Astrophysikerin KalteneggerDetektivin im Weltall

Die Astrophysikerin Lisa Kaltenegger sucht auf Exoplaneten nach Spuren außerirdischen Lebens. Auf den bislang bekannten könnte nur eine Spezies existieren: Kakerlaken. von 

Die Orchidee auf dem Schreibtisch von Lisa Kaltenegger hat schon bessere Zeiten erlebt. Sie neigt sich in Richtung Fenster, die rosa Blüten wirken reichlich zerfleddert. Der jungen Frau ist das leblose Ziergewächs ein bisschen peinlich. »Wenn man viel unterwegs ist, kann man unmöglich regelmäßig gießen«, sagt sie entschuldigend und zupft verstohlen ein paar vertrocknete Blüten vom Stängel.

Typisch Astrophysikerin, könnte man denken. Kein Sinn für das Leben auf ihrem Schreibtisch. Doch das Klischee vom verschrobenen Nerd passt nicht zu Lisa Kaltenegger. Die groß gewachsene Frau strahlt eine Lockerheit aus, die eher untypisch für ihren Berufsstand ist. Und natürlich interessiert sie das Leben mehr als das Leblose. Nur gilt ihre Zuneigung Biotopen, die etliche Lichtjahre entfernt sind. Sie tragen wenig blumige Namen wie Gliese 581d, HD 85512b, Gliese 667Cc oder Kepler-22b. Es sind Exoplaneten, die außerhalb unseres Sonnensystems um fremde Sterne kreisen.

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Kann dort Leben gedeihen? Noch weiß das niemand. Aber Lisa Kaltenegger will es herausfinden. Für diese Forschung am Heidelberger Max-Planck-Institut für Astronomie wurde sie soeben mit dem Heinz Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet. »Sie gilt als eine der produktivsten jungen Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der modernen Astrophysik«, heißt es in der Begründung.

An die Zeiten, als die Alien-Suche ein exklusives Hobby für Ufo-Jünger und greise Science-Fiction-Autoren war, erinnert sich Kaltenegger noch gut. Als der erste Planet außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt wurde, war sie 18. Da fing sie gerade an, fünf Fächer gleichzeitig zu studieren. Japanisch, Film- und Medienkunde, Betriebswirtschaft sowie technische Physik und Astronomie. Den letzten beiden blieb sie treu. Mit 20 reiste sie auf eigene Faust nach Korsika, zu einer der ersten Konferenzen der Planetenjäger. Als dort der 31-jährige Mitentdecker des ersten Exoplaneten bejubelt wurde, wusste Lisa: »Auch ein junger Mensch kann die Planetensuche voranbringen.«

Heute ist sie selbst ein Star. Vor zwei Jahren befragte CNN sie zum Wahrheitsgehalt von James Camerons Alien-Epos Avatar. Ihre strahlenden Augen lugten unter einem frech geschnittenen Pony hervor, als sie in die Webcam sagte: »Die Wissenschaft ist dabei, die Science-Fiction zu überholen.« Manch anderer würde mit derartigen Aussagen auf Skepsis oder Unbehagen stoßen. Lisa Kaltenegger verzückt damit sogar Geistliche. Als sie neulich einen Vortrag in einer Kirche über die Alien-Suche hielt, sei anschließend der Priester begeistert zu ihr gekommen, erzählt sie. »Der Vatikan hat Exoplaneten mittlerweile anerkannt.« Strittig sei nur noch die Frage, ob es auf anderen Erden auch einen Jesus gegeben habe.

»Lisa hat die für einen Wissenschaftler seltene Gabe, auch mit höher gestellten Personen locker umzugehen«, sagt Sara Seager vom Massachusetts Institute of Technology. Die beiden haben damals auf der Korsika-Konferenz ein Hotelzimmer geteilt, und Seager staunte über Kalteneggers unverkrampfte Extrovertiertheit. Bald darauf fiel die junge Österreicherin auch durch ihre Forschung auf. »Lisa ist intelligent, kann gut reden und befasst sich schon lange mit einem Thema, das hoffentlich künftig einen Schwerpunkt der Exoplanetensuche bilden wird«, lobt die Planetenkoryphäe James Kasting von der Pennsylvania State University.

Kalteneggers Leidenschaft gilt der Atmosphäre von Exoplaneten. »Sie ist der Schlüssel für die Biologie auf der Oberfläche.« In ihrem Heidelberger Büro zeigt sie ein Diagramm auf ihrem Laptop. Es gleicht einer Berglandschaft, die ein Kleinkind im Auto gemalt hat. »Das ist der spektrale Fingerabdruck der heutigen Erde«, erklärt die Astrophysikerin. Das zackige Gebirge hat drei Täler: Spuren von Sauerstoff, Wasserdampf und Methan – ein untrügliches Zeichen für biologische Aktivität.

