Vor einigen Wochen hat die Welt Genevieve Cook kennengelernt, eine Australierin des Jahrgangs 1957. Frau Cook war 1983 für kurze Zeit die Freundin von Barack Obama, der ein bisschen jünger ist als sie und damals studierte. Man weiß jetzt, wie es beim ersten Mal war: Sie kochten gemeinsam, danach, so Frau Cook, »fühlte es sich an, als müsse es geschehen«. Man weiß jetzt, dass Barack Obama, als »es« geschah, »zärtlich, aber gleichzeitig kühl« war, dass er nach Schweiß und Rosinen roch und dass er als Student sonntags mit nacktem Oberkörper das Kreuzworträtsel in der New York Times zu lösen pflegte.

Ich habe das in der Zeitung gelesen.

Wer regelmäßig in Bild hineinschaut, kann dort auch Angela Merkel beim Einkauf betrachten, Bild-Leserreporter haben sie dabei fotografiert. Auch der Inhalt des Einkaufskorbes ist bekannt: tiefgekühlte Forellen und ein Braten. Philipp Rösler hört beim Einkaufen übrigens Musik aus seinem iPod. Davon gibt es ebenfalls Fotos.

Das sind alles harmlose Dinge. Obama war damals noch lange nicht mit Michelle zusammen. Harmlose Dinge, nichts ist das, gar nichts – außer vielleicht ein Zeugnis der Tatsache, dass jede halbwegs interessante Person und jede alltägliche Handlung heute ein Gegenstand nahezu ununterbrochener Beobachtung ist, nicht zuletzt wegen der Leserreporter, aber auch wegen der tausend Möglichkeiten des Internets und wegen der Handykameras. Vor allem aber deshalb, weil der Mensch ein neugieriges Wesen ist und weil die Neugierde, wie jedes Bedürfnis, sich in einer Warengesellschaft ökonomisch nutzen lässt.

Der sogenannte »Skandal« bringt dann die kollektive Seele zum Kochen, wobei man unter einem »Skandal« in der Sprache der Boulevardmedien jedes Verhalten versteht, das nicht ganz der Norm entspricht – eine Mogelei, einen Seitensprung, einen Wutanfall, den Kauf einer Flasche harten Alkohols, eine Umweltverschmutzung, vielleicht schon ein unvorteilhaftes Foto in der zu knappen Badehose.

In Wirklichkeit ist der sogenannte Skandal natürlich der menschliche Normalfall. Jede Gesellschaft hat Normen, Moralvorstellungen, eine Idee von »richtig« und »falsch«. Gleichzeitig hat es, vermute ich, noch nie eine Gesellschaft gegeben, in der sich alle ständig an diese Normen gehalten hätten. Das ahnt jeder, und fast jede Gesellschaft nimmt es hin. Sogar im Iran gibt es Klubs, in denen Whiskey getrunken wird und in denen Frauen alles andere als verschleiert sind, Klubs, von denen die Obrigkeit weiß, die sie aber duldet. Selbst so extreme Systeme wie der Stalinismus und der Nationalsozialismus ließen vereinzelt Nischen zu, ein paar Ventile, Schwarzmärkte, Bordelle, Treffpunkte für Homosexuelle.

Es gab immer eine Fassade, und hinter der Fassade gab es immer eine zweite, eine etwas realistischere Moral.

Moralische Normen und Gesetze können nämlich keine perfekten Menschen aus uns machen. Sie verhindern lediglich durch Sanktionen, zu denen auch der Gesichtsverlust und die Blamage gehören, dass allzu viele allzu sehr über die Stränge schlagen. Es wird immer Diebe geben, Betrüger, Lügner, fast jeder von uns hat schon gelogen. Aber wenn wir uns mit der Lüge und dem Diebstahl abfinden, dann brechen alle Dämme.

Wir, die Deutschen von heute, glauben, freier zu sein als alle Generationen vor uns, in gewisser Hinsicht stimmt das auch. Wir dürfen unsere Regierungen kritisieren, die meisten leiden nicht unter materieller Not, wir leben lang und haben einige Krankheiten besiegt. Wenn wir unsere Sexualität jenseits der heterosexuellen Monogamie entfalten möchten, dann geht das. Gleichzeitig aber stand noch nie eine Gesellschaft, die keine Diktatur ist, so sehr unter Kontrolle.

