Der Tag der Wahrheit steht bereits fest. Am 15. Oktober wird die Regierung einräumen, dass die Strompreise im Land deutlich steigen werden – obwohl es bislang hieß, die Energiewende werde die Deutschen so gut wie nichts kosten. Man kann sich leicht vorstellen, was dann los sein wird. Lüge!, wird die Opposition rufen. Verrat!, werden Verbraucherschützer klagen. Und in den Stabsabteilungen der Energiekonzerne werden sie ihre Schlachtpläne aus den Schubladen holen, um das Comeback der preiswerten Atomenergie zu forcieren, die sich auf vorhandene Meiler stützt.

Der 15. Oktober mag sich noch fern anhören, aber die Vorbereitungen auf diesen Tag laufen schon jetzt. Der neue Umweltminister Peter Altmaier spricht öffentlich davon, dass Strom nicht zum Luxusgut werden dürfe; ein Versuch, sich vom Vorgänger und dessen Energiepolitik abzugrenzen. Auf einmal ist von armen Bürgern die Rede, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen könnten; von einer Energiewende, die nur den Reichen nütze. Die Chefs der großen Energiekonzerne raunen in Interviews von zwangsweisen Stromabschaltungen, sobald es draußen kälter werde, sie fordern Notfallszenarien und befürchten Chaos. Deutschland im Herbst 2012: Das könnte ein Land sein, in dem die Bedürftigen in dunklen, unbeheizten Löchern hausen und Bohneneintopf direkt aus der Dose essen, weil ihnen das Geld für die Stromrechnung fehlt.

Verzeihung – aber geht’s noch?

Viele hat die Energiewende geärgert – jetzt schlagen die Gegner zurück

Natürlich sind steigende Strompreise ein gesellschaftliches Problem, und die Regierung hat dieses Problem noch verschärft, indem sie viel zu lange gar nicht darüber geredet hat. Was nicht sein darf, durfte nicht sein. Aber was wir in diesen Tagen erleben, ist nichts weiter als ein politischer Trick: Ein einzelnes Problem wird dramatisiert und zugespitzt, um damit das große Ganze zu Fall zu bringen. Es läuft die Revision der Energiewende. Und zwar im Namen der Armen.

Man muss sich an dieser Stelle doch nur einmal vor Augen halten, wie viele Wunden der schnelle Ausstieg aus der Kernenergie gerissen hat. Da gibt es Abgeordnete von Union und FDP, für die die Laufzeitverlängerung der Atommeiler eine politische Lebensleistung darstellte – und die nun mitansehen müssen, dass Kernenergie in Deutschland keine Zukunft mehr hat. Da ist die Industrie, die auch in der Marktwirtschaft gern Planungssicherheit hat, und die nun erlebt, dass die Energiewende – wie jede industrielle Revolution – auch Ungewissheiten birgt. Und da ist die Atomlobby selbst, die zu Schwarz-Gelb seit Fukushima ein, nun ja, gespaltenes Verhältnis hat. Die Angst vor der Energiewende zu schüren ist das letzte Mittel, das ihnen allen geblieben ist.

Reden wir also über die wirklichen Kosten. Auch die bisherigen, alten Strompreise waren in gewisser Weise unehrlich, weil sie die Kosten für die nachfolgenden Generationen ausblendeten. Es mag ziemlich günstig sein, heute Kohle, Öl oder Gas zu verfeuern. Aber es wäre mit einem Schlag deutlich teurer, berücksichtigte man ehrlich, wie sehr die fossilen Brennstoffe das Klima belasten und wie begrenzt die Vorräte daran bereits sind. Die Energiewende ist eben nicht nur ein ehrgeiziges politisches Projekt, sondern auch eine große ökonomische Chance: Sie zwingt Deutschland in die Avantgarde der Zukunftstechnologie. Und sie macht das Land und seine Betriebe unabhängig vom Import fossiler Brennstoffe, um die sich der Rest der Welt schon bald balgen wird.

Auch dass nun ausgerechnet der 15. Oktober so wichtig wird, hat mit einer Unehrlichkeit zu tun. An jenem Tag wird die neue EEG-Umlage verkündet, das ist der Zuschlag auf den Strompreis, mit dem die Verbraucher die Subventionierung von Ökostrom bezahlen. Bislang sind das 3,59 Cent pro Kilowattstunde. Doch diese Zahl könnte nun deutlich steigen. Das hängt auch mit den Ausnahmen zusammen, die man gewährt hat: Schon heute ist die Industrie in Milliardenhöhe von der Umlage befreit – übrigens auch solche Betriebe, die nicht besonders energieintensiv produzieren und nicht im verschärften Wettbewerb mit dem Ausland stehen. Wenn man so will, halten sich Teile der gut verdienenden Wirtschaft auf Kosten der privaten Stromverbraucher schadlos. Gerecht ist das nicht. Aber ist es ein Grund dafür, gleich die ganze Energiewende zu vergessen?

Mag sein, dass der Atomausstieg nach Fukushima nicht nur eilig, sondern auch übereilt war. Doch ohne das enorme Tempo von damals gäbe es heute keine Energiewende. Und so mutig es im vergangenen Jahr war, aus der Atomenergie auszusteigen, so viel Mut brauchen die Beteiligten jetzt, damit die Wende gelingt. Denn es ist schon richtig: Die Energiewende hat politische Verlierer produziert, und sie wird gesellschaftliche Verlierer produzieren. Aber der ökologische Umbau einer sozialen Marktwirtschaft ist nicht per se unsozial – das Unsoziale daran ist nur die Regierungspolitik.

Wirtschaftlich gesehen, steht Deutschland zu Beginn dieser Wende gut da: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Inflationsrate ist es auch. Rund 50 Euro mehr müsste eine Durchschnittsfamilie künftig für den Strom pro Jahr bezahlen, und für den Großteil der Bürger sollte das kein Problem sein. Die wirklich Schwachen aber brauchen die Hilfe des Staates. Dafür müsste Schwarz-Gelb nach dem Atomausstieg nur ein zweites Tabu brechen: dass auch eine bürgerlich-liberale Regierung den Arbeitslosen mehr Geld geben kann.

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