FeminismusVon Amazonen und Schlampen

Wie kämpfen Frauen gegen das Patriarchat – im Netz, mit Netzstrümpfen? Ein Streifzug durch Blogs und Frauenliteratur. von 

Der Feminismus ist nicht tot, aber traurig. »Je freier Frauen werden, desto unglücklicher sind sie«, lautet das Fazit der israelischen Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch Warum Liebe weh tut. Es hat einen Nerv getroffen; kaum ein längeres Gespräch über Männer und Frauen kommt heute ohne diesen Titel und seine melancholischen Reflexionen aus. Illouz glaubt, die sexuelle Befreiung sei viel marktförmiger, kapitalistischer verlaufen, als wir wahrhaben wollen, und die Frauen hätten sich am Ende damit ins Knie geschossen. »Die heterosexuellen Frauen der Mittelschicht«, so schreibt sie, »befinden sich in der merkwürdigen historischen Lage, so souverän über ihren Körper und ihre Gefühle verfügen zu können wie nie zuvor – und dennoch auf neue und noch nie da gewesene Weise von Männern dominiert zu werden.«

Das ist der Gedanke, der Feministinnen heute eint: Kapitalismus und Patriarchat passen hervorragend zusammen. Sie haben sich inzwischen die Heiratsmärkte, die moralischen Gefühle und den Sex anverwandelt. Auch Männer haben dabei verloren. »Offenbar«, so schrieb die Berliner Autorin Katharina Rutschky, »ist Sexualität keine Annehmlichkeit, die man sich gönnen kann wie die große jährliche Urlaubsreise. Sind die einfachen Hindernisse beseitigt, treten die großen hervor.«

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Frauen machen ihre Geschichte selbst, aber ihre neu erkämpfte Freiheit führt sie gleichzeitig immer tiefer in die Unterwerfung. Wer sich in der feministischen Literatur und Bloggerszene dieser Tage umsieht, wird immer wieder auf diesen finsteren Gedanken treffen.

Die neue Unterdrückung sei subtiler

»Backlash« heißt die Kurzfassung. Man habe vieles erreicht, Wahlrecht, Recht auf Abtreibung, Strafen für Vergewaltigung in der Ehe, Gleichheit auf vielen Ebenen – alles schön und gut, aber die neue Unterdrückung sei subtiler, weil sie eben mit dem Einverständnis der Frauen stattfinde. Und Einverständnis ist gar kein Ausdruck: Lange vor seinem Erscheinen war der Roman 50 Shades of Grey – eine Liebesgeschichte, in der eine gewisse Anastasia sich nach Erniedrigung durch »Spanking« sehnt – ausverkauft, weil vor allem Frauen zwischen 20 und 30 ihn sehnlichst erwartet hatten. »Wie kann es sein«, schreibt die Autorin Katie Roiphe in einem Kommentar für Newsweek, »dass Frauen ausgerechnet in dem Moment, wo sie so viel Macht haben wie nie zuvor, wo schon Bücher vom Ende des Mannes als Ernährer künden, in Unterwerfungsfantasien schwelgen?«

Ihre Vermutung: eben deshalb. Ein Schuldgefühl sei im Spiel. »Es tut mir so wahnsinnig leid, dass ich dich entmachte – tun wir doch noch einmal so, als wär alles wie früher.« Tatsächlich handelt Anastasia aus Mitleid mit dem Titelhelden. Er hatte eine schwere Kindheit.

Zum Spiel mit der Unterwerfung passt ein verblüffender Wandel in der feministischen Ikonografie. Was dem frühen Feminismus die Amazone, ist dem neuen Feminismus – die Schlampe. Von Vancouver bis Kreuzberg finden seit letztem Frühjahr in unregelmäßigen Abständen »SlutWalks«, Schlampenmärsche statt. Anlass war die Bemerkung eines Polizisten in Toronto vor einer Gruppe Studenten, Frauen sollten, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen, vermeiden, sich wie Schlampen anzuziehen. Eine Stunde später hatten sich Studentinnen über Facebook verabredet, in Netzstrümpfen, Miniröcken und nuttiger Schminke auf die Straße zu gehen.

