Moralnormen : Der Terror der Tugend
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Nachkommen der Französischen Revolution

Es gibt ein Thema, das ich als Kolumnist seit Jahren behandeln wollte, aber ich hatte ein bisschen Angst davor. Dieses Thema sind die Behindertenparkplätze. Ich habe nichts gegen Behindertenparkplätze, aber es gibt einfach zu viele. Es sind so viele, dass sie, in unserer Gegend, eigentlich immer frei sind. Es gibt in Deutschland offenbar nicht genügend Behinderte, um von dem Parkplatzangebot auch nur annähernd Gebrauch zu machen.

Nun könnte man sagen, dass dies ja genau der Sinn eines solchen Angebots sei, der behinderte Mensch soll jederzeit sicher sein können, in der Nähe seines Zieles Parkraum vorzufinden. Auf der anderen Seite weiß man, dass die meisten Behinderten gerne behandelt werden möchten wie andere Leute auch. Dass man bei der Parkplatzsuche auch mal eine Enttäuschung erlebt, so was ist doch eine allgemein menschliche Grunderfahrung der Moderne.

Zu den inneren Widersprüchen der Tugendrepublik gehört die Tatsache, dass sie einerseits das Risiko brandmarkt, solange es um Alltägliches geht, das Rauchen, das fette Essen, das Nichtanschnallen. Gleichzeitig werden Reservate geschaffen, in die das Risiko ausgelagert wird, es genießt dann durchaus ein gewisses Ansehen und heißt »Abenteuer« – Bungeejumping, Tauchen, Drachenfliegen, Freeclimbing. Ein anderer Widerspruch: Über amoralisches Verhalten von Konzernen in großem Maßstab regt das Publikum sich in der Regel weniger auf als über persönliche Verfehlungen. Es muss sich personalisieren lassen. Und natürlich: Es muss ein Foto geben.

Am Beginn der modernen Gesellschaft, bürgerlich, frei, kapitalistisch, steht die Französische Revolution, und zwei Führungspersönlichkeiten spielen dabei eine besondere Rolle. Sie heißen Danton und Robespierre, Georg Büchner hat ihnen ein Drama gewidmet. Sie gehören beide zu den Jakobinern, den radikalen Verfechtern von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Danton, ein Anwalt, steigt in der Revolution zum Justizminister auf. Er ist korrupt, er ist fett, er säuft, und er frisst, er geht ins Bordell. Sein Gegenspieler Robespierre ist die Tugend selbst, keine Skandale, keine Schmiergelder, keine Frauengeschichten.

Aber es wird der verkommene Danton sein, der sich schließlich dem revolutionären Terror entgegenstellt: Er fordert ein Ende der Hinrichtungen. Zur Strafe wird er selbst ein Opfer der Guillotine. Robespierre, der Tugendsame, strebt die Weltherrschaft der Tugend an. So etwas geht immer böse aus. Sogar für Robespierre. Am Ende trennt die Guillotine auch ihm das tugendhafte Haupt vom Rumpf.

In Büchners Drama heißt es richtigerweise, der Mensch dürfe »vernünftig oder unvernünftig, gebildet oder ungebildet, gut oder böse sein, das geht den Staat nichts an«. Für die Robespierres dieser Welt aber ist der Staat eine Erziehungsanstalt. Leider hat sich deren Position langfristig und im Großen und Ganzen durchgesetzt, zum Glück ist wenigstens die Guillotine abgeschafft und durch den Shitstorm im Internet ersetzt worden. Robespierres historischer Sieg ist seltsam. Der Danton neigte zur Milde, weil er, aus eigener Erfahrung, die Fehlbarkeit des Menschen kannte und um seine Schwächen wusste. Halten sich die Leute heute beim Schreiben ihrer Hasskommentare selbst für so tugendsam und unfehlbar? Übersteigt es wirklich ihre Fantasie, dass, wenn wieder mal jemand am Pranger steht, demnächst genauso gut sie selber dort stehen könnten?

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Kommentare

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Wir sind doch weit gekommen

Die 68iger haben ganz gut aufgeräumt mit dem Muff der Fünfziger. Wir regen uns nicht mehr auf, und das ist gut so. Nicht über die Homosexualität unseres Außenministers und diverser Bürgermeister, nicht über die fürsorgliche Bigamie unseres Präsidenten und nicht über graue Politplatzhirsche mit nekrophilen jungen Damen im Schlepptau. Es bleibt ein leises Schmunzeln, mit dem wir unseren Wein genießen können - ohne Zigarettengestank.