770 fremde Welten haben die Planetenjäger bereits entdeckt

Reicht es also, das von Exoplaneten reflektierte Licht nach solch einer Signatur zu durchsuchen, um die Alien-Frage zu beantworten? Im Prinzip ja, sagt Kaltenegger. Man brauchte nur ein speziell für die Atmosphärenanalyse optimiertes Weltraumteleskop. Leider gibt es das bisher nicht. Erst von 2018 an wird das James-Webb-Teleskop die Atmosphären von besonders nahen Exoplaneten untersuchen können. Heutige Teleskope liefern nur grobe Schätzungen für Masse, Durchmesser und den Abstand von Exoplaneten zu ihren Sonnen. 770 Welten wurden bisher so charakterisiert. Auf vier davon könnte Wasser fließen. Sie sind aber alle etwas größer als die Erde und könnten somit genauso gut kleine Gasplaneten sein. Und selbst wenn sie aus Fels wären: Die zwei nächstgelegenen, Gliese 581d und Gliese 667Cc, kleben im Schwerefeld eines Roten Zwergsterns, der zu cholerischen Strahlenausbrüchen neigt.

Leserkommentare
  1. als Spaß gemacht das zu lesen, herzlichen Dank.

  2. Ich sag nur was ich weiss: Die Ausserirdischen (Humanoide) sind längst hier und sie kommen in Frieden. Und wir stehen vor einem Polsprung, infolge der Veränderungen die dadurch auftreten die Ausserirdischen offener zu erkennen sein werden, und uns dann helfen.
    Sie tun es nicht, weil wir uns vor Angst tot umfallen könnten.

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    Woher wissen Sie das? Und findet dieser Polsprung zufällig am 21.12. dieses Jahres statt?

  3. Ein guter Artikel, mit einem interessanten Thema. Planeten, die Leben beherbergen könnten, werden ja immer wieder entdeckt. Von 770 Stück ist hier die Rede. Welche davon am Ende wirklich bewohnt sind, wird man vielleicht irgendwann herausfinden. Wobei die Rare-Earth-Hypothese...

    Hat Spass gemacht das zu lesen

    [...]
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    Die Zahl der nicht entdeckten ist wohl unvorstellbar höher und die Wahrscheinlichkeit, dass auf irgendeinem nicht nur Kakerlaken sind ist ebenfalls sehr hoch.

    Wir müssen davon ausgehen, dass auch sonst im Universum, sehr wahrscheinlich sogar wesentlich mehr als nur einmal, intelligente Lebewesen vorhanden sind, die natürlich nicht menschenähnlich gestaltet sein müssen.

    Bisher vermisse ich aber eine Auseinandersetzung damit, was das für unsere Gedankenwelt bedeutet. Auch wenn es wohl ausgeschlossen ist, dass wir jemals in direkten Kontakt mit diesen Wesen kommen und auch ein Funkkontakt dürfte sich über astronomische Zeiträume erstrecken, hat dies doch Auswirkungen auf unser Weltbild.

    Alle Religionen gehen z. B. davon aus, dass wir einzigartig sind. Soweit Schöpfungsgeschichten erzählt werden, sind sie auf uns zugeschnitten. Das gleiche gilt für die Heilsgeschichten. Musste z. B. Gott seinen Sohn nur für uns an Kreuz nageln lassen, oder war ähnliches auch auf anderen Planeten erforderlich? Welchen Erfolg hatte diese Maßnahme dort oder war sie gar nicht erforderlich, weil diese Wesen nicht so sündhaft waren wie wir?

    So weit ich weiß, hat noch kein Philosoph sich über diese Rätsel Gedanken gemacht.

  4. Woher wissen Sie das? Und findet dieser Polsprung zufällig am 21.12. dieses Jahres statt?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Duck und weg"
  5. dem sei: http://exoplanets.org/ empfohlen.

    Zu Unfug wie Polsprüngen findet man da zum Glück nichts.

    Eine Leserempfehlung
  6. Die Zahl der nicht entdeckten ist wohl unvorstellbar höher und die Wahrscheinlichkeit, dass auf irgendeinem nicht nur Kakerlaken sind ist ebenfalls sehr hoch.

    Wir müssen davon ausgehen, dass auch sonst im Universum, sehr wahrscheinlich sogar wesentlich mehr als nur einmal, intelligente Lebewesen vorhanden sind, die natürlich nicht menschenähnlich gestaltet sein müssen.

    Bisher vermisse ich aber eine Auseinandersetzung damit, was das für unsere Gedankenwelt bedeutet. Auch wenn es wohl ausgeschlossen ist, dass wir jemals in direkten Kontakt mit diesen Wesen kommen und auch ein Funkkontakt dürfte sich über astronomische Zeiträume erstrecken, hat dies doch Auswirkungen auf unser Weltbild.

    Alle Religionen gehen z. B. davon aus, dass wir einzigartig sind. Soweit Schöpfungsgeschichten erzählt werden, sind sie auf uns zugeschnitten. Das gleiche gilt für die Heilsgeschichten. Musste z. B. Gott seinen Sohn nur für uns an Kreuz nageln lassen, oder war ähnliches auch auf anderen Planeten erforderlich? Welchen Erfolg hatte diese Maßnahme dort oder war sie gar nicht erforderlich, weil diese Wesen nicht so sündhaft waren wie wir?

