Künstlerin Pipilotti RistDas Glück des Sehens

Pipilotti Rist ist die größte lebende Künstlerin der Schweiz. Was wir von ihr lernen können, erklärt die Kritikerin und Freundin aus der Kindheit Daniele Muscionico. von Daniele Muscionico

Pipilotti Rist

Pipilotti Rist  |  © Arnd Wiegmann/Reuters

Buchs (SG), 1966: Ein vierjähriges Mädchen stürmt durch die Arztpraxis ihres Vaters. Sie öffnet alle Türen und will wissen, was dahinter ist, sie gelangt auch ins Wartezimmer. Hier pflanzt sie sich vor den Anwesenden auf und beginnt sie zu fragen: »Wer bist du? Was machst du? Wo tut es dir weh?« Einzelne Patienten reagieren betreten, andere freuen sich über das unbefangene Kind. Dass in der Hausarztpraxis Rist ein unerschrockenes, neugieriges, fantasievolles Mädchen die üblichen Abläufe durcheinanderwirbelt, ist bald das Gespräch im Dorf, in dem wir beide aufwuchsen.

Die Nachricht war unmissverständlich. Nicht zu überhören war sie. Einfach und klar, deutlich und an einer Hand nachzuzählen. Für jeden, für jede: Dieses Jahr steht eine Schweizerin unter den ersten zehn auf der Bestenliste der maßgebenden internationalen Gegenwartskünstler. So urteilt der deutsche Kunstkompass, das renommierte Kunstranking, welches das Gigantentreffen seit 1970 ausruft, eine Unberührbaren-Kaste von Kunstkolossen jedes Jahr neu versammelt; 2012 vorneweg – eine hiesige Künstlerin: Pipilotti Rist. Und wie reagiert die Schweiz? Feiert sie ihren Star?

Die Videokünstlerin und Experimentalfilmerin steht nach Heroen wie Gerhard Richter, Bruce Nauman, Georg Baselitz, Rosemarie Trockel, Anselm Kiefer auf Platz 10. Gemessen wird die Resonanz der Künstler: Ausstellungen, Medienpräsenz. Was die übrigen Landesvertreter betrifft, sind Duo Fischli/Weiss die Nummer 26, Thomas Hirschhorn hält Platz 46 und Roman Signer Platz 93. Ihnen Nasen weit voran und allein in dünner Luft: Elisabeth Charlotte Rist, aufgewachsen in Buchs im Rheintal.

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Rist ist die Künstlerin, die hundert Stunden Arbeit in eine Minute Film steckt, weil sie will, dass Menschen in einer Minute mit hundert Stunden beschenkt werden. Rist ist die Frau, die auf der Straße jeden so freundlich grüßt, als wäre sie mit ihm verwandt. Rist ist ein sozialer Mensch, ein sozial verantwortlicher Mensch.

Elisabeth Charlotte Rist wächst in einem antiautoritären Elternhaus auf, die fünf Kinder sorgen meist für sich selber. Elisabeth, die Zweitälteste, übernimmt für die Jüngeren die Vater-und-Mutter-Rolle. Ihre Eltern sind Freigeister, der Vater ein Allgemeinmediziner, der Afrika bereist und seinen vier Mädchen und dem Buben beibringt, dass die Rasse der Schwarzen wertvoller sei als die weiße. Elisabeths Mutter, eine Lehrerin und unabhängige Frau, engagiert sich beherzt in der Schulpolitik. Die Kinder sind eine verschworene Gemeinschaft. Mit zwei ihrer Schwestern wird Elisabeth später lange Jahre alle wichtigen Kunstprojekte realisieren, mit Andrea, einer Fotografin, mit Tamara, einer Schneiderin und Taschendesignerin. Sie sind ein Label, betreiben ein Atelier und nennen sich Rist Sisters. Die Familienbande sind bis heute eng. Auch wenn Elisabeth längst eine eigene Familie und einen zehnjährigen Sohn hat.

Für die neue Videoarbeit Administrating Eternity in der aktuellen Ausstellung Blutbetriebene Kameras und quellende Räume im Kunstmuseum St. Gallen hatte Pipilotti sich vorgenommen, Schafe zu filmen. Und obwohl sie längst die Möglichkeit hätte, sich irgendwelche Schafe zu kaufen, möchte sie die Tiere ihres Onkels verwenden. Um den Preis: Rist wird nachts von kindlichen Angstträumen gequält, dass die Schaf-Arbeit dem gestrengen Schaf-Onkel womöglich nicht gefallen könnte, später, im Museum. Typisch Pipilotti. Sie wird diesen Juni 50 Jahre alt, doch sie träumt noch immer Kindheitsträume. Typisch für eine Nummer 10 auf der Künstler-Weltrangliste ist das nicht.

Denn das ist die Rist auch: eine, die von allen wichtigen Museen gesammelt wird zwischen Kyoto und Toronto. Sie hat einen Ruf von Guangzhou in China bis Mexiko-Stadt, wo 2014 zwei große Ausstellungen zu sehen sein werden. Von den Amerikanern wird sie als Kultfigur laut gefeiert, von den Japanern leise bewundert als Rollenmodell, als zeitgenössische Videopionierin, Repräsentantin einer neuen Frauengeneration in der bildenden Kunst. Und, man erinnert sich, obschon in der Schweizer Presse darüber kaum zu lesen war: In den dunkelsten Novemberwochen der Finanzkrise 2008 wird Pipilotti in New York als Licht-Bringerin bejubelt. Die Vernissage war das gesellschaftliche Ereignis zwischen Ost- und Westküste, und nur eine fehlte, Yoko Ono. Sie ließ sich entschuldigen.

Im Familien-Hallenbad, Buchs (SG), 1976: Weil hier die Akustik am besten ist im ganzen Haus, hat Elisabeth das Wasser aus dem Bad geleert und ist mit ihrem Bett und ihrer Stereoanlage ins gekachelte Tief gezogen. Hier wohnt sie jetzt, und hier spielt sie nächtelang Beatles-Platten, begeistert sich für John Lennon und das von Richard Hamilton entworfene »Weiße Album«.

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