MoralnormenDer Terror der Tugend

Du sollst nicht rauchen. Du sollst keine Geheimnisse haben. Du sollst tun, was alle tun. Und denk daran: Du wirst beobachtet! Wie der Glaube an das aufgezwungene Gute mithilfe von Gesetzen, Verordnungen und medialer Überwachung eine moderne Diktatur erschafft. Eine Polemik von 

Verbote sind nur in Maßen vertretbar

Verbote sind nur in Maßen vertretbar  |  © heckenschwein / photocase.com

Vor einigen Wochen hat die Welt Genevieve Cook kennengelernt, eine Australierin des Jahrgangs 1957. Frau Cook war 1983 für kurze Zeit die Freundin von Barack Obama, der ein bisschen jünger ist als sie und damals studierte. Man weiß jetzt, wie es beim ersten Mal war: Sie kochten gemeinsam, danach, so Frau Cook, »fühlte es sich an, als müsse es geschehen«. Man weiß jetzt, dass Barack Obama, als »es« geschah, »zärtlich, aber gleichzeitig kühl« war, dass er nach Schweiß und Rosinen roch und dass er als Student sonntags mit nacktem Oberkörper das Kreuzworträtsel in der New York Times zu lösen pflegte.

Ich habe das in der Zeitung gelesen.

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Wer regelmäßig in Bild hineinschaut, kann dort auch Angela Merkel beim Einkauf betrachten, Bild-Leserreporter haben sie dabei fotografiert. Auch der Inhalt des Einkaufskorbes ist bekannt: tiefgekühlte Forellen und ein Braten. Philipp Rösler hört beim Einkaufen übrigens Musik aus seinem iPod. Davon gibt es ebenfalls Fotos.

Das sind alles harmlose Dinge. Obama war damals noch lange nicht mit Michelle zusammen. Harmlose Dinge, nichts ist das, gar nichts – außer vielleicht ein Zeugnis der Tatsache, dass jede halbwegs interessante Person und jede alltägliche Handlung heute ein Gegenstand nahezu ununterbrochener Beobachtung ist, nicht zuletzt wegen der Leserreporter, aber auch wegen der tausend Möglichkeiten des Internets und wegen der Handykameras. Vor allem aber deshalb, weil der Mensch ein neugieriges Wesen ist und weil die Neugierde, wie jedes Bedürfnis, sich in einer Warengesellschaft ökonomisch nutzen lässt.

Der sogenannte »Skandal« bringt dann die kollektive Seele zum Kochen, wobei man unter einem »Skandal« in der Sprache der Boulevardmedien jedes Verhalten versteht, das nicht ganz der Norm entspricht – eine Mogelei, einen Seitensprung, einen Wutanfall, den Kauf einer Flasche harten Alkohols, eine Umweltverschmutzung, vielleicht schon ein unvorteilhaftes Foto in der zu knappen Badehose.

In Wirklichkeit ist der sogenannte Skandal natürlich der menschliche Normalfall. Jede Gesellschaft hat Normen, Moralvorstellungen, eine Idee von »richtig« und »falsch«. Gleichzeitig hat es, vermute ich, noch nie eine Gesellschaft gegeben, in der sich alle ständig an diese Normen gehalten hätten. Das ahnt jeder, und fast jede Gesellschaft nimmt es hin. Sogar im Iran gibt es Klubs, in denen Whiskey getrunken wird und in denen Frauen alles andere als verschleiert sind, Klubs, von denen die Obrigkeit weiß, die sie aber duldet. Selbst so extreme Systeme wie der Stalinismus und der Nationalsozialismus ließen vereinzelt Nischen zu, ein paar Ventile, Schwarzmärkte, Bordelle, Treffpunkte für Homosexuelle.

Es gab immer eine Fassade, und hinter der Fassade gab es immer eine zweite, eine etwas realistischere Moral.

Moralische Normen und Gesetze können nämlich keine perfekten Menschen aus uns machen. Sie verhindern lediglich durch Sanktionen, zu denen auch der Gesichtsverlust und die Blamage gehören, dass allzu viele allzu sehr über die Stränge schlagen. Es wird immer Diebe geben, Betrüger, Lügner, fast jeder von uns hat schon gelogen. Aber wenn wir uns mit der Lüge und dem Diebstahl abfinden, dann brechen alle Dämme.

