrausMaffei Wegmann. Seine Söhne gelten als die künftigen Entscheider bei KMW. Eine Reaktion der Bodes auf die Kampagne gibt es bislang nicht.

Lediglich ein KMW-Eigner sucht die öffentliche Debatte: Burkart von Braunbehrens, der Bruder von Volkmar, geht in die Offensive. Auf seiner Homepage wendet er sich in einem offenen Brief an Philipp Ruch: "Sie haben 25.000 Euro auf meine Reputation und die Integrität meiner Familie und weiterer Personen im Internet ausgesetzt und damit begonnen, diese zu beschädigen. Entgegen Ihrer Unterstellung, ich wolle meine Verantwortung nicht wahrnehmen, kann ich Ihnen mit Herz und Vernunft antworten, dass ich für mein Tun und Lassen voll einstehe."

 

»Die Betroffenen haben keine Chance sich zu wehren«

Braunbehrens, ebenfalls Künstler und ehemaliger Kommunist, kritisiert die Methoden des ZPS. "Die meisten Betroffenen haben keine Chance, sich gegen diese Kampagne zu wehren. Sie sind Privatpersonen und öffentlich ganz unerfahren." Als Mitglied im Gesellschaftsrat von KMW trage er den Kurs des Unternehmens mit. Einen unmittelbaren Einfluss auf die Geschäftspolitik habe er nicht. Zum geplanten Panzerdeal mit Saudi-Arabien äußert sich Braunbehrens, Anfang 70, nicht direkt. "Der Zeitpunkt für die Anfrage nach deutschen Panzern für Saudi-Arabien während des Arabischen Frühlings war natürlich schlecht. Der Mut der Protestierenden hat uns alle beeindruckt, wir haben ihnen Erfolg gewünscht", sagt er. "Dass Protest gegen die politische Entscheidung kommt, Panzer zu exportieren, verstehe ich."

Die Kampagnenbetreiber vom ZPS ärgert, dass KMW-Eiger wie Braunbehrens sich hinter der Regierung verstecken. Schließlich gehe es um deren Profit, nicht um Politik. Ruch und seine Mitstreiter wollen so lange weitermachen, bis die KMW-Besitzer das Geschäft stornieren. Dieses Ziel rechtfertige die Mittel, sagt Ruch. Seine Methode vergleicht er mit Schandbildern aus der Renaissance, mit denen Adelige den Ruf ihrer Widersacher attackierten.

Auch Ruch weiß natürlich um die Unterschiede zwischen Renaissance und Internetzeitalter. Ein digitaler Pranger kann binnen kürzester Zeit zum wüstesten Shitstorm führen und für die Angeprangerten sogar zur Gefahr werden. Doch Sorgen darum, dass die Kontrolle über die Daten im Internet sehr schnell verloren geht, macht man sich beim ZPS nicht. Philipp Ruch glaubt, dass, wenn der Deal mit Saudi-Arabien gestoppt sei, sich niemand mehr für die Panzerbauer interessieren werde. Außerdem hätte sein Team extra keine Adressen und Telefonnummern online gestellt. "Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass jemand den Eignerfamilien zu nahe kommt."

"Das Gefühl der Ehre" lautet das Thema, über das Ruch gerade promoviert. Scham und Ehre, sagt er, seien zentrale Begriffe des Zentrums für Politische Schönheit und dessen Aktionskunst. In seiner Ehre verletzt fühlt sich Burkhart von Braunbehrens. Er will um seinen Ruf kämpfen. "Ich bin bereit, an einer öffentlichen Podiumsdiskussion teilzunehmen", sagt er. Der Kampagne gegen die Kampfpanzer dürfte das weitere Aufmerksamkeit einbringen.