Verdammte Scheiße, schlaf ein!, heißt ein Bilderbuch, das vor allem Eltern lieben, weil es ihr tägliches Dilemma auf den Punkt bringt: Eigentlich gibt es nichts Schöneres als Kinder – aber manchmal nerven sie ganz fürchterlich. Elternmagazine wie Nido und Brigitte Mom füllen mit diesem Konflikt ganze Ausgaben. Anstatt – wie lange in dem Segment üblich – heile, rosafarbene Plüschtierwelten zu propagieren, erzählen sie vom Glück, das Mütter und Väter empfinden, wenn der Nachwuchs bei Oma und Opa untergebracht ist und sie selbst endlich wieder in Ruhe Zeitung lesen oder ins Kino gehen können. »Es ist ein relativ neues Phänomen, offen zu sagen, dass Kinder nicht nur toll, sondern auch anstrengend sein können«, sagte Vera Schroeder, die stellvertretende Chefredakteurin von Nido, vor Kurzem in der FAZ.

Die Psychologie weiß das schon länger. Der Forschungstenor der vergangenen zehn Jahre lautete sogar, Menschen mit Kindern seien unglücklicher als die ohne. Gestützt wurde diese Annahme vor allem durch die Befunde des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman. Der führte in einer 2004 veröffentlichten Studie den Nachweis, dass Mütter lieber Sex haben, fernsehen oder shoppen gehen als sich um ihre Kinder zu kümmern. Letzteres rangierte im Happiness-Ranking kurz vor der Hausarbeit.

Jetzt aber ist eine Forschergruppe aus Stanford, der University of California und der University of British Columbia angetreten, die Hypothese vom Elternfrust zu widerlegen. »Eltern sind glücklicher und sehen mehr Sinn in ihrem Leben«, resümieren sie in ihrer Studie, die in Psychological Science erscheinen soll. Wem darf man nun glauben?

Aufgrund der wenigen vorliegenden Daten könne man die Aussage, Eltern seien unglücklich, gar nicht treffen, monieren die Forscher um Sonya Lyubomirsky. Tatsächlich hat Kahneman lediglich die Empfindungen texanischer working moms an einem einzigen Tag erhoben, und das im Nachhinein. In der Befragung sollten sie alle Aktivitäten des vorherigen Tages rekonstruieren und angeben, wie sie sich dabei gefühlt hatten. Dabei zeigte sich, welch Wunder, dass Kinder im Alltag viel beschäftigter, teilweise unausgeschlafener Frauen kein Quell großer Entspannung sind.

Aber machen sie deshalb dauerhaft unglücklich? Und was ist mit erfüllten Vollzeitmüttern, die Verfechter des Betreuungsgeldes so gern zitieren, oder mit den ebenso oft erwähnten neuen Vätern? Welche Rolle spielt das Alter? Die neue Studie gibt differenziertere und belastbarere Einblicke, allerdings nur für die USA.

Die Forscher werteten die Daten von knapp 7.000 US-amerikanischen Teilnehmern des World Values Survey aus. Des Weiteren griffen sie auf eine Studie zurück, in der 329 Amerikaner eine Woche lang mehrmals täglich mit einem Pager angepiepst worden waren und dann ihr Wohlbefinden notiert hatten. Schließlich befragten sie 168 Väter und Mütter nach Kahnemans Methode. Ihren Ergebnissen zufolge waren die Eltern nicht nur insgesamt glücklicher als Menschen, die keine Kinder hatten, sie fühlten sich auch gerade dann sehr gut, wenn sie Zeit mit ihren Kindern verbrachten.

Allerdings ist es Unfug, pauschal vom Elternglück zu sprechen. So zeigten sich etwa Väter in der Regel glücklicher als kinderlose Altersgenossen, bei Müttern aber gab es keine nennenswerten Unterschiede. Logisch, folgerten die Forscher. Schließlich bleibt an den Müttern nicht nur die Freude, sondern auch die meiste Arbeit mit Kind und Haushalt hängen. Sehr junge Eltern wiederum waren unglücklicher als Gleichaltrige ohne Kinder, ebenso solche, die keinen Partner hatten. Positiv wirkt sich die Elternschaft hingegen auf Verheiratete zwischen 26 und 62 Jahren aus.

Dass es trotzdem Momente gibt, in denen die ach so Glücklichen ihre Kinder am liebsten... zu den Großeltern schicken würden, stellt die Studie nicht in Abrede. Auch nicht, dass es bisweilen einfach schön ist, ins Kino zu gehen, ohne das Popcorn mit einer klebrigen Patschhand teilen zu müssen. Oder in Ruhe in dieser Zeitung zu lesen, dass es einem eigentlich gar nicht so schlecht geht.

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