Wir kehren auf Facebook und in den unendlich vielen Shows unser Inneres nach außen, es wird von uns erwartet, nahezu ununterbrochen zu kommunizieren, wie die Ameisen es tun. So werden wir nach und nach zu Menschen ohne Geheimnis. Sein und Schein sollen sich, einmalig und erstmals in der Geschichte, nicht mehr unterscheiden. Alles soll gut ausgeleuchtet sein, transparent. Keine Geheimsitzungen mehr, so fordern es manche aus der neuen Erfolgspartei, den Piraten. Keine Doppelmoral mehr, keine Grauzone.

Colin Powell, der ehemalige US-Außenminister, klagt darüber, dass er sogar auf öffentlichen Toiletten von Handyfotografen verfolgt wird. Als er einmal falsch parkte, wurde ein Foto seines Autos ins Internet gestellt.

Von den großen Figuren der Geschichte hätte, nach unseren heutigen Maßstäben, vermutlich kaum eine Bestand vor dem permanent tagenden Gericht der öffentlichen Meinung. Die Geschichte ist ein einziger Skandal, weil es in der Geschichte immer einen Unterschied zwischen dem offiziellen Leben, der Norm, der Inszenierung und dem tatsächlichen Leben gegeben hat. Katharina die Große und ihre zahlreichen Liebhaber. Napoleon und seine Sexsucht. Der amerikanische Präsident Thomas Jefferson und die schwarze Sally Hemings, seine Nebenfrau, der Trinker Goethe, der manchmal tagelang wegen seiner Depressionen unansprechbare Willy Brandt, das sind nur ein paar Beispiele aus dem Fundus dessen, was man weiß. Diese Dinge waren bekannt, nicht allen, aber einigen. Sie standen allerdings nicht in der Zeitung

Heute ginge das nicht mehr. Angela Merkel könnte nicht tagelang mit einem Lover abtauchen, sie könnte wahrscheinlich nicht mal in einem Ausflugslokal in Ruhe eine Zigarette rauchen. Barack Obama könnte gewiss keine Dauergeliebte aus dem politischen Gegenlager haben. Es stünde in der Zeitung. Das Internet würde überlaufen. Der Druck würde täglich wachsen. Die Aura ginge kaputt.

Fast keines der politischen Idole aus der Vergangenheit würde unter heutigen Verhältnissen übrig bleiben – nur die Allergeschicktesten und die Tugendbolde. Bleibt die Frage, ob die Bravsten und Angepasstesten dann auch wirklich die Besten sind für das Amt, das sie bekleiden.

Tugendrepublik Deutschland

In der Nazizeit haben in Deutschland einige Tausend Juden überlebt, weil sie von Freunden und Nachbarn versteckt wurden, in Gartenlauben und Hinterzimmern, oder weil sie mit gefälschten Papieren plötzlich in einer anderen Umgebung auftauchten, wo niemand sie kannte. Ginge das heute noch? Ich glaube nicht daran. Man würde sofort ihre Spuren entdecken, im Internet oder dank einer Fernsehsendung, in der öffentlich zur Jagd geblasen wird.

Wenn ein Politiker gern christliche Werte im Mund führt und mit Fotos seiner angeblich perfekten Familie für sich wirbt, darf man die Öffentlichkeit meiner Ansicht nach darüber informieren, dass dieser Mensch demnächst Vater wird, und zwar außerehelich. Aber was ist, zum Beispiel, mit dem 16-jährigen Daniele? Der Junge war Kandidat in der Castingshow Deutschland sucht den Superstar. Gewonnen hat er nicht. Ein paar Tage nach seiner Niederlage ging er in Regensburg in eine Diskothek. An diesem Abend stand eine Sexshow auf dem Programm. Eine Pornodarstellerin setzte sich, ziemlich nackt, auf seinen Schoß, anfassen ließ sie sich auch. Tags darauf erschienen Fotos und die Meldung: »Das Jugendamt schaltet sich ein.«

Der Schauspieler Fritz Wepper hat nie so getan, als sei er ein Heiliger. Wer sich für solche Dinge interessiert, weiß, dass seine Ehe von schweren Stürmen gezaust wird und dass er mit seiner, naturgemäß jungen, Geliebten ein Kind hat. Aber das genügt nicht. Paparazzi schossen Fotos, die Wepper beim Betreten und beim Verlassen der Wohnung seiner Freundin zeigen, mit Uhrzeit. Auf dem ersten Foto trägt er ein weißes Hemd, auf dem zweiten ein blaues. Die Reporter verrieten, dass es Weppers Ehefrau war, die sie auf die Pirsch geschickt hat.

