BörsenprognoseTwitter weiß es besser

Lässt sich aus dem Geschwätz in Sozialen Netzwerken die Börsenentwicklung ablesen? von Sophie Crocoll

Wenn die US-Schauspielerin Anne Hathaway in einem neuen Film zu sehen ist, steigt der Aktienkurs von Warren Buffetts Investmentfirma Berkshire Hathaway. Am 5. Januar 2009 kam Bride Wars – Beste Feindinnen in die amerikanischen Kinos. Am gleichen Tag legte der Kurs um 2,6 Prozent zu. In Love and other drugs – Nebenwirkungen inklusive, der am 24. November 2010 anlief, ist Anne Hathaway nackt. Für Berkshire Hathaway bedeutete das: ein Plus von 1,6 Prozent. Das hat ein Blogger in den USA ausgerechnet – und seine Entdeckung den Hathaway-Effekt getauft. Dabei hat die Schauspielerin, soweit bekannt ist, mit der Investmentfirma überhaupt nichts zu tun.

Der Blogger erklärt den Zusammenhang so: Tausende Zuschauer schreiben im Internet über den Film. Dies nehmen auch Computerprogramme wahr, die das Netz nach Informationen zu bestimmten Unternehmen durchsuchen – und ordnen die Einträge fälschlicherweise Buffetts Firma zu. Investoren schließen daraus, dass sich viele für Berkshire Hathaway interessieren und kaufen vermehrt deren Aktien. Der Kurs steigt.

Anzeige

An der Börse kommt es darauf an, Bewegungen am Markt früher zu erkennen als andere. Seit sich Menschen in Online-Börsenforen Anlagetipps geben und beim Nachrichtendienst Twitter darüber austauschen, welche Aktien sie gerade in ihren Depots halten und warum, schwirren Unmengen an Börseninformationen durchs Internet. Hinzu kommen zahlreiche scheinbar nichtssagende Einträge, beispielsweise beim Sozialen Netzwerk Facebook, in denen Mitglieder ihre Gefühle mit der Welt teilen. Ihre Stimmung beeinflusst, wie Menschen sich verhalten, im Umgang mit anderen, bei der Arbeit – und wohl auch, wenn sie Geld anlegen. Ist es also möglich, das Geplapper im Netz für Entscheidungen bei der Geldanlage zu nutzen? Lässt sich daraus gar ein Informationsvorsprung ableiten?

Timing

Beim Timing an der Börse versuchen Anleger, eine Aktie zum niedrigsten Kurs zu kaufen oder sie zum Höchststand abzustoßen. Fachleute raten Kleinanlegern allerdings vom Timing ab. Die meisten verpassen den richtigen Zeitpunkt zum Ein- und Aussteigen. Wer über einen längeren Zeitraum bei fallenden Kursen mehr Anteile und bei steigenden Kursen weniger Aktien kauft, umgeht dieses Problem

Yigitcan Karabulut ist davon überzeugt. Der Doktorand am House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt hat den Zusammenhang zwischen Stimmung und Börsenkurs untersucht. Facebook erstellt einen eigenen Glücksindex, den Gross National Happiness Index, und wertet dafür mittels einer Sprachanalyse die Statusmeldungen der knapp 170 Millionen Mitglieder in den USA aus: Hatten sie einen guten oder einen schlechten Tag? Beschrieben sie sich als zufrieden oder traurig? Diesen Index hat Karabulut mit Daten des amerikanischen Aktienmarkts seit dem Frühjahr 2008 verglichen. Sein Ergebnis: Waren die Facebook-Mitglieder glücklich, legten am folgenden Tag auch die Aktienkurse zu. Besonders stark war demnach der Effekt bei kleineren Unternehmen, deren Aktien häufig von Privatanlegern gehalten werden.

Außerhalb der Unis verdienen Anbieter bereits Geld mit der computergestützten Auswertung Sozialer Netzwerke. Richard Peterson sagt, er könne aus den Äußerungen ableiten, worüber die Menschen nachdenken – und Hinweise darauf geben, was das für die Kursbildung bedeutet. Peterson betreibt in Los Angeles eine Agentur, Market Psych, die in 120 Ländern englischsprachige Beiträge in Foren und bei Twitter auswertet. Die Satzbausteine werden 1.500 unterschiedlichen Empfindungen zugeordnet: Liebe, Unsicherheit und Angst beispielsweise. »Wenn die Menschen besonders ängstlich sind, empfiehlt es sich oft, erst recht einzusteigen. Denn kurz darauf geht der Kurs dann wieder nach oben«, sagt Peterson. Die Daten verkaufe er an alle großen Hedgefonds. Namen dürfe er keine nennen, wie viel Geld die Agentur umsetzt, sagt er auch nicht.