Allerdings sind die Schlampenmärsche auch unter Feministinnen umstritten. Ältere Frauen und Musliminnen würden durch Schlampenmärsche ausgeschlossen, sagen die Kritikerinnen, und überhaupt unterwerfe man sich eher, als dass man sich befreie. Feministische Blogs wie Mädchenmannschaft oder Mädchenblog sehen die Aktionen anders: »slutwalk bedeutet für mich nicht nur protest gegen sexualisierte gewalt, sondern auch mein recht auf teilhabe an den errungenschaften der sexuellen revolution«, lautete ein typischer Kommentar.

Leserkommentare
    • dask
    • 17. Juni 2012 11:57 Uhr

    denn die demonstrative Aggression - aufgrund von Frustration - ist ja teilweise salonfähig geworden.
    Daher ist der Buchtitel der Autorin (A.v. Friesen)des von Ihnen verlinkten Beitrags

    "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer"

    zwar pointiert, beschreibt die postfeministischen Lebens - und Gefühlslagen von Frauen jedoch nur zur Hälfte.

    Der Frust entsteht eben auch in den weichgespülten gegengeschlechtlichen Paarbeziehungen, in denen Männer/Väter ihre Frauen und Mütter ihrer Kinder in schweigsamer Liberalität und Loyalität "machen lassen", d.h. ihnen die Gestaltung der Bezugs - und Beziehungsrahmen überlassen
    - schon deshalb, um sich nicht bei der Mitwirkung und/oder Kritik der Lebensführung die Finger bzw. Zunge zu verbrennen...

    Resultat: er macht solange mit wie er´s vertreten kann und sie hat alle Freiräume, aber zwischen Supermama, Powerfrau und self/family-management gezwängt die kaum zu bewältigende Aufgabe nicht nur ihr eigenes Dasein auszubalancieren, sondern die Partner – und Elternschaft ebenso.

    Kurz: die Männer ziehen sich raus, machen nur als loyale Hilfskräfte bei den weiblichen Lebensabschnitts-Projekten mit und ihr stummer Boykott der abstrakt gewordenen weibl. Emanzipation schlägt auf die TrägerInnen in Gestalt von Unzulänglichkeitsgefühlen bei gleichzeitiger Erhöhung zur überlegenen Figur im Geschehen zurück.

    Formale Emanzipation wird so zum Alltagsfluch des alles-allein-machen-müssens.

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    Antwort auf "Agressive Frauen"
    • Afa81
    • 17. Juni 2012 11:59 Uhr

    Also, das sehe ich anders. Ich muss meiner Frau ständig ins Gewissen reden, dass sie sich auch mal hinsetzt und entspannt. Sie ist so überambitioniert im Umgang mit unserem Kind geworden, was wohl normal ist - bei ihren Freundinnen mit Kind ist es genauso. Ja, es scheint fast, als würden sie sich bei einem Telefonat weiter gegenseitig anstacheln, was man denn noch alles machen müsste. Mir wäre nichts lieber, als wenn meine Frau etwas weniger ambitioniert hinsichtlich unseres Sohns wäre. Denn wenn die Mutter überfordert ist, ist das weder für meinen Sohn, noch für mich angenehm. Sagen tu ich ihr das jeden Tag. Das geht nicht von den Männern aus (zumindest ist mir kein einziger Fall bekannt).
    Der Sex ist leider in unserer Gesellschaft totgeredet worden. Ich lese, gerade bei Artikeln wie diesem, so viel Theorie, was wer fühlt, welche neuen Gefühle (außer der Liebe) und Situationen mit Sex jetzt noch bedient werden müssen.
    Warum kann Sex nicht endlich wieder "Freiheit" sein? Nein, vor allem der Mann muss hier gewisse Rahmenbedingungen erfüllen. Und wenn man die Statistiken bemüht, wonach 50% aller Beziehungen inoffiziell im Bett scheitern, dann ist das schon ein immenser Druck. Ich hatte vor meiner Frau Sex, wo es wie im Porno nach Drehbuch abging. Erst muss ich das machen, dann mit zwei Fingern das. Mit dem Finger noch das und und und... das ist frustrierend. Man muss natürlich reden und sagen, was einem gefällt. Aber man darf es nicht totreden, wie es scheinbar zur Mode wird.