Vor der Tugendwacht ist niemand sicher, nicht der Jugendliche mit alterstypischem Erfahrungshunger, nicht der Ehemann auf Abwegen, auch nicht die junge Mutter. Die Schauspielerin Sienna Miller ist von Fotografen dabei ertappt worden, wie sie in schwangerem Zustand ein Glas Prosecco getrunken hat, vermutlich zumindest, das Glas in ihrer Hand sieht ganz nach Prosecco aus. Bildtext: »Tut Mama so was? Nein!«

In Bayern wurde vor einiger Zeit das Rauchen auf Ausflugsschiffen verboten. Wann sehen wir Fotos von rauchenden Matrosen?

Die Tochter einer Kollegin geht in die sechste Klasse, diese Klasse machte eine Tugendfahrt in eine Klinik, um sich dort Raucherlungen und Raucherbeine zeigen zu lassen. Die Kinder sind elf.

Nach dem Rauchen ist, wie zu erwarten, das öffentliche Trinken von Alkohol ins Visier geraten. Zum Beispiel darf in den Hamburger U-Bahnen kein Bier mehr getrunken werden.

In Kiel wurden gerade 500 Schilder mit der Aufschrift »Kein Ort für Neonazis« aufgestellt, der Oberbürgermeister befestigte eines höchstpersönlich am Rathaus, wahrscheinlich will er nicht, dass Menschen mit unerfreulicher politischer Einstellung hereinkommen. Ein Lübecker Kommunalpolitiker von der SPD hat gefordert, dass in der Stadt Rechtsextreme nicht mehr in Restaurants essen gehen dürften. Und eine Kollegin von der Linkspartei hat ihm mit den Worten beigepflichtet: »Gesinnung muss wichtiger sein als wirtschaftliche Interessen.« Der Philosoph Hegel hat das 1837 noch anders gesehen. Er schrieb: »Die subjektive Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich.« Schlagzeilen machte vor einiger Zeit auch der Prozess um einen NPD-Politiker, der in einem Hotel Urlaub machen wollte. Das Hotel wies ihn ab – wegen seiner politischen Ansichten. Andere Gäste, so die Begründung, könnten sich durch seinen Anblick belästigt fühlen. Der von dem Abgewiesenen angestrengte Prozess ergab, dass so etwas grundsätzlich zulässig ist.

Beim Reisen sollen wir auf unsere CO₂-Bilanz achten. Wir können Zertifikate kaufen, um unser Gewissen zu beruhigen, von dem eingenommenen Geld werden Bäume gepflanzt. Zu Luthers Zeiten kannte man so was auch schon, damals nannte man es Ablasshandel.

Beim Kauf von Kaffee und von Kleidung werden wir darüber informiert, dass der Kaffee aus fairem Handel stammt und das T-Shirt ohne Kinderarbeit entstanden ist. Auf der Einkaufstüte steht: »Waldschützend hergestellt«. Wenn im Radio Werbung für Lotto läuft, dann warnt uns anschließend eine Frauenstimme: »Glücksspiel kann süchtig machen.«

Wer sich im Auto nicht anschnallt, wird in den neueren Modellen durch Gebimmel oder Gebrumm auf seine Pflicht zum Selbstschutz hingewiesen, in manchen Wagen wird das Geräusch immer lauter und penetranter, nicht in allen Autos lässt es sich abschalten. Andere Modelle weisen, mit menschlicher Stimme, darauf hin, dass der Fahrer oder die Fahrerin die vorgeschriebene Geschwindigkeit nicht einhält. Eine Maschine überwacht unser Verhalten. Natürlich alles: Zu unserem Besten! Zum Schutz unserer Mitbürger!

Der Große Bruder meint es nur gut mit uns. Vielleicht wird er uns eines nicht einmal fernen Tages einen kleinen Chip ins Hirn pflanzen, der uns alle endgültig zu Menschen macht, die alle Vorschriften einhalten.

Willkommen in der Tugendrepublik Deutschland! In der Tugendrepublik verschmelzen drei geistige und politische Tendenzen der letzten Jahre. Erstens die Tendenz zur Transparenz, die neue Geheimnislosigkeit. Zweitens die Idee, dass ein moralisch einwandfreies Leben des Individuums staatlich durchsetzbar sein könnte. Drittens der Gedanke der möglichst vollständigen Risikovermeidung, wobei die Entscheidung über individuelle Risiken nicht etwa im Ermessen des Individuums steht. Die Entscheidung über Risiken ist vielmehr Sache des Staates, der dabei von einem Heer aufmerksamer Hobbydetektive und emsiger Leserreporter unterstützt wird.