    So weit ich weiß, hat noch kein Philosoph sich über diese Rätsel Gedanken gemacht.

    Antwort auf "Schöner Artikel"
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    da Unfug keines Nachdenkens bedarf. Aber wenn die Religionen der Welt so reagieren werden, wie sie bisher beim Kontakt mit unbekannten Zivilisationen reagiert haben, dann hoffe ich für ET, dass er ein paar verdammt starke Laser im Arsenal hat.

    ich glaub in Lems Fiasko fliegt ein Pater mit, der erzaehlt dem Protagonisten aehnliches. Oder war es ein anderer Roman?

    In irgendeinem ist so ein altkluger Kerl mitgeflogen ... im Wuestenplanet wars jedenfalls nicht!

    Zumindest existiert diese Idee schon lang, man muss nur die entsprechende Literatur besser als ich kennen.

    P.S.: Lem ist Philosoph und nicht nur Autor.

    Es hat nur Auswirkungen auf das Weltbild von Leuten, für die die Erde den einzigen Rahmen ihres Lebens darstellt. Ich finde aber nicht bedenklich, diesen im Vergleich mit der wahren Größe des Universums winzigen Rahmen ernst zu nehmen - dieser Planet ist unsere Realität, die übrigens schwierig genug friedvoll zu be"wältigen" ist, obwohl wir so viele natürliche Gefahren inzwischen weitgehend ausgeschaltet haben.

    Wenn man sich die wahre Größe dessen, was uns umgibt, bewusst macht - soweit das überhaupt möglich ist - so können wir wahrnehmen, dass wir etwa in der Mitte der Größenskala existieren, unter uns gibt es organisierte Strukturen bis etwa 10 hoch -40 und über uns ebenso bis zur Größenordnung 10 hoch +40. Vielleicht sind die Exponenten auch noch ein paar Größenordnungen größer ... Der entscheidende Punkt für uns ist : dies Bewusstsein müsste uns eigentlich im besten Sinne zurechtrücken, wie winzig und weitgehend bedeutungslos wir vor dieser unvorstellbaren kosmischen Kulisse sind. Und trotzdem haben wir hier unseren Ort und unsere Aufgaben, unsere Erfahrungen und unseren Wissendurst - und noch etwas, das uns vielleicht doch mit diesen größeren Räumen und Strukturen verbindet, das ist die Liebe. Sie scheint sich nicht um groß oder klein zu scheren und sie ist viel schneller als das Licht. Ein Weiser sagte: echte Liebe umrundet (nicht durchquert) das Universum in 2 Sekunden. Wenn das auch niemand von uns beweisen kann, so macht mich das doch nachdenklich. Sie auch?

  7. >>Strittig sei nur noch die Frage, ob es auf anderen Erden auch einen Jesus gegeben habe.<<

    Im allgemeinen ist es doch völlig unklar, ob extraterrestrische intelligente Lebewesen, sofern existent, überhaupt die Fähigkeit der Emergenz aufweisen und damit zu kulturell tradierten Verhaltensweisen oder Religiösität befähigt sind. Es könnte durchaus intelligente, technische Zivilisationen geben, welche in ihrer langen Entwicklungszeit keine tradierte Religion hervorgebracht haben.

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    • kyon
    • 15. Juni 2012 23:08 Uhr

    Im allgemeinen ist es doch völlig unklar, ob extraterrestrische intelligente Lebewesen, sofern existent, überhaupt die Fähigkeit der Emergenz aufweisen und damit zu kulturell tradierten Verhaltensweisen oder Religiösität befähigt sind. (astromic)

    Zur "Religiosität befähigt sind" ist für mein Dafürhalten eine recht schmeichelhafte Formulierung für einen Abwehrmechanismus.

    Vielleicht sind extraterrestrische intelligente Wesen psychisch stabiler als wir Menschen hier auf Erden und dadurch "befähigt", ohne Projektionen auszukommen.

    • mhaase
    • 16. Juni 2012 7:11 Uhr

    "Strittig sei nur noch die Frage, ob es auf anderen Erden auch einen Jesus gegeben habe." Sind komischere Sätze möglich, Dogmatismus zu entlarven? Dogmata Martyr. Ich habe jedenfalls lange nicht mehr so gelacht.

    ... dass Religosität eine Art Betriebsunfall bei der Evolution des "Selbst"bewusstseins darstellt.

  8. da Unfug keines Nachdenkens bedarf. Aber wenn die Religionen der Welt so reagieren werden, wie sie bisher beim Kontakt mit unbekannten Zivilisationen reagiert haben, dann hoffe ich für ET, dass er ein paar verdammt starke Laser im Arsenal hat.

    Eine Leserempfehlung

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