KrimiIm Schwarzlicht

Peter Temple zeigt die böse Unterseite politischer Allmacht. von Tobias Gohlis

Jemand weiß etwas und weiß doch nicht, was es bedeutet. Ein ehemaliger Söldner stößt in Johannesburg auf ein Video. Es zeigt amerikanische Special Forces in einem afrikanischen Dorf. Sie erschießen Kinder und Erwachsene, die bereits am Boden liegen. Der Bodyguard heißt (auch im englischen Original) Niemand und hofft, das Video in London zu versilbern. Gleich der erste Versuch löst einen Mordanschlag aus, dem der Kriegsgestählte knapp entgeht. Der Preis für das Video schnellt in die Höhe: Niemands Leben.

Das ist die Action-Ebene des grandiosen Politthrillers Tage des Bösen von Peter Temple. Nach etlichen ausgezeichneten Romanen um Privatdetektiv Jack Irish griff der 1946 in Südafrika geborene, in Australien lebende ehemalige Journalist Temple in die Schatzkiste seiner internationalen Erfahrungen. Dazu gehörte nach einem zweijährigen Aufenthalt in Hamburg auch eine genaue Kenntnis der nobleren Viertel an der Außenalster. Hamburg ist im angelsächsischen Thriller bisher nur von John le Carré so genau porträtiert worden. Hier spielt die unheimlichere zweite Ebene der Handlung, im Milieu der Datensammler und Bytejäger. Mit modernster Hackertechnik forscht die Firma Weidermann & Kloster Menschen aus, auf der Suche nach verschollenem Geld und Wissen.

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Die Operationen von W&K leitet der Deutschamerikaner und frühere Kriegsberichterstatter John Anselm. Er war 1993 in Beirut gekidnappt und vierzehn Monate lang als Geisel gehalten worden. Er überlebte, in einem Loch zusammengepfercht mit einem Fotografen, der über die Hintergründe ebenso ahnungslos war wie er. Warum wurden sie festgehalten? Wieso ließ man sie frei? Seit dieser Zeit kann Anselm nicht gut laufen, und sein Gedächtnis hat Lücken.

Ebenso lückenhaft wie seine Erinnerungen sind Anselms Kenntnisse über seine Auftraggeber und diejenigen, die er überwacht. So bedeutet ihm der Hinweis auf ein Video, das in Südafrika abhandengekommen ist, nichts: Informationssalat, den er bei einem Kurier abgeschöpft hat. Sein Londoner Auftraggeber aber beißt an: Anselm soll mehr herausbringen. Ohne es zu wissen, sitzt er damit auf Niemands Spur. Und auf der eigenen. Denn seine Gefangenschaft in Beirut war mit dem, was das Video zehn Jahre zuvor in einem Dorf in Angola festhielt, ursächlich verknüpft.

Das »Was genau?«, »Wie?« und »Warum?« hat Peter Temple in einer Erzählmaschinerie verborgen, die mit zwei Geschwindigkeiten läuft. Während Niemand um sein Leben kämpft, kombinieren sich Anselm und Kollegen minimalistisch von Bit zu Bit voran.

Peter Temple hat mit diesem bis auf die syntaktischen Knochen von jedem Aufklärungspathos bereinigten Politthriller 2002 nicht nur brillant internationales Terrain betreten. Tage des Bösen hält in einer frostigen Sprache die Erinnerung fest an die korrupte US-Allmacht vor dem 11. September. Sein inneres Thema ist die Unmöglichkeit, Geschichte vergessen zu machen. Dieses Meisterstück funktioniert wie Schwarzlicht: Es macht im Dunkel Ungesehenes sichtbar, Detail um Detail.

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    • Schlagworte Kriminalroman | Roman | Belletristik | Buch | Literatur
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