Es handelt sich dabei nicht um ein deutsches Phänomen, sondern um eines der modernen demokratischen Gesellschaften. Bei der Wahrung von Sitte und Anstand sind die USA noch um einiges radikaler, schwer zu sagen, ob immer noch oder schon wieder. Ein Sechsjähriger aus Colorado hat kürzlich einer Mitschülerin den Refrain eines Pophits vorgetragen, er heißt: »I’m sexy and I know it.« Das Kind wurde wegen sexueller Belästigung für drei Tage der Schule verwiesen.

Bei Verboten kommt es auf die Dosis an

Viele Vorschriften und Verbote sind, für sich betrachtet, vernünftig. Auch gegen das Vorhandensein moralischer Prinzipien ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Ich möchte ungern missverstanden werden, etwa als jemand, der sich für Kinderarbeit, gegen Nichtraucherschutz und für die NPD einsetzt. Es kommt aber, wie in der Medizin, auch beim Moralismus und bei der Risikovermeidung auf die Dosis an. Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit ist zum Beispiel ganz gewiss ehrenwert. Der Versuch, eine vollkommen gerechte Gesellschaft zu errichten, kann aber nachweislich im Stalinismus enden.

Es kommt auf die Dosis an. Es muss Grenzen geben. Als die Plagiatejäger im Internet die Doktorarbeit des Ministers Karl-Theodor zu Guttenberg zerpflückt haben, war das ein Dienst an der Allgemeinheit. Ein Blender wurde enttarnt, rechtzeitig, bevor er womöglich Bundeskanzler geworden wäre. Muss deswegen jetzt jede lang zurückliegende mittelschwere Schlamperei in jeder Promotion jeder mittelbedeutenden Persönlichkeit an den Pranger gestellt werden? Ich finde, nein. Eine Gesellschaft, in der kleine Verfehlungen und marginale Abweichungen vom rechten Pfad noch nach Jahrzehnten zum Ende einer Berufslaufbahn und zu einer öffentlichen Charakter-Hinrichtung führen, ist unmenschlich.

Kaum etwas kommt mir vernünftiger vor als der Schutz der Nichtraucher vor Belästigung. Muss man deshalb den Rauchern, auch denen, die Rücksicht nehmen, das Leben so schwer wie möglich machen? Muss man ihnen verbieten, sich auf einem bayerischen See eine Zigarette anzustecken? Muss man einem rauchenden Wirt verbieten, seinen rauchenden Gästen eine Suppe zu verkaufen?

Das Standardargument ist dabei bekanntlich die Belastung der Allgemeinheit, die ein Raucher angeblich verursacht. Wer bezahlt für die Behandlung seiner Krankheiten? Antwort: die Gesellschaft. Die Solidargemeinschaft der Versicherten.

In Wirklichkeit führen sich solche Rechnungen, wenn man sich wirklich einmal darauf einlässt, selbst ad absurdum. Denn der Raucher, der früher stirbt, als die Statistik es vorsieht, spart seiner Rentenversicherung ja zweifellos auch einen Haufen Geld. Das Gleiche gilt für den nicht angeschnallten Autofahrer, der im für die Allgemeinheit günstigsten Fall sofort hinüber ist, sagen wir, mit 50 Jahren, und dabei die Gemeinschaft der Versicherten, neben der Rente, sogar von den voraussichtlich immensen Kosten befreit, die er als 80- oder 90-Jähriger durch seine Alterskrankheiten verursacht hätte.

Der für die Staatskasse günstigste Lebenslauf, der finanzielle Idealfall also, wäre zweifellos der plötzliche Herztod kurz nach dem Erreichen des Rentenalters, ungefähr mit Mitte 60 – ein typisches Raucherschicksal, könnte man sagen.

Einerseits hören wir oft von der alternden Gesellschaft, die vielen Alten sind offenbar ein Problem. Gleichzeitig werden wir immer wieder dazu ermahnt, gesund zu leben, wir sollen Sport treiben, wir sollen nicht rauchen, wir sollen Gemüse essen. Wir sollen hundert werden. Das ist beinahe schon eine staatsbürgerliche Pflicht. Unser Körper gehört nicht mehr uns alleine, wir haben unseren Körper offenbar vom Staat großzügig zur Verfügung gestellt bekommen, und der Staat verlangt, dass wir mit dieser Leihgabe pfleglich umgehen.

