Exzellenzinitiative: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Wie hat die Uni Göttingen die Exzellenzinitiative erlebt? Ein Besuch bei den Geisteswissenschaftlern
In der Hitze Indiens, eine frittierte Teigtasche in der Hand, auf der Stirn einen roten Glückspunkt und neben sich Christian Wulff, verstand Gerhard Lauer plötzlich, was das alles sollte mit diesem Wettbewerb, der seine Universität seit Jahren in Atem hielt. In dem Moment, als Wulff das rote Band durchschnitt, spürte Lauer, dass mit der Exzellenzinitiative etwas ganz Großes in Gang gesetzt worden war. So groß, dass er, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Göttingen, fast 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten bei 40 Grad im Schatten und indischen Häppchen die Eröffnung der ersten Auslandsrepräsentanz seiner Universität feiern durfte. Dass er sich mit den indischen Wissenschaftlern austauschen konnte, sie voller Anerkennung von seiner Universität sprachen und er bald darauf wissenschaftliche Mitarbeiter aus der indischen Stadt Pune bei sich in der Fakultät haben würde – das alles war nur möglich, weil es die Exzellenzinitiative gab, jenen umstrittenen Wettbewerb, in dem Göttingen 2007 zur sogenannten Elite-Universität gekürt wurde. Doch bis nach Pune war es für Gerhard Lauer und seine Uni ein langer Weg.
Spitzenforschung fördern, ausgewählte Universitäten auch international wettbewerbsfähig machen, die Fachbereiche untereinander vernetzen: Das war 2004 der Plan, als die Exzellenzinitiative aus der Taufe gehoben wurde. Der damalige Göttinger Uni-Präsident Kurt von Figura ist begeistert und preist den Wettbewerb als notwendig und Exzellenz als »Verpflichtung«. Auch seine Nachfolgerin Ulrike Beisiegel begrüßt den Hochschulwettbewerb: Er sei auch gerade eine Chance, die Geisteswissenschaften aus dem »Elfenbeinturm» herauszuholen und »ihre Forschung den gesellschaftlichen Bedürfnissen anzupassen«.
Die Naturwissenschaften, die schon von ihrer grundsätzlichen Arbeitsweise auf Vernetzung und Interdisziplinarität ausgerichtet sind, begreifen den Wettbewerb von Anfang an als Herausforderung. Doch bei den Geisteswissenschaftlern in Göttingen ist die Skepsis groß. Auch Lauers Enthusiasmus hält sich zunächst in Grenzen. Zu fern waren ihm und seinen Kollegen Begriffe wie Elitenförderung und Exzellenz. »Wir hatten kaum eine Ahnung, was dieser Wettbewerb für Konsequenzen für uns und unsere Forschung haben würde«, sagt er. »Bis dahin war der Professor weitgehend frei, er konnte das erforschen, was ihn interessierte.« Viele hatten Angst, dass die Universität durch die Initiative in ihren Grundfesten erschüttert werden würde.
Und doch: eine professionelle Homepage, ein eigener Twitter-Account – Lauer ist 50 Jahre alt, er möchte mitgehen mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. Und die Exzellenzinitiative gehört für ihn auch dazu. Gleichzeitig versteht er die Ängste seiner Kollegen. Die Furcht davor, Privilegien und Entscheidungsfreiheit zu verlieren, und vor der Fremdbestimmung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).