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    sondern muss ein anständiges programm performen, die richtigen sachen in der richtigen stimmlage sagen, die richtigen bewegungen choreografieren und die show darf nciht zu lang und nicht zu kurz sein.

    ... ganz schön aus dem Nähkästchen.

    • E.Wald
    • 17. Juni 2012 12:08 Uhr

    Ist das die Zusammenfassung der aktuellen Positionen des Feminimus'? Das ist ja stellenweise gruselig und erschreckend wenig argumentativ belastbar.

    Frauen der Mittelschicht würden "auf neue und noch nie da gewesene Weise von Männern dominiert" - inwiefern denn? Gerade Frauen der Mittelschicht haben doch die Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten. Man bekommt aber nicht alles geschenkt und muss sich auch mal zwischen widersprechenden Wünschen entscheiden. Das Stichwort wäre hier Eigenverantwortung, gern auch gegen das, was die anderen Frauen so machen/fordern.

    "Wie kann es sein, (...) dass Frauen ausgerechnet in dem Moment, wo sie so viel Macht haben wie nie zuvor, (...) in Unterwerfungsfantasien schwelgen?"
    Unterwerfung und Hingabe kann man auch (oder gerade) als starker Mensch genießen; und in der Sexualität ist ja oft genau das anregend, was man sich sonst verbietet. (Die Attribute dreckig und verrucht sind z.B. für Sex nicht unbedingt abwertend.)

    "Im Fall der Frauen heißt es nun: Sie kennen eben immer noch nicht ihre wahren Wünsche." - Wie überheblich. Ich kenne meine wahren Wünsche, (denn ich musste in einem langen Prozess alles in Frage stellen, was ich an Wünschen "ererbt" hatte) und sie haben mit dem, was der Feminismus offenbar als meine angeblich wahren Wünsche verkaufen will, nichts zu tun. Jemandem vorzuschreiben, was sie zu wünschen habe, ist nur eine andere Form der Unterdrückung.

    Sollen sich andere Frauen von dieser Ideologie knechten lassen.

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  1. Ausgebrütet vom Genderismus.

    Aber dafür haben wir ja unsere Ingenieurinnen, Soldatinnen und Unternehmensgründerinnen.

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  2. sondern muss ein anständiges programm performen, die richtigen sachen in der richtigen stimmlage sagen, die richtigen bewegungen choreografieren und die show darf nciht zu lang und nicht zu kurz sein.

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    Antwort auf "Die neue/alte Mutter"
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  3. "Wer die Melancholie abschütteln möchte, die einen aus feministischen Texten der Gegenwart anweht, der werfe einen Blick in das Blog Mädchenmannschaft."

    ich weiß nicht, welche beiträge die autorin dort gelesen hat. ich finde in diesem blog eher verkniffene nörgelei, besserwisserisches belehren und eine moralinsaure anspruchshaltung an den rest den rest der welt, die anderen mögen sich doch bitte ändern, vorzugsweise der "weiße, heterosexuelle mann". zudem werden besonders in diesem blog keine kritischen kommentare, auch nicht von andersdenkenden feministinnen zugelassen, sodass diese plattform in keiner weise exemplarisch für einen feminismus im netz oder in deutschland stehen kann. es handelt sich viel mehr um eine in-group, um eine geschlossene gesellschaft sich selbst bestätigender claqueure. genau die melancholie, die die autorin beklagt, drückt dort durch alle ritzen.

