ItalienDas soll witzig sein?

Der Komiker und Blogger Beppe Grillo führt Italiens Wutbürger an. von 

Der größte Schreihals der italienischen Politik lebt in der Stille zwischen Himmel und Meer, in einer rosafarbenen Villa hoch über seiner Heimatstadt Genua. Beppe Grillo bittet in den Garten, dort hat man diesen Blick: rechts der Hafen, links die ligurische Riviera, dahinter Wasser bis zum Horizont, und alles ist umrahmt von Rosen und Lavendel. Laut ruft Grillo: »Manchmal überkommt mich hier die Agoraphobie!«

Als könnte ein Mann Angst vor der Weite haben, der im Internet zu Hause ist. Der das Netz nutzt, um Anhänger zu fischen, und der aus einem Blog eine Bewegung gemacht hat, die jetzt sogar Wahlen gewinnt. 2005 hat Grillo das Blog gegründet. Und bewies, dass man im Netz gut schreien kann. Grillo, ein schwergewichtiger Mann mit Löwenmähne, polemisierte gegen die Parteien, egal ob links oder rechts. Wies auf Missstände hin. Wurde die zornerfüllte Stimme der italienischen Wutbürger. Innerhalb weniger Monate war sein Blog das meistgeklickte Italiens.

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Vor drei Jahren formierte sich seine Community zum Movimento 5 Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung). Heute ist die M5S laut Umfragen die drittstärkste Partei Italiens, mit 16 Prozent steht Grillo gleich hinter den linken Demokraten und Berlusconis Freiheitsvolk. In den reichen norditalienischen Regionen Piemont und Emilia Romagna sitzen seine Leute in den Länderparlamenten, bei den Kommunalwahlen im Mai wurden erstmals M5S-Bürgermeister gewählt.

Ein aufsehenerregender Sieg gelang der Grillo-Bewegung in Parma, einer Stadt mit knapp 200000 Einwohnern und einem Ruf weit über Italiens Grenzen hinaus. Parma, damit verbindet man Parmesankäse und Parmaschinken, Giuseppe Verdi und Stendhal. Jetzt ist Parma auch Grillo. Seine Partei regiert die Stadt allein. Hier wird seine Bewegung daran gemessen werden, ob sie Versprechen halten kann. Eines hat sie schon zurücknehmen müssen: in Parma den Euro abzuschaffen und eigenes Geld zu drucken.

Raus aus dem Euro, das ist überhaupt Grillos Ziel: »Uns hat der Euro nur Probleme gebracht. Wir sparen uns ja depressiv.« Taugen die »Fünf Sterne« mit solchen Ideen für die Regierung? Oder nur als ziemlich radikale Opposition? Für Grillo stellt sich die Frage nicht. »Parma war unser Stalingrad. Und bald kommt der Marsch auf Berlin.« Gemeint ist der Einzug ins Parlament in Rom.

Den Vergleich mit Stalingrad hat Beppe Grillo schon öfter gezogen, er war ein Brüller wie seine Parole »Vaffanculo!« (Leckt uns am Arsch!), mit der er 2007 Zehntausende für Proteste auf die Straßen brachte. Damals konnten seine Gegner die Massenaufläufe noch als harmloses Happening abtun und Grillo als vulgären Clown in der Tradition der Commedia dell’Arte. Ein Komiker ist der Sohn eines Schmieds lange gewesen. Nach einer Buchhalterausbildung zog es den jungen Grillo ans Fernsehen, wo sein Showtalent voll erblühte. Als Autodidakt des Kabaretts war Beppe Grillo genauso erfolgreich wie als Quereinsteiger in der Politik.

Mit den Jahren wurde Grillo zum sarkastischen Hofnarren, der den Mächtigen im Staatsfernsehen die Leviten las. Bis er 1986 den China-Besuch des damaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Bettino Craxi mit der Frage kommentierte: »Wenn in China alle Sozialisten sind, wen bestehlen sie dann?« Craxi sorgte dafür, dass Grillo im Staatsfernsehen nicht mehr auftrat.

Längst ist Craxi tot, seine Partei gibt es nicht mehr. Beppe Grillo boykottiert das Fernsehen mittlerweile, er füllt lieber die Plätze. Für seine Gegner hat er Spitznamen gefunden, als seien sie Figuren einer Schmierenkomödie. Berlusconi ist der »Psychozwerg«, der Demokratenführer Pierluigi Bersani der »Scheintote« und der etwas steife Mario Monti heißt bei Grillo nur »Rigor Montis«, eine Anspielung auf den Rigor Mortis, die Leichenstarre. »Die anderen sind tot, wir sind Bewegung«, sagt Grillo. Die M5S füllten nur jenes politische Vakuum, das die Ideenlosigkeit der Parteien geschaffen habe.

Leserkommentare
  1. Endlich mal ein Artikel, der sich mit der 5 Sterne Bewegung von Italien befasst. Bis vor einigen Tagen schien es, als wollten die Medien das Thema totschweigen und ich habe mich gefragt warum?
    Beschäftigt man sich ein bisschen mit den Inhalten der Bewegung, die auf Beppe Grillo zurück zu führen ist, und betrachtet man die präkere Situation der Italiener, vorallem der Jungen, dann wird einem bewusst welche weitgreifende und wertvolle Veränderungen die Bewegung anstrebt. Sie ist nicht, wie bisher auf der Machtgeilheit und Geldgier der Politiker aufgebaut, sondern auf sozialer Gerechtigkeit und ehrlicher Problemlösungssuche auf Basis von Kommunikation und Diskussion.

    2 Leserempfehlungen
  2. Was in diesem Artikel beispielsweise verschwiegen wird ist, dass die Menschen, die schon aus der 5 Sterne Bewegung in der Politik Einzug gehalten haben, auf ihr imenses Gehalt verzichtet haben, sich mit 2.500€ im Monat begnügen und das Rest des Geldes für Minikredite für Kleinunternehmer und Bauern, beispielsweise in Sizilien genutzt wird....
    Eine andere Idee, die hier nicht benannt wird ist, dass die 5 Sterne Bewegung einführen möchte, dass ein Chef einer Firma nicht mehr als 12mal den Betrag seines schlechtbezahltesten Angestellten verdienen kann. Hiermit wird das Ziel verfolgt, dass die Schwere zwischen Arm und Reich nicht noch größer wird.
    Warum solche Dinge und sicherlich noch viele andere in der deutschen Presse nicht erwähnt werden ist mir ein Rätsel. Ich fände es schön, wenn es Nachahmer dieser menschlichen Ideen des Movimento 5 Stelle geben wird, damit wir in Deutschland und auf der ganzen Welt weg vom Egoismus hin zur sozialen Gemeinschaft und zur Gerechtigkeit kommen können.

    3 Leserempfehlungen
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    Nunja... einige Ideen die sie da aufzeigen finde ich zwar sehr schön.... wird aber so nur bedingt funktionieren, genau so wie bei allen Idealisten.

    Er hat in manchem recht, aber das meiste ist eben leider eine Schöne Utopie.

  3. 3. Nunja

    Nunja... einige Ideen die sie da aufzeigen finde ich zwar sehr schön.... wird aber so nur bedingt funktionieren, genau so wie bei allen Idealisten.

    Er hat in manchem recht, aber das meiste ist eben leider eine Schöne Utopie.

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