Angrapschen war früher. Heute, sagt Renate Künast, läuft es subtiler. Künast gehört zu den Frauen, die keine Probleme haben, sich durchzusetzen. Manche nennen sie deshalb Kampfhenne. Aber Künast sieht nicht kampflustig aus. Sie sieht müde aus. Am Wochenende war sie wieder in einer Talkshow. Sie hat Männer unterbrochen und sich durchgesetzt. Dann hat sie Mails bekommen, wonach es keinen guten Eindruck macht, wenn eine Frau Männer unterbricht. Es ist immer dasselbe, sagt sie, und es hört nie auf. »Es ist anstrengend«, seufzt Künast.

Eigentlich, sagt die Schriftstellerin Juli Zeh, habe sie immer gefunden, dass man als Frau in Deutschland gar nicht mehr feministisch reden könne, ohne sich lächerlich zu machen. Die Debatte werde immer so peinlich bipolar: Hier die bösen Männer, da die guten Frauen. Aber seit einiger Zeit beobachtet Zeh in ihrem Bekanntenkreis eine seltsame Entwicklung: Früher haben die Frauen den Haushalt gemacht, heute machen sie den Haushalt zusätzlich zu ihrer Arbeit. Weil sie keine Nörgeltanten sein wollen, die ihre Männer immer zum Mitmachen anhalten müssen. »Das«, sagt Zeh, »ist eine eklige Falle.«

Doch, sagt Chris Köver vom Missy Magazine, Wut sei schon das richtige Wort für den Gemütszustand vieler Frauen, die sie kennt. Köver sitzt in einem weiß gestrichenen Raum in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte, an der Wand hängen auf einer Leine die Mini-Ausdrucke von Zeitungsseiten. Es ist der Konferenzraum vom Missy Magazine, einer, wie es auf der Homepage heißt, feministischen Zeitung für Frauen, die sich für »Popkultur, Politik und Style« interessieren. Viele ihrer Leserinnen, erzählen Köver und ihre Kolleginnen, seien in ihren Familien, ihren Schulen und in ihren Unis in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ihnen alle Türen offenstehen, dass Männer nicht automatisch bessere Karten haben. Doch beim Eintreten in die Berufswelt beschleiche viele das Gefühl: Moment mal, irgendwas stimmt hier nicht. Künast, die Kampferprobte, nennt es »anhaltende Verhaltensstarre«.

Köver, Zeh, Künast – drei Frauen, zweieinhalb Generationen, ein Gefühl: »Es reicht«, wie Künast sagt. Zwei knappe Worte für eine Mischung aus Wut, Enttäuschung, Angriffslust und ungewohnter Härte, die sich neuerdings Bahn bricht, sobald in Deutschland über Gleichberechtigung und Rollenbilder, Quoten und Karrierepläne gesprochen wird, Themen, über die die Zeit hinweggegangen zu sein schien.

Sind wir wirklich im Jahr 2012? Plötzlich wird über Frauenpolitik nicht nur gestritten, es wird geschrien, gekämpft und manchmal regelrecht gehasst. »Machen Sie den Weg frei für jemanden, der unsere Interessen vertritt!«, heißt es in einem Aufruf, in dem kürzlich 24.800 Empörte, darunter auch einige Männer, den Rücktritt von Kristina Schröder forderten. Anlass war das im April erschienene Buch der Familienministerin, eine Streitschrift gegen konservative und feministische Rollenbilder. »Wir sind, anders als Sie, nicht von Feministinnen enttäuscht, sondern von Ihnen«, heißt es unter nichtmeineministerin.de.

Als Schröders Buch in Berlin vorgestellt wurde, waren Szenen zu beobachten wie seit den achtziger Jahren nicht mehr: Aufgebrachte, meist jüngere Frauen überreichten Schröder eine »goldene Schürze« als Dank für ein »antiquiertes Frauenbild«, andere schwenkten Spruchbänder gegen die »ewige Penetration durch das Patriarchat«. Sehr unterschiedliche Besucherinnen waren gekommen, Aktivistinnen, aber auch Frauen aus der Nachbarschaft, aus dem bürgerlichen Stadtteil Prenzlauer Berg, da also, wo man besonders viele schwangere Akademikerinnen in teuren Biomärkten trifft und die Kirchen sonntags voll mit jungen Familien sind. Hier leben die Gewinner der Merkelschen Familienpolitik, Männer, die ihre Vätermonate nehmen, Frauen, die viel Elterngeld bekommen und das umfangreiche Kitaangebot nutzen.