Nein, darüber regen wir uns nicht mehr auf

und dennoch - irgendwie alles zu bemüht, möglichst nicht spießig rüberzukommen. Nur deshalb werden öffentlich keine Witze über homosexuelle Politiker gemacht und Gleichgültigkeit gegenüber fiesen Daddys mit Midlifecrisis ist noch lange kein Fortschritt, sondern eben Gleichgültigkeit und Beliebigkeit.
Der Gipfel der Spießigkeit ist nun das Glas Rotwein in der rauchfreien Zone - klingt sehr nach Toskanafraktion.
Gott (oder wer auch immer) bewahre mich vor humorlosen und intoleranten Gutmenschen.

Könnt heulen

dass hier jemand unwidersprochen meint, Homosexualität sie auf der gleichen Moralischen Stufe wie Bigamie.

Und dass gerade die 68er für Lässigkeit stehen, ist ein riesen Witz! Den Muff haben sie nämlich mit dem Gegenteil davon herausbekommen und diese Mittel wirkt bis heute nach, weswegen Moralisches Denken und Streiten heute einen größeren Wert haben als blinde Tradition. Das ist das Mittel der Kritik, der Auflehnung auf Grundlage eigenen Denkens, eigener Vernunft!

Im Übrigen ist die Behauptung im Text, das Rauchen würde eingestellt werden, ein Trugschluss. Jeden Tag muss ich mir diesen Qualm antun. Denn nur weil es mehr Rauchverbote gibt, heißt es nicht, dass sich die Menschen daran halten. Besonders an Busbahnhöfen darf ich mich ständig umstellen, um nicht zum Zwangspassivraucher degradiert zu werden.

Deutschland ist doch eine Demokratie... (1 von 2)

...und die Deutschen wollen es so. Die Besenstilindustrie
müsste in diesem Land eh langsam zur Schlüsselindustrie
heranwachsen. Durch die Moralisierung ist nicht mehr
der Kleinbürger mit Schrebergarten der Spießer. Die
Spießigkeit geht von der Intelligenz aus. Und bewegt sich
auch langsam zu den Studenten hin. Jede Form
der Freude fällt sofort in Verdacht, auf irgen eine
böse Basis aufgebaut zu sein. Und wenn man diese auch
nach tagelangem Nachdenken nicht gefunden hat, dann
lässt sich das sicher irgendwie mit Kapitalismuskritik
verwursten ala "Freude auf kosten der anderen". Die
EM ist doch das beste Beispiel. Wieder machen sich die,
die selbst noch nie auf der Fanmeile waren, die sich für
Fußball nicht interessieren die meisten Gedanken darüber.
Ich kaufe es dieser Gesellschaft einfach nicht mehr ab, dass
es beim Rauchverbot nur um Nichtraucherschutz geht. Dass es
bei der EM nur um die fast nicht presente Gewalt oder Lautstärke geht. Dass es beim Tempolimit um Umweltschutz geht. Deutschland war das erste Land, welches einen 3L Lupo entwickelt hat. Er war ein flop. Denn jeder fand es toll, wenn der Nachbar sich so ein Auto kauft. Aber selbst hat man immer wieder einen Grund gefunden, weshalb man eine Spritschleuder benötigt - es könnte ja sein, dass
man in 10 Jahren mal nen Anhänger schleppen muss.
...

Recht haben sie

Wenn der Autor über Hegels subjektive Tugend schreibt so muss er auch etwas über die objektive Tugend sagen. Es f fehlt mir auch etwas darüber warum der Tugendbolt nicht besser ist, dass einfach so hinzustellen zeigt nicht von Qualität.und werter Autor jeder muss sich zur Bildung vom reife mit den Konsequenzen seines Handels Auseinandersetzen.und wenn das bedeutet das der Urlaub teurerer wird wegen dem cozwei das ist es hämisch dies Ablasshandel zu Nennen

Selbstkritik?

"Es ist nicht der Raucher der stört. Es ist der stinkende und zu allem Überfluss auch noch gesundheitsschädliche Qualm der stört.
Und alles wäre kein Problem, wenn man die Grenzen anderer achten würde ! Aber das ist schwierig, wenn Egozentrik zur Tugend erhoben wird !"