Die britische Fondsgesellschaft Derwent Capital hat im Juli 2011 einen Fonds aufgelegt, der seine Investitionsentscheidungen von einer Twitter-Analyse abhängig macht. Die Idee basiert auf einer Studie der Universität Manchester. Demnach ist Twitter ein Frühindikator: Änderte sich die Stimmung, die Menschen auf Twitter ausdrückten, änderte sich zwei bis sechs Tage später auch der US-Aktienindex Dow Jones. In fast 90 Prozent der Fälle lagen die Forscher mit ihren Vorhersagen richtig.

Dubios allerdings: Der besagte Fonds wurde bereits nach einem Monat wieder aufgelöst. Paul Hawtin, der Chef von Derwent Capital, sagt, er dürfe sich nicht zu den Gründen äußern. Womöglich ist es ihm nicht gelungen, genügend Investoren zu finden. Lieber spricht Hawtin über die Online-Handelsplattform, die Derwent Capital noch im Sommer eröffnen will: Die Fondsgesellschaft will die Börsenstimmung, die sie aus Twitter, Facebook und Co. ableitet, privaten Kleinanlegern zugänglich machen. Dazu müssen Kunden bei Derwent Capital ein Depot eröffnen und 1.000 oder auch 10.000 Pfund investieren, erläutert Hawtin. Zugriff auf die Daten aus den Netzwerken erhalten sie dann kostenlos, Derwent verdient an einer Gebühr, die beim Handeln fällig wird. Für Anfänger, gibt Hawtin zu, empfiehlt sich das aber kaum: »Wir stellen ein Werkzeug zur Verfügung. Wie du es benutzt, entscheidet darüber, ob du Erfolg hast oder nicht.«

Leserkommentare
  1. Geschwätz trifft die Umschreibung von Twitter zu 100%.
    Überflüssig, gefährliche Meinungsbildung möglich und sinnlos wie wir bei den letzten sechs Revolutionen im nahen Osten erkennen durften.
    Das Börsenspekulanten sich da orientieren könnten wäre normal weil beides nicht der Gesellschaft dient sondern diese spaltet, ein Vorgang auf den wir mehr als verzichten könnten, sowohl die Börse als auch Twitter.

    • keibe
    • 18. Juni 2012 19:46 Uhr

    "Lässt sich aus dem Geschwätz in Sozialen Netzwerken die Börsenentwicklung ablesen?"

    Nicht nur ablesen lässt sie sich, auch gestalten; vgl. etwa (wenn hier auch nicht börsennotiert):

    "McDonald´s erlebt PR-Desaster: Twitter-User verbreiten ihre Horror-Erlebnisse
    McDonald´s wollte per Twitter eine Image-Kampagne starten, in der die guten News des Fast-Food-Riesen verbreitet werden sollten. Doch die Idee erwies sich als Bumerang. ..."

    http://www.shortnews.de/i...

    • FabiOe
    • 18. Juni 2012 21:17 Uhr

    ...dass der Kurs von Hathaway aufgrund dieses Artikels schon heute, und am 19.Juli nochmal nach oben geht? Weil man ja am 20. Juli sicher ein gutes plus einfährt... und dann kommts grade andersrum, nur weil die Thematik hier beschrieben wurde... ;)

  2. Zumindest hat jemand mal die Distribution von Krisenvokabeln in der ZEIT mit der Entwicklung des DAX in Beziehung gesetzt:
    http://www.security-infor...
    Die Zusammenhänge sind aber nicht besonders stark. Da weiß man doch, warum man die ZEIT liest...

    • iboo
    • 25. Juni 2012 11:10 Uhr

    So ungefähr wmüssten jedenfalls die Firmennamen lauten, um von dieser Twitter-Methode optimal zu profitieren...

  3. wie weit sich "die Märkte" mittlerweile von der Realwirtschaft entfernt haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service