Heute habe ich im Radio gehört, dass die 1,5-Liter-Behälter für Coca-Cola in den New Yorker Kinos verboten werden sollen. Die Leute sind zu dick. Ein deutscher Medizinprofessor wurde dazu vom Sender interviewt. Auf die Frage der Moderatorin, ob Erwachsene nicht selbst bestimmen können sollten, wie viel Cola sie im Kino trinken, antwortete der Professor: Der Mensch brauche Leitlinien, auch der erwachsene Mensch. Ich finde, das hätte der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung nicht besser sagen können.

Je älter wir im Durchschnitt werden und je gesünder wir im Durchschnitt sind, desto mehr Sorgen macht man sich um unser Wohlergehen und desto größer wird der Druck, noch älter und noch gesünder zu werden. Die Sachwalter der Gesundheit sind wie geldgierige Manager – je mehr sie haben, desto mehr wollen sie.

Die Helmpflicht für Radfahrer gehört zu den Herzensanliegen des Verkehrsministers Peter Ramsauer. Die Gewerkschaft der Polizei geht noch ein bisschen weiter, sie fordert auch die Einführung von Kennzeichen, die an das Rad geschraubt werden und die Ermittlung von sogenannten Verkehrssündern erleichtern. Meiner Ansicht nach wird das kommen, beides, früher oder später. In Deutschland gibt es schätzungsweise 70 Millionen Fahrräder, auf denen jährlich etwa 400 Menschen zu Tode kommen. Sehr wahrscheinlich ließe sich die Zahl der Toten durch die Helmpflicht und die Gründung einer neuen Behörde, die den Radverkehr überwacht, senken.

Natürlich hat alles einen Preis. Der Preis für die Helmpflicht ist ein Verlust an individueller Freiheit. Die Entscheidung, ob man lieber angenehmer und riskanter fahren möchte oder weniger angenehm und weniger riskant, wird dem Individuum von seiner fürsorglichen Obrigkeit abgenommen. Freiheit und Risiko hängen nun einmal untrennbar zusammen. Egal welche Freiheit sich einer nimmt, egal was einer tut, er oder sie muss dafür immer den Preis des Risikos zahlen. Dem Bergsteiger droht der Absturz, dem Unternehmer droht die Pleite, dem Regisseur droht der Verriss. Die einzigen relativ sicheren Orte sind wahrscheinlich das Sanatorium und die Einzelzelle im Gefängnis.

Nein, es geht beim Rauchverbot auf bayerischen Seen nicht darum, der Allgemeinheit Geld zu sparen. Es geht um eine Idee: die Idee vom richtigen Leben. Es geht darum, angeblich richtiges Verhalten durchzusetzen. Es geht also, im weitesten Sinn, um Herrschaft.

Die Idee vom richtigen Leben und dem richtigen Verhalten ändert sich allerdings ständig. Das Wort »Tugend« ist etwa ab dem Jahr 1000 in Gebrauch, es stammt von dem Verb »taugen« ab. Seitdem variiert die Vorstellung davon, welche Eigenschaften darunter im Einzelnen zu verstehen sind. Die Kardinaltugenden heißen Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Das klassische Bürgertum schätzte eher Eigenschaften als besonders tugendhaft, die sich in der Fabrik oder im Büro gut nutzen lassen, Pünktlichkeit, Fleiß, Reinlichkeit, daneben gibt es christliche, preußische und buddhistische Tugendkataloge, jeder, wie er es braucht oder mag.

Nur der Typus des Tugendwarts bleibt dabei gleich. In den sechziger Jahren kontrollierten gewisse Hausmeister und aufmerksame Nachbarn das Tun und Treiben im Wohnblock, und im Büro tuschelte man über den ledigen Kollegen, der angeblich schwul sei. Zum Ausgleich durfte geraucht und getrunken werden, was das Zeug hält, und eine Sekretärin, die sich über einen Klaps auf den Po beschwerte, galt als verklemmt. Von dieser versunkenen Welt, die eng war und kleinlich, handelt die erfolgreiche amerikanische Serie Mad Men, die Anfang der sechziger Jahre spielt.

