Krieg in SyrienWie riskant wäre eine Intervention in Syrien?

Längst sind zu viele Parteien in den syrischen Krieg verwickelt. Ein militärisches Eingreifen kann diesen Konflikt nicht mehr lösen. Im Gegenteil, kommentiert J. Bittner. von 

Demonstranten in Idlib

Demonstranten in Idlib  |  © Reuters

Kann man dem elfjährigen Ali el-Sayed, der in Hula erlebte, wie seine Eltern und seine Geschwister der Reihe nach erschossen wurden, kann man ihm erklären, warum niemand Soldaten schickt, um das Morden in Syrien zu stoppen?

Ja, das geht leider; und zwar auch, wenn man nicht mit dem Völkerrecht anfangen will (genauer: mit dem Widerstand Russlands und Chinas gegen einen UN-Interventionsbeschluss). Es gibt eine relative Erklärung dafür, dass nicht interverniert wird: Wer immer jetzt militärisch in den Konflikt in Syrien eingreift, der würde ihn aller Voraussicht nach nicht mehr eingrenzen, er würde ihn im Gegenteil entgrenzen.

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Jeder militärische Plan steht vor einem Dilemma: Es wird Leid geben ohne ihn, und es wird Leid geben mit ihm. In Syrien mag es heute mehr Massaker geben als je zuvor. Aber nach vierzehn Monaten des Aufstands haben sich zugleich so viele Lager gebildet, hat sich so viel Hass, Trauer und Wut aufgestaut, dass die Risiko-Abwägung immer deutlicher gegen eine Intervention ausfällt. Zu dieser Einschätzung tragen drei Vergleichserfahrungen bei: in Libyen, im Irak und im Libanon.

In Libyen waren die Flugverbotszonen der Nato deshalb hilfreich, weil das Gaddafi-Regime Flugzeuge gebraucht hätte, um das befreite Bengasi weit im Osten des Landes zu bombardieren. Baschar al-Assad braucht das nicht. Syrien ist wesentlich kleiner und dichter besiedelt, die Fronten verlaufen zwischen und in Städten, und wo immer die Opposition versucht, sich Freiräume einzurichten, sei es in Hula, Hama, Homs oder Rastan, bewegt sie sich in Reichweite von Artillerie, Panzern und Milizen. Um wirksam Schutz zu gewährleisten, müssten also Bodentruppen ins Land.

Die Feinde Assads sind zum Teil auch die Feinde des Westens

Davon abgesehen, dass dazu niemand bereit ist, fragt sich, wem diese Truppen Schutz bieten würden. Im Gefolge der Freiheitsrevolte sind mittlerweile zahlreiche Dschihadisten ins Land geströmt. Sie bekämpfen nicht den Mörder Assad, sondern den Ungläubigen Assad. Westliche Geheimdienste glauben, dass die Al-Kaida-Filiale aus dem Irak verantwortlich ist für fünf schwere Bombenanschläge in den vergangenen fünf Monaten. Nach dem Irakkrieg 2003 hatte Syrien geholfen, Gotteskrieger aus aller Welt in das Nachbarland zu schleusen. Jetzt, nach dem Abzug der Amerikaner aus dem Irak, kehrt sich deren Reiseroute offenbar um. Die Feinde Assads sind also, jedenfalls zum Teil, auch Feinde des Westens.

Im Irak haben die Kaidisten von 2006 an gezielt einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten geschürt, unter anderem indem sie die Goldene Moschee von Samarra zerstörten. Wenn Assad jetzt beteuert, nur er könne einen solchen Horror in Syrien verhindern, trifft er damit eine Sorge der vielen Minderheiten im Land. Aus ihrer Sicht wären fremde Truppen eine zusätzliche Destabilisierung. Schon jetzt tragen viele Morde sektiererische Züge: Sunniten werden aus Bussen gezogen und erschossen, Alawiten aus Rache massakriert. Womöglich hat Assad über bestimmte einstmals regimetreue Truppen längst die Kontrolle verloren. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass für einen Großteil der Massenhinrichtungen unter der Zivilbevölkerung die sogenannten Shabiha-(»Geister«)Milizen verantwortlich sind. Sie muss man sich als Mafia-artige Hilfsmiliz vorstellen, die (laut Arabischer Menschenrechtsorganisation) bisher vor allem Drogenschmuggel betrieb.

Verfeindete Clans, verschreckte Minderheiten und religiöse Extremisten, mörderische Geschäftemacher – es ist genau dieses Gemisch, das im Libanon 15 Jahre lang für Bürgerkrieg sorgte. Der Westen hat dort damals interveniert – und sich nach Hunderten eigenen Toten schnell wieder zurückgezogen. All das müsste man Ali sagen. Der dann natürlich erwidern könnte: Ihr habt nur Angst.

Ursprünglich war im Text von 25 Jahren Bürgerkrieg im Libanon die Rede; der Fehler wurde korrigiert: Es sind 15 Jahre.

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  • Schlagworte Intervention | Syrien | Vereinte Nationen | Bürgerkrieg
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