In der Nazizeit haben in Deutschland einige Tausend Juden überlebt, weil sie von Freunden und Nachbarn versteckt wurden, in Gartenlauben und Hinterzimmern, oder weil sie mit gefälschten Papieren plötzlich in einer anderen Umgebung auftauchten, wo niemand sie kannte. Ginge das heute noch? Ich glaube nicht daran. Man würde sofort ihre Spuren entdecken, im Internet oder dank einer Fernsehsendung, in der öffentlich zur Jagd geblasen wird.

Wenn ein Politiker gern christliche Werte im Mund führt und mit Fotos seiner angeblich perfekten Familie für sich wirbt, darf man die Öffentlichkeit meiner Ansicht nach darüber informieren, dass dieser Mensch demnächst Vater wird, und zwar außerehelich. Aber was ist, zum Beispiel, mit dem 16-jährigen Daniele? Der Junge war Kandidat in der Castingshow Deutschland sucht den Superstar. Gewonnen hat er nicht. Ein paar Tage nach seiner Niederlage ging er in Regensburg in eine Diskothek. An diesem Abend stand eine Sexshow auf dem Programm. Eine Pornodarstellerin setzte sich, ziemlich nackt, auf seinen Schoß, anfassen ließ sie sich auch. Tags darauf erschienen Fotos und die Meldung: »Das Jugendamt schaltet sich ein.«

Der Schauspieler Fritz Wepper hat nie so getan, als sei er ein Heiliger. Wer sich für solche Dinge interessiert, weiß, dass seine Ehe von schweren Stürmen gezaust wird und dass er mit seiner, naturgemäß jungen, Geliebten ein Kind hat. Aber das genügt nicht. Paparazzi schossen Fotos, die Wepper beim Betreten und beim Verlassen der Wohnung seiner Freundin zeigen, mit Uhrzeit. Auf dem ersten Foto trägt er ein weißes Hemd, auf dem zweiten ein blaues. Die Reporter verrieten, dass es Weppers Ehefrau war, die sie auf die Pirsch geschickt hat.

Vor der Tugendwacht ist niemand sicher, nicht der Jugendliche mit alterstypischem Erfahrungshunger, nicht der Ehemann auf Abwegen, auch nicht die junge Mutter. Die Schauspielerin Sienna Miller ist von Fotografen dabei ertappt worden, wie sie in schwangerem Zustand ein Glas Prosecco getrunken hat, vermutlich zumindest, das Glas in ihrer Hand sieht ganz nach Prosecco aus. Bildtext: »Tut Mama so was? Nein!«

In Bayern wurde vor einiger Zeit das Rauchen auf Ausflugsschiffen verboten. Wann sehen wir Fotos von rauchenden Matrosen?

Die Tochter einer Kollegin geht in die sechste Klasse, diese Klasse machte eine Tugendfahrt in eine Klinik, um sich dort Raucherlungen und Raucherbeine zeigen zu lassen. Die Kinder sind elf.

Nach dem Rauchen ist, wie zu erwarten, das öffentliche Trinken von Alkohol ins Visier geraten. Zum Beispiel darf in den Hamburger U-Bahnen kein Bier mehr getrunken werden.

In Kiel wurden gerade 500 Schilder mit der Aufschrift »Kein Ort für Neonazis« aufgestellt, der Oberbürgermeister befestigte eines höchstpersönlich am Rathaus, wahrscheinlich will er nicht, dass Menschen mit unerfreulicher politischer Einstellung hereinkommen. Ein Lübecker Kommunalpolitiker von der SPD hat gefordert, dass in der Stadt Rechtsextreme nicht mehr in Restaurants essen gehen dürften. Und eine Kollegin von der Linkspartei hat ihm mit den Worten beigepflichtet: »Gesinnung muss wichtiger sein als wirtschaftliche Interessen.« Der Philosoph Hegel hat das 1837 noch anders gesehen. Er schrieb: »Die subjektive Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich.« Schlagzeilen machte vor einiger Zeit auch der Prozess um einen NPD-Politiker, der in einem Hotel Urlaub machen wollte. Das Hotel wies ihn ab – wegen seiner politischen Ansichten. Andere Gäste, so die Begründung, könnten sich durch seinen Anblick belästigt fühlen. Der von dem Abgewiesenen angestrengte Prozess ergab, dass so etwas grundsätzlich zulässig ist.

Beim Reisen sollen wir auf unsere CO₂-Bilanz achten. Wir können Zertifikate kaufen, um unser Gewissen zu beruhigen, von dem eingenommenen Geld werden Bäume gepflanzt. Zu Luthers Zeiten kannte man so was auch schon, damals nannte man es Ablasshandel.

Beim Kauf von Kaffee und von Kleidung werden wir darüber informiert, dass der Kaffee aus fairem Handel stammt und das T-Shirt ohne Kinderarbeit entstanden ist. Auf der Einkaufstüte steht: »Waldschützend hergestellt«. Wenn im Radio Werbung für Lotto läuft, dann warnt uns anschließend eine Frauenstimme: »Glücksspiel kann süchtig machen.«

Wer sich im Auto nicht anschnallt, wird in den neueren Modellen durch Gebimmel oder Gebrumm auf seine Pflicht zum Selbstschutz hingewiesen, in manchen Wagen wird das Geräusch immer lauter und penetranter, nicht in allen Autos lässt es sich abschalten. Andere Modelle weisen, mit menschlicher Stimme, darauf hin, dass der Fahrer oder die Fahrerin die vorgeschriebene Geschwindigkeit nicht einhält. Eine Maschine überwacht unser Verhalten. Natürlich alles: Zu unserem Besten! Zum Schutz unserer Mitbürger!

Der Große Bruder meint es nur gut mit uns. Vielleicht wird er uns eines nicht einmal fernen Tages einen kleinen Chip ins Hirn pflanzen, der uns alle endgültig zu Menschen macht, die alle Vorschriften einhalten.

Willkommen in der Tugendrepublik Deutschland! In der Tugendrepublik verschmelzen drei geistige und politische Tendenzen der letzten Jahre. Erstens die Tendenz zur Transparenz, die neue Geheimnislosigkeit. Zweitens die Idee, dass ein moralisch einwandfreies Leben des Individuums staatlich durchsetzbar sein könnte. Drittens der Gedanke der möglichst vollständigen Risikovermeidung, wobei die Entscheidung über individuelle Risiken nicht etwa im Ermessen des Individuums steht. Die Entscheidung über Risiken ist vielmehr Sache des Staates, der dabei von einem Heer aufmerksamer Hobbydetektive und emsiger Leserreporter unterstützt wird.

Es handelt sich dabei nicht um ein deutsches Phänomen, sondern um eines der modernen demokratischen Gesellschaften. Bei der Wahrung von Sitte und Anstand sind die USA noch um einiges radikaler, schwer zu sagen, ob immer noch oder schon wieder. Ein Sechsjähriger aus Colorado hat kürzlich einer Mitschülerin den Refrain eines Pophits vorgetragen, er heißt: »I’m sexy and I know it.« Das Kind wurde wegen sexueller Belästigung für drei Tage der Schule verwiesen.