Die Welt ist freier und auch nicht

Allerdings war es damals leichter als heute, sich zu verstecken, in einer Welt ohne allgegenwärtige Fotoapparate, ohne soziale Netzwerke, ohne Twitter, ohne YouTube und WikiLeaks. Und die Bereitschaft, wegzuschauen, war vielleicht sogar größer. Ein gutes Beispiel ist der erste Außenminister der Bundesrepublik, Heinrich von Brentano, CDU. Jeder aus dem engeren Kreis der Spitzenpolitiker wusste, dass er homosexuell war, auch Adenauer, der konservative und streng katholische Bundeskanzler. Brentano wahrte die Fassade, deshalb ließ man ihn in Ruhe – das ist die menschliche Seite der Doppelmoral, sie geht gnädig mit denen um, die sich bemühen, ihr unangepasstes Verhalten zu verstecken.

Heute gibt es diese Option fast nicht mehr.

In mancher Hinsicht ist die heutige Welt tatsächlich freier und angenehmer als die Welt der mad men. Es bedeutet in den Augen der Öffentlichkeit kein so großes Problem mehr, eine andere sexuelle Orientierung zu besitzen, wie man heute sagt, oder behindert zu sein oder ein aufsässiges Kind zu haben. Kinder werden zum Glück auch nicht mehr so oft verprügelt. Aber wenn das Kind eine Schlägerei auf dem Schulhof anfängt, ist es nicht mehr – wie früher – damit getan, dass die zerrissene Hose des Kameraden ersetzt wird. Das Kind muss jetzt zum Psychologen. Ein Rüpel wie der kleine Ludwig Thoma – der sich später als berühmter Schriftsteller in seinen bayerischen Lausbubengeschichten erinnerte, wie er als Bub einer Nachbarskatze Feuerwerkskörper an den Schwanz band – säße heute in der Jugendpsychiatrie, um dort von besorgten Therapeuten an die Normen der Gesellschaft herangeführt zu werden. Der Ehrgeiz der Moralwächter hat sich eben verlagert, auf neue Felder.

Von der Tugendrepublik handelt auch das Theaterstück Der Gott des Gemetzels, es ist kürzlich verfilmt worden. Die französische Autorin Yasmina Reza beschreibt die Begegnung zweier Elternpaare, wohlhabende Leute von heute. Die Kinder haben sich geprügelt, nun statten die Eltern des Täterkindes den Eltern des Opferkindes einen Besuch ab, um sich zu entschuldigen. In der Welt von Mad Men wäre man über die Prügelei vermutlich achselzuckend hinweggegangen. In einer Tugendrepublik wird alles in ein helles Licht gerückt, es wird nach Ursachen gesucht, bis man welche findet, es wird geredet, bis alles geklärt ist, nichts wird so leicht vergessen oder vergeben, und das wichtigste Bußritual ist die Entschuldigung, die bei einer öffentlichen Person natürlich eine öffentliche Entschuldigung sein muss. Erwartungsgemäß endet Der Gott des Gemetzels in gegenseitiger Demütigung und Selbstzerfleischung. Wenn über alles geredet wird, dann wird halt auch alles zerlegt.

Die Maßstäbe für richtiges und falsches Verhalten hat lange Zeit die Religion gesetzt. Das war überschaubar. Es gab einen Katalog von Sünden, es gab genau definierte Bußrituale, es gab auch die schöne Idee der Gnade und der Vergebung. Religion war ein Regelwerk zur Bearbeitung von Schuld. Seit die Mehrheit nicht mehr und höchstens pro forma religiös ist, wird das Gewicht einer Sünde vom Barometerstand der öffentlichen Meinung bestimmt, vom geschickten oder unbeholfenen Verhalten des Sünders, und an die Stelle der Gnade ist das Vergessen getreten; weil so viel auf sie einstürzt, vergessen die Leute schnell. Nur das Internet vergisst nichts. Die »Jugendsünde« ist deshalb vom Aussterben bedroht, ebenso wie das Recht, jung und dumm zu sein. Die Verfehlungen eines heute 16-Jährigen können ihm zwanzig Jahre später die Karriere zerstören. Wo Gott war, da ist jetzt eben Google.

Ein besonders bizarrer Vorfall hat sich vor ein paar Wochen in Hamburg ereignet: der Negerpuppen-Skandal. Die Autorin Sarah Kuttner, 33 Jahre alt, stellte einen Roman mit autobiografischem Hintergrund vor. In Wachstumsschmerz geht es um Dreißigjährige, die Schwierigkeiten damit haben, ihre Jugend hinter sich zu lassen und ins Lager der endgültig Erwachsenen überzuwechseln. Sarah Kuttners Protagonistin hat als Kind eine Negerpuppe besessen, ein Geschenk ihrer Eltern. Die Romanfigur wundert sich rückblickend über dieses rassistische Spielzeug mit seinen »prallen, aufgenähten Wurstlippen«, sie wundert sich über ihren »unschuldigen Rassismus« von einst und kommt zu dem Schluss: »Undenkbar, dass so etwas heute noch verkauft würde.«