Ist es nicht auch Egozentrik, wenn man sich selbst deutlich
wichtiger nimmt als die anderen? Ist der Vorwurf, dass alle anderen
egozentrisch sind nicht auch ein Missachten der Grenzen des
Individuums?
Schön, dass sie die Aussagen von Herrn Martenstein so schön bestätigen.
Das was ich für wichtig halte, sollte für alle Gesetz sein. Schöne neue Toleranz... ;-)

Durchaus richtig verstanden

> Wenn der Nichtraucher nicht gestört werden möchte durch die Raucher
> und das Egozentrik ist dann darf ich mich doch auch von Ihnen
> unbewertet mich nackt an Ihren Essenstisch im Restaurant setzen.

Nichtraucher, die Rauchern das rauchen selbst unter freiem Himmel oder eigens zum Zweck des Rauchens geschaffenen Raucherbereichen oder -clubs verwehren, sind für meine Gesundheit eine große Gefahr.

Mein Blutdruck steigt nachweislich in höchst ungesunde Höhen wenn Menschen gute 20m zurücklegen um sich durch den Rauch meiner Zigarette belästigt fühlen zu können oder sich in reservierte Raucherbereiche begeben, um sich dort angekommen darüber zu beschweren, dass dort geraucht wird.

Wenn ich Sie also bitte, aus Rücksicht auf meine Gesundheit darauf zu verzichten, mir (a) ihr Gesicht präsentieren zu wollen, mir (b) ein Gespräch aufdrängen zu wollen oder sich gar (c) an meinen Tisch setzen zu wollen (egal in welcher Kleidung) dann handelt es dabei ausschließlich um Maßnahmen zur Erhaltung meiner Gesundheit.

Wie gesagt: das Sie und Menschen wie Sie meine Gesundheit direkt gefährden ist evident (Blutdruckmessgerät stelle ich gerne) und nicht nur durch hanebüchene Studien irgendwie gefühlt.

Im Gegenzug für Ihre freundliche Rücksichtnahme verspreche ich Ihnen gerne mich entweder des Rauchens oder Ihrer Gesellschaft zu enthalten.

Abgemacht?

zu Beitrag 2 "Ach ja"

Es ist nicht die Egozentrik, die zur Tugend erhoben wird, sondern die Egozentrik der Tugend, die zur Tugend erhoben wird. Denn Egozentrik ist meistens nur ein Zeichen der Unangepasstheit und auch Protestkultur, welcher keiner Tugend bedarf!

Ein rauchender Egozentriker :D

Und das wir tugendhaft, medial beobachtet werden, kann ich bei den teilweise übertriebenen, moralischen Zensuren der ZEIT hier bestätigen.;)

Tugendwächter (1)

Es sind interessante Fragen die Martenstein aufwirft. Wann schlägt Tugendachtsamkeit um in Terror gegen Laisse Faire und eine Diktatur des Vernünftigen? Gibt es das überhaupt, eine Diktatur der Vernunft? Oder ist nicht alles, was der Vernunft zuwiderhandelt, insbesondere dann, wenn es mit Absicht geschieht, Willkür bzw. Unvernunft?

Also stellt sich die Frage überhaupt sinnvollerweise, ob etwas Unvernünftiges gegen die Vernunft sinnvollerweise verteidigt werden kann? Es kommt hier darauf an, ob Vernunft etwas klar umrissenes und eindeutiges ist, also ob sich für jede Situation genau eine vernünftigstee Handlung ermitteln lässt, die vernünftiger ist als jede andere Handlungsoption. Und wenn es eine solche Handlung gibt (geben sollte) auf die das zutrifft, ist sie dann die einzig vernünftige der betrachteten Handlungsoptionen? Schon hier wird es schwierig. Was ausserdem gilt als Kriterium für eine vernünftige Handlung? Ein instrumenteller Vernunftbegriff vielleicht, aber dieser ist auch schon nicht der Einzige, er hat Widersacher. Und nun kommt der Knackpunkt: Die angewandte Vernunft braucht Hintergrundannahmen (über Grundgüter), hinsichtlich derer (deren planvollen Realisierung oder Vermeidung) Handlungen danach eingeschätzt werden, inwieweit (in welchem Ausmaß) diese Handlungen diese Güter fördern oder versagen. Also ist jeder Streit um Tugend letztlich ein Streit um Hintergrundgüter. Abgesehen von solchen Positionen, die vorgeblich jeden Hintergrundrahmen leugnen.