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    • dask
    • 17. Juni 2012 12:25 Uhr

    die "schönste Nebensache der Welt" abgehalten wird, mir kommt dies weniger als Befreiung denn als eine weitere Liberalisierung von Sexualität zum Zwecke ihrer Verwertung vor.

    Spanking übersetzt google übrigens mit "einer Tracht Prügel"...

    • Afa81
    • 17. Juni 2012 12:32 Uhr

    ...das kann doch heute fast kein Mann mehr sagen, bzw. erraten. Bis ich 15 war dachte ich, der Charakter ist wichtig. Dann hab ich gelernt, dass das Aussehen eine große Rolle spielt. Mit 17 hab ich gelernt, dass auch der Sex wichtig ist. Irgendwann hab ich gelernt, dass sich Frauen beim Sex verlieben. Dann höre ich wieder, dass aber auch das andere stimmen muss. Und und und. Und das ist auch ein Problem der aktuellen Männergeneration. Er soll lustig sein, aber auch ernst. Er soll nichts darstellen und die Frau mit dem Fahrrad ganz spartanisch abholen, aber doch etwas sein und die Möglichkeit für mehr haben. Die Forderungen sind manchmal extrem widersprüchlich. Und jetzt kommt es: Beide Seiten machen Fehler. Der Mann macht sich zu viel Gedanken um diesen Stuss. Die Frau weiß auch nicht wirklich, was sie will.
    Ich denke, da sind wir Männer etwas einfacher - denn wir wollen doch alles nur das eine :-). Nein, aber ich glaube, die Wünsche der Männer sind etwas primitiver und damit vielleicht auch etwas fairer. "Was Männer wollen" : 224 000 Treffer auf Google. "Was Frauen wollen": 1 130 000 Treffer auf Google :-)
    Aber, der Fairness halber muss man auch sagen: Die wenigsten Frauen bezeichnen sich als Feministinnen und die wenigsten sind auch so kompliziert. Denn wenn man sich die ganze Zeit im Unrecht sieht, ist das doch auch nicht schön und macht vor allem bzgl. der eigenen Ausstrahlung nicht attraktiver.

    • Afa81
    • 17. Juni 2012 12:19 Uhr

    Also, mir scheint so, als wäre die aktuelle Emanzipation ein Randgruppenproblem von jungen Frauen, die eben noch einen gewissen Geschlechterkonflikt, oder zu viel falsches Selbstbewusstsein in sich tragen. Das kann vom vorherigen Protektionismus der Eltern rühren oder vom augenblicklichen Interesse der Männer. Hinzu kommen noch einige ältere Frauen, die nie erwachsen werden wollen. Frauen, die für soziale Gleichberechtigung wie Bezahlung etc. kämpfen sind meines erachtens eher Bürgerrechtler und keine Emanzen.
    Wenn wir uns auf der Straße Männer und Frauen und den Umgang untereinander ansehen, so kommen die doch hervorragend miteinander zurecht. Auf der Arbeit genießen viele Frauen ihr "Nesthäkchendasein" und beide, sowohl Mann als auch Frau, kommen damit super zurecht. Es gibt nunmal Eigenschaften, die den Mann ausmachen und Eigenschaften, die die Frau ausmachen - das ist doch wunderbar, das ist schon immer so und nicht erst durch Herrscherstrukturen uns eingeimpft worden. Warum das abschaffen. Natürlich muss man den Frauen die Möglichkeit geben, sich von diesen Eigenschaften loszusagen, wenn sie persönlich das wollen. Aber das ist doch schon lange nicht mehr das Thema. Das Thema ist doch wieder viel mehr, für die armen Frauen, die sich nicht trauen, zu kämpfen ohne zu fragen, ob die das überhaupt wollen.

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