Im Publikum sitzt ein dunkelhäutiger Mann. Er regt sich auf. Er fühlt sich rassistisch beleidigt. Er hört nur die Worte – Negerpuppe, Wurstlippen – und begreift in seiner Aufregung nicht, dass er gerade eine antirassistische Geschichte gehört hat. Er versteht nicht, dass man auch die Dinge, von denen man sich distanziert, erst einmal klar benennen muss und dass es in Texten immer auf den Zusammenhang ankommt. Es wäre ja auch unmöglich, über Nazipropaganda zu schreiben, ohne mithilfe von Zitaten klarzumachen, worum es sich dabei handelt. Das alles versteht der Mann nicht. Er geht nach der Lesung in Sarah Kuttners Garderobe. Die Autorin sagt ihm, dass sie dieses unangenehme Wort »Negerpuppe« verwendet habe, weil solche Puppen in ihrer Kindheit nun einmal existiert hätten und so genannt worden seien. Daraufhin ruft der Mann die Polizei. Zwei Polizisten erscheinen, während Kuttner signiert. Sie nehmen die Anzeige des Mannes auf. Es gibt ein Aktenzeichen.

In der Welt erscheint die Überschrift »Minderbemittelte« Kuttner faselt über »Negerpuppe« . Das Wort »minderbemittelt« ist ein Zitat. Kuttners ehemaliger Moderatorenkollege Mola Adebisi, er ist schwarz, nennt sie so. Kuttner habe sich auch früher schon rassistisch geäußert, in Witzen. Adebisi sagt: »Ich würde mich freuen, wenn sie mal Judenwitze machen würde, dann wäre ihre Karriere nämlich beendet.« Auf Kuttners Facebook-Seite stehen bald darauf etwa tausend Hasskommentare. Böse sind immer die anderen, man selber darf eine Kollegin ohne Weiteres »minderbemittelt« nennen.

Die gemeinsame Eigenschaft aller Tugendwächter ist ihr gutes Gewissen. Und außerdem die Tatsache, dass sie im Netz anonym bleiben können. Es hilft ihnen, gewisse Hemmungen zu überwinden. Und wenn mehrere Tugendwächter zusammenkommen, entsteht der Mob.

Im Mai veröffentlichten Autoren in der ZEIT einen Aufruf zu einem aktuellen Thema, über das es verschiedene Meinungen gibt, zum Urheberrecht. Wenig später standen die Telefonnummern vieler Unterzeichner im Netz, sie wurden zur Belästigung und Beschimpfung freigegeben.

Im März wurde in der Stadt Emden ein elfjähriges Mädchen missbraucht und ermordet, die Polizei nahm einen Verdächtigen fest, 17 Jahre alt, Berufsschüler. Der Verdächtige stellte sich später, wie so mancher Verdächtige, als unschuldig heraus. Seine Verhaftung wurde allerdings beobachtet. Die Botschaft und die Identität des Jungen verbreiteten sich über Facebook und andere Soziale Netzwerke, bald darauf rotteten sich vor der Polizeiwache etwa fünfzig Personen zusammen, Männer und Frauen. Sie forderten die Herausgabe des Jungen, damit sie ihn lynchen könnten.

In den beiden Fällen geht es, auf den ersten Blick, nicht um Tugend, es geht beim Urheberrecht um einen politischen Streit und in Emden um ein Verbrechen. Beide Male spielte allerdings auch die totale Transparenz eine wichtige Rolle, der gläserne Mensch, in den wir uns nach Ansicht der Tugendwächter verwandeln sollen, einer, von dem die Allgemeinheit alles wissen muss, auch die Telefonnummer und, vor allem, das Vorstrafenregister. Die Allgemeinheit ist dabei gleichzeitig Ermittlungsbehörde, Richter und Vollstrecker.

Die Springer-Presse steht bei der Verteidigung der Tugend fast immer an vorderster Front. Bild ist ein Rollenmodell für viele Hasskommentare auf Facebook, weil Enthüllungen über berufliche Verfehlungen oder privates Ungeschick oft ein Nachspiel im Netz haben. Von dem Mainzer Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger stammt der Satz: »Die Bild- Zeitung ist eine der wichtigsten Quellen für moralische Urteile in der Bevölkerung.« Aus einem Urteil des Berliner Landgerichts, in dem es um den Bild- Chefredakteur Kai Diekmann ging, stammt der Satz, dass dieses Blatt »bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer sucht«.

