Die Models Tekasala Ma’at Nzinga und Shunnoz Fiel fotografiert von Rui Tavares © © Rui Tavares / Goethe-Institut Angola

Sleepless in Luanda. Vor der Pension Invicta tobt der Nachtverkehr, die Klimaanlage scheppert, Moskitos fliegen Dauerangriffe. Dazu dieses infernalische Hämmern und Wummern, das von einem Hochhaus am Kinaxixi-Platz herüberwabert. Raus aus dem nass geschwitzten Bett, nichts wie hin! Das Hochhaus: ein ausgehöhltes Betonskelett, vermüllte Korridore, Uringestank. Dann, ganz oben, 30. Etage, die Quelle der Beschallung: uma farra, ein wildes Fest, nachts um zwei.

Das Gebäude vibriert, hundert aufgedrehte Kids tanzen. Kizomba, Kuduro, Tarraxinha, Semba, was die Jugend so tanzt in Angola. Ein hüftsteifer weißer Mann sollte den Dancefloor niemals betreten. Also nur chillen, durch die Fensterhöhlen in den Abgrund schauen, warmes Cuca-Bier trinken, den fetzigen Sound aus den musseques, den Slums, hören. Der Nachwuchs der Neureichen lässt es krachen. Angola hat Öl, verdammt viel Öl. Was kostet die Welt? Luanda leuchtet.

Fotoshooting mit dem Starfotografen Rui Tavares; er hat es in die Revue Noire geschafft, das Standardwerk über moderne Fotografie in Afrika. Wir treffen ihn in der von protzigen Wolkenkratzern umzingelten Altstadt, zwischen den letzten verwitterten Barockbauten aus der portugiesischen Kolonialära. Tekasala Ma’at Nzinga und Shunnoz Fiel, die beiden »Models«, sind schon einsatzbereit. Sie tragen Stresemann und Gummistiefel, Manschettenknöpfe mit Dollarzeichen, dazu Fliegen und Einstecktücher in den schrillsten Karnevalsfarben. »Fashionistas« nennen sie sich, aber das ist irreführend, denn ihr »Projecto Mental« will viel mehr als schnöde Modeschöpferei.

»Nach dem Bürgerkrieg geht es nicht nur um den physischen Wiederaufbau unseres Landes, sondern um die mentale Rekonstruktion«, sagt Tekasala. »Wir wollen die confusão überwinden.« Die große Verwirrung in den Köpfen nach 500 Jahren Fremdherrschaft und 30 Jahren Krieg. Es geht um die Dekolonisierung des Denkens, um die Suche nach Angolanidade, nach einer angolanischen Identität – eine Selbstfindung, die Luanda, seine Musiker, Tänzer, Schauspieler und bildenden Künstler beflügelt.

Shunnoz und Tekasala werfen sich in die Gosse. Posieren mit zerfledderten lusitanischen Geschichtsbüchern. Verwandeln die abblätternden Fassaden in vertikale Laufstege. Schließlich knüpfen sie sich mit Elektrokabeln an einer Ampel auf, direkt gegenüber dem stählernen Turm des Ölkonzerns Sonangol. Ein ironischer Kommentar zur größten Bereicherungsmaschine Angolas, in der Milliarden von Petrodollar versickern, während die Masse der Bevölkerung mausarm bleibt. So mausarm wie die Passanten, die die stilvollendete Selbsthinrichtung belustigt verfolgen. »Kleider, Mode, Bildung«, röchelt Shunnoz. Seine Zunge hängt heraus.

»Der Elite geht es nur um materielle Werte, um Luxus, um hemmungslosen Konsum«, sagt António Ole. Er ist der berühmteste Künstler des Landes, 2010, bei der Afrika-Ausstellung Who Knows Tomorrow in Berlin, türmte er eine gewaltige Containerwand vor dem Hamburger Bahnhof auf, eine Art Fetisch der globalisierten Warenwelt. Daheim muss er kämpfen. Seine wunderliche Großskulptur Mitologias II an der Marginale soll versetzt werden, das wurmt ihn. Gleichzeitig aber öffnet Angolas schneller Reichtum der Kunst neue Horizonte, man muss nur Fernando Alvim besuchen, in dessen Privathaus tausend Initiativen zusammenlaufen. 2006 stellte er die erste Triennale in Luanda auf die Beine, momentan plant er das erste Museum für zeitgenössische Kunst in der Sieben-Millionen-Metropole. »Damit Afrikaner endlich auch von Afrikanern gesehen werden können.«

Alvim ist ein Ereignis, Künstler, hyperaktiver Kulturmanager, kettenrauchend, immerzu auf höchster Betriebstemperatur, vulcanissimo sozusagen. Der Westen verliere sein Monopol, er habe als globale Leitkultur, Deutungsmacht und Entwicklungmodell ausgedient, postuliert er. »Die innovativen Impulse kommen aus Afrika, Brasilien, Fernost und der afroamerikanischen Welt.« Das ist dieser Tage in allen Kulturmetropolen des Kontinents zu spüren, in Lagos, Cotonou oder Johannesburg. Und ganz besonders im ölbesoffenen Luanda, das sich gerade neu erfindet – und seine alte Kultur wiederentdeckt. Zum Beispiel die Oldstars der postkolonialen Frühphase, África Ritmos, Os Kiezos oder Jovens Do Prenda, die gerade mit einer CD auferstanden sind: eine Mischung aus Kongo-Rumba, karibischem Merengue, kubanischen Grooves und psychedelischen Gitarrenriffs – lusotropicalismo pur.

Noch eine schlaflose Nacht, es rauscht und pocht im Kopf. Der Pulsschlag von Nova Luanda. Auf den Wolkenkratzern sieht man die schwarzen Engel tanzen, die José Eduardo Agualusa in seinem fulminanten Luanda-Krimi beschreibt. Im Musikclub Dom Q glitzern die Black Diamonds, die Kids der Reichen und Steinreichen, die in diesen turbulenten Tagen Konzerne und Banken in Portugal aufkaufen – eine Demütigung für die bankrotte Exkolonialmacht, von der in Angola nur noch die Sprache mächtig ist. »Wir werden bald Hilfsprogramme für das arme Europa auflegen«, spottet einer.