Wir, die Deutschen von heute, glauben, freier zu sein als alle Generationen vor uns, in gewisser Hinsicht stimmt das auch. Wir dürfen unsere Regierungen kritisieren, die meisten leiden nicht unter materieller Not, wir leben lang und haben einige Krankheiten besiegt. Wenn wir unsere Sexualität jenseits der heterosexuellen Monogamie entfalten möchten, dann geht das. Gleichzeitig aber stand noch nie eine Gesellschaft, die keine Diktatur ist, so sehr unter Kontrolle.

Wir kehren auf Facebook und in den unendlich vielen Shows unser Inneres nach außen, es wird von uns erwartet, nahezu ununterbrochen zu kommunizieren, wie die Ameisen es tun. So werden wir nach und nach zu Menschen ohne Geheimnis. Sein und Schein sollen sich, einmalig und erstmals in der Geschichte, nicht mehr unterscheiden. Alles soll gut ausgeleuchtet sein, transparent. Keine Geheimsitzungen mehr, so fordern es manche aus der neuen Erfolgspartei, den Piraten. Keine Doppelmoral mehr, keine Grauzone.

Colin Powell, der ehemalige US-Außenminister, klagt darüber, dass er sogar auf öffentlichen Toiletten von Handyfotografen verfolgt wird. Als er einmal falsch parkte, wurde ein Foto seines Autos ins Internet gestellt.

Von den großen Figuren der Geschichte hätte, nach unseren heutigen Maßstäben, vermutlich kaum eine Bestand vor dem permanent tagenden Gericht der öffentlichen Meinung. Die Geschichte ist ein einziger Skandal, weil es in der Geschichte immer einen Unterschied zwischen dem offiziellen Leben, der Norm, der Inszenierung und dem tatsächlichen Leben gegeben hat. Katharina die Große und ihre zahlreichen Liebhaber. Napoleon und seine Sexsucht. Der amerikanische Präsident Thomas Jefferson und die schwarze Sally Hemings, seine Nebenfrau, der Trinker Goethe, der manchmal tagelang wegen seiner Depressionen unansprechbare Willy Brandt, das sind nur ein paar Beispiele aus dem Fundus dessen, was man weiß. Diese Dinge waren bekannt, nicht allen, aber einigen. Sie standen allerdings nicht in der Zeitung

Heute ginge das nicht mehr. Angela Merkel könnte nicht tagelang mit einem Lover abtauchen, sie könnte wahrscheinlich nicht mal in einem Ausflugslokal in Ruhe eine Zigarette rauchen. Barack Obama könnte gewiss keine Dauergeliebte aus dem politischen Gegenlager haben. Es stünde in der Zeitung. Das Internet würde überlaufen. Der Druck würde täglich wachsen. Die Aura ginge kaputt.

Fast keines der politischen Idole aus der Vergangenheit würde unter heutigen Verhältnissen übrig bleiben – nur die Allergeschicktesten und die Tugendbolde. Bleibt die Frage, ob die Bravsten und Angepasstesten dann auch wirklich die Besten sind für das Amt, das sie bekleiden.

Leserkommentare
    • Pinto
    • 22. Juni 2012 12:52 Uhr

    Bitte kommentieren Sie ausschließlich das Artikelthema. Die Redaktion/vn

  1. Wir sind 13jährigmgerade oder kurz vor der Pubertät im Umgang mit dem Internet.
    Diesem Vergleich fehlt meisst die Zugabe,dass diese 'Pubertät' nicht unter den Augen einer Obhut
    oder sorgender Instanz stattfindet.
    In dem Film„Der Herr der Fliegen"ist eine Gruppe pubertierender Jungen,
    durch einen Flugzeugabsturz auf sich allein gestellt. Wer hat sich mit 13 nicht ähnliches gewünscht.
    Was dann passiert,passt nicht unter das Wort Abenteuer,wie man sie sich mit 13 erhofft hat.

    Wenn irgendwas als'in der Pubertät'beschrieben wird dann klingt es zunächst gut
    ist halt noch im werden da geht auch mal was zu Bruch, aber guckt doch, wir haben es letztlich überstanden.
    Haben wir,eingebettet in eine Welt,die wir zwar verflucht haben,aber sie war da.

    Die Jungs auf der Insel werden nach ein paar Wochen gefunden,dabei kann man nicht sagen,
    dass es am Ende gut ausging,nicht mal da.Wenn unsere 13jährigkeit'schief geht'wird wohl keiner kommen,der den Zug stoppt,
    damit es nicht noch schlimmer wird.
    Ob wir es nötig haben,dass einer oder irgendwas die Weichen stellt,kann man vielleicht sehen,
    erinnert man sich an die Yahoo-Werbung zu Beginn der Nullerjahre. Der Typ am sticken,
    die Tür geht auf,seine Szene bricht in Gelächter aus.
    Er macht sich via Yahoo auf die Suche nach Gleichgesinnten.
    Es endet mit einer Einblendung, -Er,mit King-Smile zwischen Blondinen und Brünetten,
    die über seine Stickerei in Staunen ausbrechen.Von diesem Spirit ist nichts übrig...oben gets weiter.

  2. Evolution im Menschenleben,
    sich verändern wollen, einfach nicht mehr so können wie bisher - wird alles zugeschoben.
    Denn schlisslich 'wir' wissen wie du bist, wer du bist, wir 'kenen dich doch', ganz im Sinne von Mark Zuckerberg:
    „Wer nichts zu verstecken hat,hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten."
    Oder dies(sinngemäss)„Bald wird es nicht mehr möglich sein,im Beruf ein anderes
    Gesicht zu zeigen, als in der privaten Zeit."
    Der Mensch ist da frei wo er spielen kann(F. Schiller). Spielerisch entdecken wir uns als Kinder,
    auch im Teene-Alter, auch unsere Sexualität.
    UNd gerade die Erotik ist ein Spiel, das keine Regeln hat, im Gegensatz zur Welt der Computer.
    Dort lässt sich jede Änderung auf ein absolutes -Warum es so sein muss- zurückführen, jedes SEIN ist ein absolutes etwas.
    Wo solches SEIN gefeiert wird, ist das spielerische ein Graus. Das spielerische, das gerne so tut als ob,
    das nicht wahrhaftig sein will, sondern veränderlich, das gerne kokettiert, das gerne versteckt. w.marc-houma.de

  3. 196. Bizarr

    Ich stimme dem Autor zu. Man staunt, wenn man diese Reglementierungswut betrachtet. Kaum ist SOPA vom Tisch kommt ACTA. Neuste, böse Buhmänner sind die Raucher. Woher kommt das Vergnügen der Menschen daran andere zu beobachten/beschneiden/an den Pranger zu stellen? Sie machen es weil? Ja, weil sie es können. Aus keinem anderen Grund. Und die Medien/Technik geben ihnen die Werkzeuge. Die Sucht, andere zu verunglimpfen, (um sich nicht mit seinen eigenen Problemen beschäftigen zu müssen) ist so alt wie die Menschheit, wird aber im Jahr 2000 oft ins Bizarre getrieben.

    • kyri
    • 15. Juli 2012 14:56 Uhr

    «Ich habe nichts gegen Behindertenparkplätze, aber es gibt einfach zu viele.» Gähn.

  4. 198. Klasse!!!

    Was für ein wunderbarer Artikel in unserer Zeit! Die Vergleiche und Beispiele sind erschreckend einleuchtend – wie man auch an den empört-leugnenden Kommentaren der Tugend-Herde erkennen kann die das Nachdenken am liebsten unterbinden würde und als einzige Antwort auf das Benennen totalitärer Gedanken nihilistischen Sarkasmus kennt und mehr totalitären Anspruch bekunden.
    Wir erleben – in verschiedenen tugendhaften Gewändern – eine schleichende Renaissance des Faschismus wie in André Gorz schon 1977 vorhersagte als er den Begriff des Ökofaschismus prägte.
    Technologie, Kultur, Gesellschaft – der Mensch ist verschieden – ist es immer gewesen – und deshalb war er kreativ und wir können heute eine unermessliche Vielfalt in den genannten Bereichen genießen. Es wird Zeit selbst wieder mehr Freiheit zu wagen, und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, wenn wir nicht in der typisch-brutalen Eintönigkeit eines jeden Totalitarismus enden wollen.

    • Spieler
    • 07. August 2012 23:50 Uhr
    199. Danke!

    Hallo!
    Ich habe Ihre Antwort jetzt erst gesehen (, Sie werden diesen Beitrag hier also vermutlich nicht mehr bemerken, aber einen Versuch ist es trotzdem wert, also kurz): vielen Dank für die Links!

    Antwort auf "Quelle"
  5. Derartige Artikel liest man in letzter Zeit immer öfters.
    Allerdings ist mir nicht ganz klar, was eigentlich die Kernaussage dahinter sein soll? Früher war alles besser? Wir brauchen ein liberetäres Gesellschaftsmodell oder gar wieder einen starken Führer?

    Ich würde mir wünschen, dass die Autoren nicht nur immer auf hohem Niveau - ausgeschmückt mit allerlei hochgestochener Kulturkritik - jammern, sondern auch mal konkrete Vorschläge machen würden, was man denn besser machen könnte.

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