BankenStreik am Schalter

Millionen für wenige, wenig für Hunderttausende – die ungleiche Bezahlung spaltet die Beschäftigten deutscher Banken in zwei Lager.

Wenn Ulrich Sieber am Mittwoch dieser Woche das Edelhotel Nassauer Hof in Wiesbaden betritt, wird er viel Zeit mitbringen. Sieber ist nicht nur der Personalvorstand der Commerzbank, sondern derzeit auch der Verhandlungsführer für die privaten Banken in Deutschland. Und damit verantwortlich dafür, wie viel Geld diese Banken ihren Mitarbeitern in den nächsten Jahren zusätzlich zahlen müssen. Das ist die große Frage bei den Tarifgesprächen, die am Mittwoch um halb elf in ihre nächste, vielleicht entscheidende Runde gehen.

Sechs Prozent mehr Lohn, gerechnet auf zwölf Monate – so viel fordern die Arbeitnehmer. 1,4 Prozent – das haben die Arbeitgeber um Sieber in ihrem ersten Angebot auf den Verhandlungstisch gelegt. In Wahrheit sei es nicht einmal das, sagt die Gewerkschaft ver.di. Wenig ist es in jedem Fall.

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So wenig, dass es auf drastische Weise die Spaltung im Bankengewerbe beleuchtet: Auf der einen Seite stehen die Investmentbanker, die bisweilen immer noch Millionen verdienen und Milliarden verlieren. Auf der anderen Seite die Mitarbeiter in den Filialen, die um jeden Euro kämpfen müssen. Und die Spaltung droht sich weiter zu vertiefen.

Sieber ist 46 Jahre alt und ein erfahrener Manager. Es ist fast 30 Jahre her, dass der Altöttinger seine Banklehre bei der nächsten Filiale der Bayerischen Vereinsbank begann. Seitdem hat er viel gesehen. Credit Suisse, JP Morgan, Dresdner Bank, Commerzbank lauten die weiteren Stationen seiner Karriere – Sieber ist, wenn man so will, die deutsche Bankenwelt in Person. Und er weiß, wie sich diese Welt verändert hat, welchen Unwägbarkeiten sie heute ausgesetzt ist. »Als ich anfing, hieß es: Geh zur Bank, das ist sicher. Das gilt längst nicht mehr«, sagt er. »Banken müssen sich heute ständig häuten und schälen.« Heißt übersetzt so viel wie: Die Herausforderungen sind groß, liebe Mitarbeiter.

Mehr Geld für Vorstände? »Das nenne ich Wasser predigen und Wein saufen«

Längst sind es zwei Bankenwelten, die parallel nebeneinander existieren, die einander fremd sind. »Es gibt kaum einen Austausch zwischen beiden Welten«, sagt ein langjähriger Bankmanager, »deswegen fehlt das Verständnis füreinander.« Sehr unterschiedlich sind die Codes und die Probleme. Da ist die Welt der Nadelstreifenanzüge und Blackberrys, von »Upside« und »Closing«. Es ist die Welt, aus der zum Beispiel Anshu Jain kommt. Er ist seit ein paar Tagen Co-Chef der Deutschen Bank und kam 2011 auf eine Vergütung von 5,8 Millionen Euro, in bar und in Aktien. Dann gibt es da noch die Welt der Ärmelschoner und Kreditsachbearbeiter, von Vertriebsdruck, regelmäßigen Restrukturierungen und Kleinkunden. Es ist die Welt derer, die in der Regel geräuschlos ihrer Arbeit nachgehen – in den vergangenen Wochen aber quer durch die Republik Warnstreiks abgehalten haben.

Hamburg, Ende Mai. Es ist ein sonniger Tag, als sich schätzungsweise 250 Bankmitarbeiter unter einem großen Baum vor dem Gewerkschaftshaus nahe dem Hauptbahnhof versammeln. Die Gewerkschaft ver.di wird hinterher von 450 Streikenden sprechen. Die Redner geben sich streitbar. »Es reicht«, heißt es da. »Demut und Bescheidenheit haben noch nie zum Ziel geführt.«

Dann geht es um Ulrich Sieber persönlich. Dessen Gehalt lag zuletzt bei 500.000 Euro im Jahr und war wie das aller Vorstände – inklusive Vorstandschef Martin Blessing – bei der vom Staat gestützten Commerzbank gedeckelt. Diese Zeiten sind vorbei. Künftig bekommt Sieber 750.000 Euro Grundgehalt. Zwar geht es dabei nur um eine Rückkehr zu den regulären Bezügen, doch die Nachricht platzte kürzlich mitten in die Tarifrunde. Da interessierten Formalia wenig. Plötzlich wurde Sieber selbst zu einem Symbol der Spaltung. »Geht’s noch?«, erregt sich eine Rednerin in Hamburg. »Uns will Herr Sieber nur 1,4 Prozent geben, er selbst aber bekommt 50 Prozent mehr. Das nenne ich Wasser predigen und Wein saufen.« Klatschen, Pfeifen trillern. Vor allem Beschäftigte von Commerzbank, Unicredit und Deutscher Bank sind gekommen. Bei den drei Großbanken geht die Spaltung direkt durchs eigene Haus. »Die Leute sind wütend«, sagt ein Gewerkschafter, die Nachricht über die Vorstandsvergütung bei der Commerzbank habe viele »verärgert und mobilisiert«.

Sieber nimmt die Angriffe auf seine Person gelassen. »Klappern gehört auch im Tarifgeschäft zum Handwerk. Das muss man aushalten können«, sagt er. »Früher hat mich so etwas manchmal belastet. Heute weiß ich: Das ist ein Ritual.« Er kennt seine Rolle, ebenso die Floskeln, die ein Arbeitgebervertreter in einer solchen Auseinandersetzung braucht. Er verstehe ja die Gehaltswünsche der Arbeitnehmer, sagt Sieber, »aber diese Wünsche müssen sich an der Realität orientieren«. Die Banken stünden »vor sehr herausfordernden Jahren«. Es werde immer schwieriger, mit klassischen Bankangeboten gutes Geld zu verdienen. Ein Abschluss wie in der Metall- und Elektroindustrie – in der sich die Tarifpartner jüngst auf 4,3 Prozent für 13 Monate einigten – sei »in unserer Branche nicht denkbar«.

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