Exzellenzinitiative: "Jetzt sind wir klüger"
Die Exzellenzinitiative trat damit an, die deutschen Hochschulen zu revolutionieren. Was ist aus den Versprechen von damals geworden? Ein Überblick
Es war eine Sozialdemokratin, die den Wettbewerb an Deutschlands Hochschulen brachte: Edelgard Bulmahn setzte als Bundesbildungsministerin 2004 die Exzellenzinitiative gegen den Widerstand einer ganzen Riege von Landespolitikern durch. Deutschland brauche keine Elite-Insel, sagte Bayerns CSU-Bildungsminister Thomas Goppel. Sein sächsischer CDU-Kollege Matthias Rößler fürchtete Schlimmes für Ostdeutschland. Doch auch ihre Parteifreunde hatte Bulmahn zunächst mehrheitlich gegen sich. Als Ende 2004 die Einigung endlich stand, war der Erfolgsdruck gewaltig: Jetzt musste die Exzellenzinitiative liefern, was ihre Befürworter angekündigt hatten. Aber tat sie das auch?
1. Die Welt soll sehen, wie gut deutsche Unis sind
Das Versprechen: »Damit Deutschland international mit Elite-Universitäten wie der ETH Zürich, Stanford oder Oxford konkurrieren kann, brauchen wir weithin sichtbare Leuchttürme.« Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung 2004
Die Ausgangslage: Wie misst man eigentlich das internationale Standing einer Wissenschaftsnation? Während die einen bei dieser Frage mit den Schultern zucken, stützen sich andere auf vermeintlich objektive Statistiken. Den Zitationsindex von Thomson Reuters zum Beispiel, dem eine simple Logik zugrunde liegt: Je häufiger Wissenschaftler von anderen Wissenschaftlern zitiert werden, desto besser sind sie. Demnach lagen Deutschlands Forscher zwischen 2001 und 2006 im weltweiten Vergleich hinter den USA auf Platz zwei. So weit, so gut – würden Deutschlands Unis nicht auch als gleichförmig und langweilig gelten. Im umstrittenen, aber extrem medienträchtigen Shanghai-Ranking der weltbesten Hochschulen befindet sich 2006 keine einzige deutsche Uni unter den Top 50. Ein ernsthaftes Problem, wie Ministerin Bulmahn glaubte: »Spitzen-Unis sind besonders attraktiv für Nachwuchs und Spitzenkräfte aus dem In- und Ausland.« Die Exzellenzinitiative soll helfen, die deutsche Forschung auch in den Uni-Rankings zum Strahlen zu bringen.
Der Stand heute: Im »Sciencewatch-Index« vonThomson Reuters haben die Forscher hierzulande ihren zweiten Platz gehalten. Das Shanghai-Ranking von 2011 führt eine deutsche Uni unter den Top 50: die TU München auf Platz 47. Insgesamt schafften den Sprung unter die ersten 200 nur 14 deutsche Standorte, 2006 waren es 16. Hat die Exzellenzinitiative also dabei versagt, den Glanz der individuellen Forscher auf neue Elite-Unis zu übertragen? Nicht unbedingt: Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die zwischen 2007 und 2011 rund 6000 ausländischen Wissenschaftlern einen Forschungsaufenthalt in Deutschland gesponsert hat, weist unter den zehn begehrtesten Zielen sechs der insgesamt neun Exzellenzuniversitäten aus. Wobei im Zeitraum von 2004 bis 2008 schon fast die gleichen Unis oben waren. Der Münchner-TU-Präsident Wolfgang Herrmann ist sich dennoch sicher: »International hat die Sichtbarkeit unserer Wissenschaftler und unserer Wissenschaft erheblich zugenommen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass dieser kluge Schachzug deutscher Politik aufmerksame Nachahmer rund um den Globus findet.« Worauf Herrmann anspielt: Mit Spanien, Polen und Malaysia hat eine Reihe von Ländern die Idee der Exzellenzinitiative kopiert. Und die Zahl der ausländischen Wissenschaftler, die insgesamt nach Deutschland kommen, ist zwischen 2005 und 2009 um ein Drittel gestiegen – auf fast 30000.
2 Mehr Wettbewerb ist für alle gut
Das Versprechen: »Die Besten dienen als Vorbild und heben so das allgemeine Leistungsniveau an.« Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrates 2004
Die Ausgangslage: Einen wichtigen Grund dafür, dass deutsche Unis international ohne eigenes Profil dastehen, sehen Bildungspolitiker im mangelnden Wettbewerb. Die Hochschulen bekommen Staatsgelder nach dem Gießkannenprinzip und wursteln damit vor sich hin. Der Exzellenzwettbewerb soll das ändern – nicht nur indem er ein paar Sieger kürt, sondern indem er insgesamt eine Wettbewerbskultur etabliert. »Der Wettbewerb stärkt die strategische Entscheidungsfähigkeit in den Universitäten«, glaubt Peter Strohschneider, im Jahr 2006 Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Das darin enthaltene Versprechen: Auch wenn eine Hochschule im Wettbewerb durchfällt, hat sie von ihrem Antrag profitiert, weil sie gezwungen war, über ihre Stärken und Schwächen nachzudenken. Gleichzeitig werden die Verlierer angespornt, den Besten nachzueifern und sie in anderen Wettbewerben zu übertrumpfen. Und die Politik lockt zur Belohnung mit mehr administrativen Freiheiten.
Der Stand heute: Die Exzellenzinitiative hat offenbar nirgendwo zu dauerhafter Frustration geführt: Viele Verlierer von einst versuchen es in dieser Runde erneut – und haben, wie die TU Dresden oder die Berliner Humboldt-Uni, beste Chancen, diesmal Elite-Uni zu werden. Überhaupt hat sich in Deutschlands Hochschullandschaft eine Vielzahl neuer Wettbewerbe etabliert: von Landesexzellenzinitiativen über Preise für gute Lehre bis hin zu Auszeichnungen für die beste Hochschulkommunikation. Gleichzeitig ist die Summe der Drittmittel explodiert: von 3,4 Milliarden Euro 2003 auf 5,9 Milliarden Euro 2010. Das Versprechen, den Hochschulen mehr Autonomie zuzugestehen, hat sich ebenfalls erfüllt – wobei es sich vor allem um mehr Entscheidungsfreiheit für die Hochschulleitung handelt. Haben davon alle etwas? Laut einer Umfrage der Ruhr-Uni Bochum gefallen vielen Professoren die neuen Managementstrukturen. Auch hat das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) ermittelt, dass die meisten Forscher mit der neuen Wettbewerbs- und Förderrealität insgesamt zufrieden sind. Kritischer sind die Geisteswissenschaftler, die ein Missverhältnis zwischen Antragsaufwand und Ertrag beklagen. Sie sind es auch, die eine Marginalisierung ökonomisch weniger interessanter Disziplinen befürchten. Bislang kam es zum Glück anders: Die Uni Potsdam hat erst kürzlich in einer Studie die im internationalen Maßstab weiterhin erstaunliche Vielfalt kleiner Fächer festgestellt.







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