Die Bundeskanzlerin hatte am Montag acht Internetunternehmer ins Kanzleramt geladen, unter ihnen den Gründer von Xing, Lars Hinrichs, und den Pionier im elektronischen Buchmarkt, Christoph Maire. Man weiß nicht recht, soll man sich freuen – oder trauern? Denn es ist klar, dass die Kanzlerin die Gründer und Wagniskapitalgeber erst entdeckt, seit die Piratenpartei erfolgreich ist. In den vergangenen Jahren traf sie sich lieber mit den Managern von Hightech-Konzernen, auf der Computermesse CeBit und beim nationalen IT-Gipfel. Ihre Gesprächspartner waren die Spitzen von Microsoft, IBM, Siemens und der Deutschen Telekom.

Die Frage ist: Was will Merkel über eine Polit-PR hinaus? Hat sie ein weitergehendes Ziel?

Offenkundig ist, was sie wollen sollte: Sie sollte wollen, dass deutsche Internetgenies ihr Potenzial in Deutschland ausschöpfen – und nicht wie bisher vor allem in den USA.

An dieser Stelle werden manche stutzen: deutsche Internetgenies? Haben Larry Page und Mark Zuckerberg deutsche Großmütter? Nein, haben sie nicht. Aber deutsche IT-Unternehmer und Investoren tragen enorm viel zum Wandel der Welt bei, zur digitalen Revolution. Man möchte fast sagen: unerhört viel. Denn sie gehören nach den Amerikanern zu den wichtigsten Impulsgebern.

Ein Beispiel kennt jeder: SAP, den Weltmarktführer für Unternehmenssoftware. Was aber den wenigsten bewusst ist: Auch einige der spannendsten Firmen in den USA sind von Deutschen mit gegründet worden. Angefangen hat es mit Andreas von Bechtolsheim beim Software- und Netzwerkrechner-Konzern Sun. Ohne Sun gäbe es kein globales Internet, denn Sun lieferte die Infrastruktur: leistungsstarke Computer für die Rechenzentren von Unternehmen und die Knotenpunkte des Netzes. Von Bechtolsheim hat mit den Erträgen aus seinem unternehmerischen Wirken auch Google in einer frühen Phase finanziert. Er sah das Potenzial.

Man denke auch an das Video-Portal YouTube. Es verändert die Art, wie wir fernsehen. Einer der drei Gründer ist der deutschstämmige Jawed Karim. Den bislang letzten erfolgreichen Internet-Börsengang legte das Netzwerk LinkedIn hin. Heute wird es mit 9,5 Milliarden Dollar bewertet. Zweiter Mann hinter Vorstandschef Reid Hofmann war in den Anfangsjahren Mitgründer Konstantin Guericke. Auch an der jüngsten schwindelerregenden Übernahme in Kalifornien war ein Deutscher beteiligt. Es ging um einen Fotodienst namens Instagram, den sich Gregor Hochmuth mit ausgedacht hat. Für seine Leistung und die seiner Partner bot Facebook-Gründer Mark Zuckerberg eine Milliarde Dollar.

Überhaupt Facebook: Wo wäre das größte Soziale Netzwerk der Welt ohne die Hilfe und das Wagniskapital von Peter Thiel, einem gebürtigen Deutschen, der schon den Internet-Bezahldienst PayPal groß gemacht hat. Dort als Vorstandschef. Inzwischen vergibt Thiel jährlich 20 Stipendien in Höhe von 100.000 Dollar an Studenten, wenn sie eine tolle Unternehmensidee haben und, um sie zu verfolgen, die Universität verlassen wollen.

Deutsche IT-Genies entwickeln für Google das autonom fahrende Auto, sie gelten als kostbarste Mitarbeiter beim Ortungsdienst Foursquare und beim Fotodienst Flickr. Die Liste ließe sich fortsetzen: Marco Börries (Open Office), Gregor Freund (Starfish und ZoneAlarm) und Cyriac Roeding (Shopkick).

Angela Merkel hat diese Woche, wenn man so will, die Daheimgebliebenen empfangen. Sie stehen für Unternehmen, die fünf Milliarden Euro Umsatz machen. Wenn das Treffen nicht nur Polit-PR bleiben soll, braucht es eine Vision. Die Vision müsste darin bestehen, dass die nächste Gründergeneration in Deutschland bleibt und dass die Deutschen in den USA gelockt werden, ihr Wagniskapital auch hierzulande zu investieren. Von einem deutschen Silicon Valley muss man gar nicht sprechen. Es reicht eine Zehnjahresperspektive mit Industriepolitik, Universitätspolitik und Steuerpolitik.

Wer nun innerlich stöhnt, sollte sich erinnern: Als John F. Kennedy 1961 ankündigte, die USA würden bis Ende der sechziger Jahre einen Menschen zum Mond senden, schien das absurd. Acht Jahre später stieg Neil Armstrong aus der Mondfähre.