DIE ZEIT: Herr Netzer, im April regnete es Geld vom Himmel – die Deutsche Fußball Liga versteigerte die Fernsehrechte für die Übertragung der Bundesliga für 628 Millionen Euro. Ist der Fußball finanziell da angekommen, wo er hingehört?

Günter Netzer: Das ist ein Riesensprung für die Liga, den wir erhofft, aber nicht erwartet haben. Diese Entwicklung bei den Medienrechten kann dem Fußball sehr guttun. Und im Vergleich zu England, Spanien und Italien ist sogar noch mehr drin.

ZEIT: Leben die Spanier und Italiener nicht deutlich über ihre Verhältnisse? Oder um es anders auszudrücken: Es wird mehr gezahlt, trotzdem sind die Vereine überschuldet.

Netzer: Es gibt dort eine gehörige Unvernunft mit den Spielersalären.

ZEIT: Ist es nicht unheimlich, wie heiß die Ware Fußball inzwischen geworden ist?

Netzer: Nein, das finde ich nicht. Ich war mein Leben lang Fußballer und werde bis an mein Lebensende einer bleiben. Und deswegen bin ich begeistert von dieser Entwicklung. Zu meiner Zeit hatte der Fußball zu kämpfen, weil er als die Sportart von Proleten galt, von der Geschäftsleute sich lieber distanzieren wollten. Als ich 1978 Manager beim HSV in Hamburg wurde, musste ich das immer noch feststellen: Die Hamburger Wirtschaft – in dieser so wunderbaren, großen Stadt – hat sich nicht für Fußball interessiert. Der war ihr nicht fein genug.

ZEIT: Bis man die Wirtschaftskraft des Fans entdeckt hat.

Netzer: Man hat angefangen, den Fan ernst zu nehmen. Ich hätte mir gar nicht vorstellen können, dass man mich in die Kurve geschickt hätte, um jeden einzelnen Fan abzuklatschen. Das von uns zu verlangen wäre in meiner aktiven Zeit undenkbar gewesen! Wir haben damals gedacht: Die Fans sollen froh sein, wenn sie uns zuschauen dürfen, wie wir da spielen in Mönchengladbach. Aber das hat sich dann grundlegend geändert. Die Vereine haben die Bedeutung des Fans erkannt. Daraufhin haben sich auch Unternehmen aus dem Sportumfeld den Fußballern und den Vereinen genähert. Aber so eine große wirtschaftliche Bedeutung wie heute hat der Fußball in Deutschland zu keiner Zeit gehabt.

ZEIT: Sie fürchten also keinerlei Überhitzung?

Netzer: Ich glaube schon, dass zu viel Geld im Spiel ist. Das tut dem Fußball nicht gut. Die Macht ist in die falschen Hände geraten, seit Profifußballer nach Ende ihres Vertrages ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln dürfen. Früher waren die Transfersummen für die Vereine ein Regulativ, mit denen man Spieler halten oder ohne Qualitätsverlust ersetzen konnte. Anstelle der Vereine haben nun die Spieler die Macht übernommen. Auch die nur durchschnittlichen Spieler haben ihren Wert bis ins Unermessliche gesteigert. Das sind keine realen, das sind vielleicht virtuelle Werte...

ZEIT: Es gibt also bei den Spielergehältern eine Art Fußball-Blase?

Netzer: Ja, eine Blase, ganz genau!