Kürzlich hat der Vorstandsvorsitzende des Hauses Springer, Mathias Döpfner, über die Tugendrepublik etwas sehr Richtiges gesagt: »Totale Transparenz ist totalitär. Ich vergesse nie eine Aussage von Mark Zuckerberg: ›Wer nichts zu verstecken hat, hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten.‹ Ein fürchterlicher Satz, der hätte auch von der Stasi kommen können.« Oder von Bild.

Nachkommen der Französischen Revolution

Es gibt ein Thema, das ich als Kolumnist seit Jahren behandeln wollte, aber ich hatte ein bisschen Angst davor. Dieses Thema sind die Behindertenparkplätze. Ich habe nichts gegen Behindertenparkplätze, aber es gibt einfach zu viele. Es sind so viele, dass sie, in unserer Gegend, eigentlich immer frei sind. Es gibt in Deutschland offenbar nicht genügend Behinderte, um von dem Parkplatzangebot auch nur annähernd Gebrauch zu machen.

Nun könnte man sagen, dass dies ja genau der Sinn eines solchen Angebots sei, der behinderte Mensch soll jederzeit sicher sein können, in der Nähe seines Zieles Parkraum vorzufinden. Auf der anderen Seite weiß man, dass die meisten Behinderten gerne behandelt werden möchten wie andere Leute auch. Dass man bei der Parkplatzsuche auch mal eine Enttäuschung erlebt, so was ist doch eine allgemein menschliche Grunderfahrung der Moderne.

Zu den inneren Widersprüchen der Tugendrepublik gehört die Tatsache, dass sie einerseits das Risiko brandmarkt, solange es um Alltägliches geht, das Rauchen, das fette Essen, das Nichtanschnallen. Gleichzeitig werden Reservate geschaffen, in die das Risiko ausgelagert wird, es genießt dann durchaus ein gewisses Ansehen und heißt »Abenteuer« – Bungeejumping, Tauchen, Drachenfliegen, Freeclimbing. Ein anderer Widerspruch: Über amoralisches Verhalten von Konzernen in großem Maßstab regt das Publikum sich in der Regel weniger auf als über persönliche Verfehlungen. Es muss sich personalisieren lassen. Und natürlich: Es muss ein Foto geben.

Am Beginn der modernen Gesellschaft, bürgerlich, frei, kapitalistisch, steht die Französische Revolution, und zwei Führungspersönlichkeiten spielen dabei eine besondere Rolle. Sie heißen Danton und Robespierre, Georg Büchner hat ihnen ein Drama gewidmet. Sie gehören beide zu den Jakobinern, den radikalen Verfechtern von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Danton, ein Anwalt, steigt in der Revolution zum Justizminister auf. Er ist korrupt, er ist fett, er säuft, und er frisst, er geht ins Bordell. Sein Gegenspieler Robespierre ist die Tugend selbst, keine Skandale, keine Schmiergelder, keine Frauengeschichten.

Aber es wird der verkommene Danton sein, der sich schließlich dem revolutionären Terror entgegenstellt: Er fordert ein Ende der Hinrichtungen. Zur Strafe wird er selbst ein Opfer der Guillotine. Robespierre, der Tugendsame, strebt die Weltherrschaft der Tugend an. So etwas geht immer böse aus. Sogar für Robespierre. Am Ende trennt die Guillotine auch ihm das tugendhafte Haupt vom Rumpf.

In Büchners Drama heißt es richtigerweise, der Mensch dürfe »vernünftig oder unvernünftig, gebildet oder ungebildet, gut oder böse sein, das geht den Staat nichts an«. Für die Robespierres dieser Welt aber ist der Staat eine Erziehungsanstalt. Leider hat sich deren Position langfristig und im Großen und Ganzen durchgesetzt, zum Glück ist wenigstens die Guillotine abgeschafft und durch den Shitstorm im Internet ersetzt worden. Robespierres historischer Sieg ist seltsam. Der Danton neigte zur Milde, weil er, aus eigener Erfahrung, die Fehlbarkeit des Menschen kannte und um seine Schwächen wusste. Halten sich die Leute heute beim Schreiben ihrer Hasskommentare selbst für so tugendsam und unfehlbar? Übersteigt es wirklich ihre Fantasie, dass, wenn wieder mal jemand am Pranger steht, demnächst genauso gut sie selber dort stehen könnten?