Bis zum Erdbeben auf Haiti vor rund zwei Jahren kannte Inga Osmers, 38, Chirurgie nur im keimfreien OP. Dann operierte sie zum ersten Mal unter freiem Himmel. Auf einem Küchentisch. »Die Grundregeln der Chirurgie bleiben auch unter einfachen Bedingungen gültig«, sagt die Unfallchirurgin. »Wir müssen nur die Behandlung den Umständen anpassen. So darf man zum Beispiel frische Amputationswunden nicht gleich zunähen, sondern erst Tage später, wenn es sicher zu keiner Infektion gekommen ist.« Seit drei Jahren arbeitet Osmers für Ärzte ohne Grenzen . Siebenmal war sie bislang für die Organisation im Einsatz: dreimal in Nigeria, auf Sri Lanka und Haiti, an der Elfenbeinküste und in Libyen. Nie weiß sie, wo es als Nächstes hingeht. Darüber entscheidet eine Naturkatastrophe. Oder ein Krieg.

»Es ist jedes Mal ein bisschen wie eine Klassenfahrt«, sagt Osmers. »Ich weiß, wann ich am Flughafen sein muss, und dann wird alles um mich herum organisiert: Ich werde abgeholt und in meine Unterkunft gebracht. Manchmal ist es ein Haus, und jeder hat sein eigenes Zimmer. Manchmal schlafen wir in Zelten. Es gibt Leute, die Essen für mich kochen, meine Wäsche waschen und sauber machen.« Hierfür rekrutiert die Organisation am Einsatzort Personal. Manchmal unterstützen auch einheimische Ärzte und Schwestern die internationalen Helfer. Sie sollen sich nur auf ihre medizinische Arbeit konzentrieren.

Je nach Situation kann die ganz unterschiedlich aussehen: In Nigeria betreibt Ärzte ohne Grenzen seit Jahren ein Traumazentrum, in dem Unfallopfer behandelt werden. Es gibt eine feste Infrastruktur und einen OP-Plan. Alles hat seine Ordnung. Fast wie in Deutschland. Nach dem Erdbeben auf Haiti gab es erst einmal nichts. »Ich war gerade aus Nigeria zurückgekommen und bekam einen Anruf von Ärzte ohne Grenzen. Sie haben gefragt, ob ich kurzfristig nach Haiti fliegen würde«, erzählt Osmers. Sie sagte zu. Am nächsten Morgen klingelte ihr Telefon erneut, und eine Stunde später stand sie am Flughafen in Berlin.

Von dort ging es über Paris nach Guadeloupe und weiter in die Dominikanische Republik. »Mit einem alten Bus und einem Pick-up-Truck sind wir von dort nach Port-au-Prince gefahren.«

In Haiti operierte sie nachts mit einer Stirnlampe

Während Inga Osmers und ihre Kollegen aus der ganzen Welt in Haiti die ersten Verletzten operierten, lief bei Ärzte ohne Grenzen die Logistikmaschinerie an. In zwei Lagerhallen in Bordeaux in Frankreich und in der Nähe von Brüssel stehen fertig verpackte und verzollte Krankenhäuser, die im Notfall binnen 48 Stunden überall auf der Welt aufgebaut werden können. Ganze OP-Säle mit Operationstischen, Medikamenten und chirurgischen Instrumenten gehören dazu. Selbst in den entlegensten Gebieten ist das Team zumindest mit ausreichend Schmerz- und Narkosemitteln und Skalpellen ausgerüstet. »Damit können wir fast immer lebenserhaltende Maßnahmen ergreifen«, sagt Osmers. Frust oder Wut, weil sie jemandem nicht helfen kann, kennt sie daher kaum. Nur widrige Umstände, die sie mit ungewöhnlichen Methoden zu meistern versucht.

So wie auf Haiti, wo es nach dem Erdbeben in den ersten Tagen keinen Strom gab – eine normale Narkose war daher nicht möglich. »Wenn es geht, betäuben wir den Patienten in solchen Situationen nur vom Becken abwärts. Er ist dann bei der OP wach«, sagt Osmers. Wird oberhalb der Hüfte operiert, hilft den Ärzten ein Pulsoxymeter: ein kleines Gerät, das an den Zeigefinger geklemmt wird und so den Puls und die Herzfrequenz misst. In einem Kocher, der extra für Kriegschirurgie konstruiert wurde, kochen die Ärzte ihre Instrumente ab. »Wegen der starken Nachbeben hatten manche Kollegen Sorgen, dass die neuen OP-Tische während der Operation umfallen könnten«, erinnert sich Osmers. Sie selber hatte keine Angst. Sie wirkt, als würde sie mit fast jeder Situation klarkommen. Ihre langen blonden Haare hat sie zu einem losen Zopf gebunden. Sie spricht langsam, formuliert jeden Satz bedächtig. Drei Wochen blieb sie auf Haiti und operierte oft bis spät in die Nacht, hauptsächlich Knochenbrüche. Um auch im Dunkeln arbeiten zu können, hatte sie ihre Stirnlampe aus Deutschland mitgebracht. »Ich hätte noch länger bleiben und weiter operieren können«, sagt sie. »Wenn man muss, kann man immer mehr.«

Der Wunsch, in Krisengebieten zu helfen, war bei ihr früh da. Schon während des Studiums verbrachte Osmers mehrere Wochen in einem Buschkrankenhaus in Malawi. Da war es ein logischer Schritt, als fertige Medizinerin für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten.