Carolyn Christov-Bakargiev : Die Heilerin

Ihre Mitarbeiter fürchten sie. Dabei will Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der Documenta, nur eines: Dass die Kunst alles zum Guten wendet

Nein, Darsi will nichts sagen, keine Interviews, ganz bestimmt nicht. Dabei hätte sich Carolyn Christov-Bakargiev den Rollentausch gut vorstellen können: dass zur Abwechselung mal nicht sie, die Documenta-Chefin, die Fragen pariert, sondern ihr Malteserhündchen, dieses verzottelte Fellbündel. Wie wird das nun in Kassel ? Worum geht es diesmal auf der Documenta , immer noch eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt? Darsi schweigt und verkriecht sich unterm Konferenztisch. Ihr Frauchen tut das ebenso, auf ihre Art.

Sie schweigt, indem sie wie immer munter drauflosparliert und dann abtaucht in ihre Theorien. Sie sagt: Hannah Arendt ! Adorno! Gerne auch: Merleau-Ponty! Was das aber für die Documenta bedeutet, bleibt vage. Nur ein klarer Satz, ihr bekanntester, fällt auch dieses Mal: »Ich habe kein Konzept!«

»Wissen Sie was«, auch das sagt Christov-Bakargiev, die alle nur CCB nennen, »ich habe keine Zeit.« Viel, unendlich viel muss noch entschieden werden so kurz vor der Eröffnung. Über jedes Plakat, jede Schrifttype, über noch das kleinste Detail will sie selbst entscheiden, obwohl sie eigentlich gar nichts entscheiden, sondern alles offenhalten möchte, bis zum Schluss und darüber hinaus. Sie gehört zu den zerrissenen Menschen, die alles kontrollieren und nichts festlegen wollen. Ein Glück nur, dass Darsi jetzt dringend mal muss. »Lassen Sie uns gehen«, sagt CCB kurz entschlossen, greift ein Hundebeutelchen, und hinaus geht’s in die Karlsaue, den großen Park und Documenta-Spielort. Wir gehen Gassi – und sprechen über das, was da kommen mag an Kunst.

CCB ist die Freundlichkeit selbst, sie lächelt, lacht, schüttelt ihre Locken, manchmal singt sie mehr, als dass sie redet. Lange schon ist die 54-Jährige in der Kunstwelt unterwegs. In den USA geboren, lebte sie viele Jahre in Italien , sie hat viel über Feminismus und die Arte povera geschrieben, hat ein Museum in Turin und die Biennale in Sydney geleitet, sie ist bekannt für ihr Temperament – und für ihre Streitlust berüchtigt. Wen man auch fragt, alle erzählen Geschichten der Demütigung und Egomanie. Narzisstisch sei sie, sagt einer. Paranoid, sagt ein anderer. Viele ihrer Mitarbeiter fürchten sich vor ihr. Manche nennen sie den Mini-Mubarak von Kassel und wundern sich darüber, dass ausgerechnet sie für die arabischen Freiheitsbewegungen schwärmt.

Wird diese Documenta ein Ort der Gewalt? »Gewalt?«, fragt CCB, aufgeschreckt. »Wie kommen Sie darauf? Was, so steht das in der Broschüre? Wer hat das geschrieben? Lassen Sie mich telefonieren, das muss ich klären. Nun gut, vielleicht war ich es wirklich selbst, Gewalt. Ja. Der Krieg natürlich, die Zerstörung, der Terror, all das ist hier zu sehen. Doch es geht nicht um Gewalt, wirklich nicht. Wenn es um etwas geht, dann ist es Heilung.«

Heilung, das ist ungewöhnlich. Die Kunstwelt liebt ja das Verstörende, Schmerzhafte und Provokante. Und jetzt eine Wellness-Ausstellung, verstehen wir das richtig?

Wir verstehen es falsch, schon weil diese Documenta in jedem Fall eine Strapaze wird. Sie ist größer, weitläufiger, verwirrender als jede zuvor. Metastasenartig durchzieht sie den Kasseler Stadtkörper, hat mindestens acht Hauptspielstätten, ungefähr 20 Nebenspielplätze, dazu rund 30 Pavillons, über die riesige Karlsaue verstreut. Selbst wem es gelingt, diesen Kunstmarathon heil zu absolvieren, wer die vielen Werke der über 150 geladenen Künstler besichtigt hat, wird sich doch kein wirkliches Bild dieser Documenta machen können. Denn sie geht noch weiter, fernab, unerreichbar, in Kabul

»Heilung«, sagt CCB und keucht jetzt ein wenig wegen der vielen Treppen, die hinabführen in die Aue. »Heilung, das meine ich ganz ernst. Die Kunst kann etwas verändern, sie kann uns verändern.«

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Documenta ist keine Mitmach-Aktion,...

bei der sich jemand einklinken und selbst Kunst hinhängen kann, um ein wenig kostenlos und ohne mit dem Konzept der Documenta auch nur am Rande zu tun zu haben.

Allein die Terminwahl für diese im öffentlichen Raum angebrachte Kunst, für die man zwischen den Documenta-Terminen fast 5 Jahre Zeit gehabt hätte, hat nur eins gezeigt: man wollte ein wenig aufs Trittbrett der medial sehr präsenten Documenta und ein wenig Glanz abbekommen.

Dass sich die Macher natürlich dagegen wehren ist meiner Ansicht nach vollkommen nachvollziehbar.

Ja, das Bewährte, da weiß man, was man hat...

goldene Rahmen, begrenzte Räume gut ausgeleuchtet, 40 Mal 16. Jhd. und dazu doppelt so viele moderne Kunstwerke passend ausgewählt. Alles schön platziert und zum Fotografieren bereit.

Das ist übersichtlich, damit kann man umgehen und vor allem muss man nicht so viel rumlaufen...

Schön, wenn Kunst dressiert und mundgerecht verpackt hingestellt wird. Da muss man nur noch schnell rein, eine Runde drehen, Fotos machen und danach kann man Essen gehen....

doch.

"Sie verbieten das Fotografieren mit Blitz...
Nicht aber ist das Fotografieren grundsätzlich verboten."
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Oh nein, möglicherweise nicht alle, aber doch einige Häuser verbieten jegliches Fotografieren, z.B. die Deichtorhallen Hamburg. Dabei ist es unerheblich, ob für private Zwecke oder welche Qualität das eigene Equipment hat. Möglich, dass man dort mit dem Verkauf einer Fotografie-Erlaubnis noch Einnahmen erwirtschaften will.