Tugendwächter (2)

Nun könnte diese Schwierigkeit, Vernünftiges zu ermitteln und gegen Alternativen zu verteidigen, dazu führen, die praktische Vernunft selbst in Frage zu stellen. Diese Haltung ist aber selbstwidersprüchlich, denn fast alle Menschen leben nach Vernunftkriterien. Jede Lebenslanung, sei sie noch so banal, ist ein Akt der Vernunft. Das Gut, dem diese Vernunft dient, ist die Selbsterhaltung. Da das allein uns modernen Individuen noch nicht genügt, handeln wir nicht nur vernünftig um unser Leben zu erhalten, sondern auch um ein Leben zu realisieren, das wir als wertvoll und erstrebenswert erachten. Die Vernunft an sich kann also nicht das Ziel unseres Zorns oder das Streben unserer Autonomie sein. Es muss sich bei dem Widerstand gegen die Vernunft darum handeln, den Hintergrundrahmen selbst wählen zu wollen und ihn nicht aufgezwängt zu bekommen, uns also diese Autonomie für uns selbst zu bewahren. Und es stimmt auch in gewisser Weise: wenn ich den Hintergrundrahmen nicht ablehnen oder wählen kann, sind meine Handlungen nicht vernünftig, da es Handlungen gibt, die dieser mir auferlegte Hintergrundrahmen an Gütern als die besten Handlungen zu seiner Realisierung auszeichnet. Hier habe ich nichts mehr selbst zu tun als zu kalkulieren. Hier gibt es nur falsche und richtige Kalkulationen. Das ist Unfreiheit. Insofern ist Vernunftherrschaft eine Verkleinerung der menschlichen Autonomie.

"Diktatur der Vernunft"

Aus genau diesem Grund ist der Freiheitsbegriff so wichtig. Freiheit, in letzter Konsequenz, ist das Recht des Einzelnen, das zu tun was alle anderen fuer einen Fehler halten.

Freiheitlichkeit bedeutet, dass sie nur dort eingeschraenkt werden darf, wo das Handeln dieses Einzelnen andere zu schaedigen beginnt.

Damit will ich nicht sagen, dass Deutschland rein freiheitlich waere (oder auch nur sein sollte) aber Freiheitlichkeit ist unserer der wichtigsten Grundpfeiler, und Ausnahmen muessen gut begruendet werden.

Wenn Unvernunft eine Tugend wär...

Sie haben Recht: Dieser Artikel ist tatsächlich eine Anregung. Zu dumm, dass er einen Kardinalfehler begeht. Der Journalist glaubt seiner Branche und so wird die Frequenz der Berichterstattung einzelner Extremfälle zur allgemeinen Wahrnehmung erklärt.
Ähnlich wie der Horror-Film-Fan, der sich guten Mutes durch keinen Wald mehr traut, weil er Blair Witch Project gesehen hat.
Der Mensch ist aber nicht dieses vernunftbegabte Wesen, dass uns die Wirtschaft immer vorgaukelt, damit wir wenigstens ein gutes, erhabenes Gefühl bekommen, wenn wir uns Sachen kaufen, die wir nicht brauchen.

[...]

Gekürzt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

Die Konstruktive...

Ich bin mir nicht ganz sicher, was an dem Kommentar nicht konstruktiv ist. Schließlich ist er ein Hinweis auf die als mittlerweile gängige Erkenntnis in der Wissenschaft, dass wir als Menschen weniger rational agieren, als wir glauben.
Habe ich hier eine Glaubensgemeinschaft nervös gemacht?
Wenn wir unseren Glauben aus einer Position einer geschichtlichen Perspektive verteidigen, dann begehen wir schlicht und einfach den Fehler, den auch Robespierre gemacht hat: das Absolute.
Menschen machen Fehler - deshalb aber den Fehler als Sinnbild zu erklären, halte ich fragwürdig. Am Ende ist vielleicht nicht das Streben nach Tugend das Problem, sondern die untugendhafte Vermittlung dieses Strebens.
Ich hoffe, das war konstruktiv genug...