Mit Argwohn beäugen die übrigen Professoren den Prozess, der die gesamte Universität in Bewegung zu setzen scheint. Franz Walter lehrt Demokratieforschung in Göttingen und sagt, er habe nicht das Gefühl, durch die Exzellenzinitiative aus seinem Elfenbeinturm herausgeholt werden zu müssen. Er publiziert regelmäßig in deutschen Medien, hat eine eigene Zeitung gegründet. Seine Wissenschaft auch für Fachfremde zugänglich zu machen ist ihm wichtig. Er gehört zu den Professoren in Göttingen, die keine Lust haben auf den Wettbewerb. Die sich fragen, ob der Aufwand, die Organisation, das permanente Anträge-Schreiben sich lohnen. Die bezweifeln, ob die Kooperation mit anderen Fachbereichen für die eigene Forschung fruchtbar ist. Die glauben, dass gute Wissenschaft nicht planbar sein darf. »Wenn in Ägypten die Menschen auf die Straße gehen, möchten wir die politische Partizipation erforschen und nicht das, was von der DFG in Zukunfts- und Clusterprogrammen Jahre vorher festgelegt wurde.«
Lauer kennt diese Bedenken und arbeitet sich dennoch mit einer Handvoll Kollegen durch die Rahmenbedingungen und Inhalte des Wettbewerbs. Sie haben nur eine vage Vorstellung davon, was Förderlinie 1oder 2 bedeutet, wie ein Förderantrag aussehen sollte oder nach welchen Kriterien die Gutachter entscheiden. »Das war der Wilde Westen«, sagt Lauer über diese erste Phase der Exzellenzinitiative. Aber letztlich lockt der Wettbewerb mit viel Geld für den Fachbereich, der mit einer Graduiertenschule für Doktoranden oder mit einem Exzellenzcluster für gebündelte Forschungsthemen den Zuschlag bekommt. Und irgendwo ist da bei Lauer auch das Gefühl, dass dieser Wettbewerb für die eigene Forschung ganz neuen Input geben könnte. »Nach und nach sickerte immer mehr durch, was sich aus diesem Wettbewerb für Möglichkeiten ergeben könnten.« Die Zusammenarbeit mit den indischen Kollegen in Pune ist eine davon.
Lauer und seine Kollegen, »immer die Gleichen«, arbeiten einen Antrag für eine Graduiertenschule für Geisteswissenschaftler aller Fachrichtungen aus. Schon im Vorfeld des Antrages geht es darum, die anderen Professoren davon zu überzeugen, am Wettbewerb teilzunehmen. Und darum, die Gräben innerhalb der Fakultät zu überbrücken. »Die nehmen uns unsere Doktoranden weg«, bekommen Lauer und seine Mitstreiter zu hören, wenn sie bei Professoren anderer Fachbereiche über das Projekt sprechen. Und am Ende müssen noch die Gutachter der DFG und der Wissenschaftsrat für die Idee gewonnen werden.
Das Konzept der Göttinger Geisteswissenschaftler schafft es 2007 in die Endrunde – doch den Zuschlag bekommt es nicht. Zu breit aufgestellt, keine thematische Eingrenzung, bemängeln die Gutachter. Stattdessen wird das Konzept der naturwissenschaftlichen Graduiertenschule gefördert. Die Göttinger werden damit zur »Elite-Universität«, weil sie in allen drei Förderlinien erfolgreich waren, doch für die Geisteswissenschaftler bleibt nur der Trostpreis: Ihre Graduiertenschule wird vom Land unterstützt, allerdings mit deutlich weniger Geld. Lauer und seine Kollegen wissen, was den Kritikern jetzt durch den Kopf geht: Seht, eure Arbeit hat sich nicht gelohnt. Schadenfroh seien sie nicht direkt gewesen, sagt Lauer, doch auch er zweifelt: Passt dieser Wettbewerb überhaupt zu uns Geisteswissenschaftlern? Was hat unsere Fakultät jetzt davon, dass die Uni »Elite« ist? Hat sich die ganze Arbeit, die ganze Mühe gelohnt? Diese Fragen nagen an Lauer und seinen enttäuschten Kollegen. »Das steckt man nicht so einfach weg.« Damals, nach der Niederlage, wird ihm klar: Wer bei der Exzellenzinitiative erfolgreich sein möchte, muss vor allem ganz genau wissen, was die DFG von den Anträgen erwartet, welche Punkte bei der Ausarbeitung wichtig sind, welche Schlagwörter fallen müssen.







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