Endlich ist es vorbei mit dem Vielleicht und Womöglich. Endlich lüftet sich das Kunstgeheimnis. Endlich sperrt die Documenta ihre Türen auf (9. Juni bis 16. September). Und zu besichtigen ist: ein wunderbares großes Nichts.

Hinter den Säulen des Fridericianums, dort, wo die Weltkunstausstellung seit je ihren Anfang nimmt, wo sie die Besucher einstimmt auf das, was da kommen wird, auf die Provokationen und das Niegesehene, dort läuft alle Erwartung ins Leere. Die Vorhalle verödet, die beiden Seitenflügel beinahe nackt. Es ist eine Eröffnung, die nichts öffnet, jedenfalls nichts, was mit den Augen zu fassen wäre. Irgendetwas aber steht hier offen, irgendein Fenster, eine Tür, als würde gerade durchgelüftet. Ein sanfter Wind durchzieht die Hallen, streift die Gesichter. Ist das der Geist der Documenta 13?

Ryan Gander heißt der Windmacher, ein britischer Künstler, der im Hinterhof des Museums große Gebläse installieren ließ. Er träumt von einer Kunst, die nicht zu sehen, nicht zu greifen ist und die doch machtvoll an ihm saugt. Die ihn erfasst und behutsam mit sich trägt. Es ist die Art von Kunst, von der auch diese Documenta träumt: Sie hofft auf eine stille Kraft, die uns verwandeln möge.

Niemand wird hier aufgerüttelt, niemand verstört, sollen sich doch die anderen um das Grelle und Provokative kümmern. Diese Ausstellung will nichts verkaufen: nicht die üblichen Neuheiten aus aller Welt, auch keine wohlfeilen Bekehrungsbotschaften. Und so wird sie der eine beschaulich finden, ein anderer eher karg. Bescheiden aber ist sie keineswegs. Sie hat sich Großes vorgenommen: Sie will unser Denken verändern.

Und so gelangt man folgerichtig, kaum sind die windigen Zonen des Anfangs durchquert, gleich ins Gehirn der Documenta. Hier, in der Rotunde, hat die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev das ausgebreitet, was sie ihr Brain nennt. Ein reichlich krauses Hirn, in dem sich alles mit allem surreal zu verbünden scheint. Da gibt es die pastosen Vasenbilder des Malers Giorgio Morandi, in Goldrahmen gefasst. Da gibt es Steinfiguren, die Baktrischen Prinzessinnen, 4.000 Jahre alt, aus der Gegend des heutigen Nordafghanistan. Es gibt auch eine postkartengroße Metallscheibe mit Knöpfen darauf, einen Schalter, den sich der Computererfinder Konrad Zuse ausgedacht hat. Und so geht es munter weiter, lauter fragile, verletzte, alte Dinge, und damit diese Einübung ins sprunghafte Denken nicht langweilig wird, tritt zu allem Überfluss auch er noch hinzu: Adolf Hitler, als Fotografie und auch in Form eines flauschigen Badehandtuchs mit eingestickten Initialen, AH. Gleich daneben ein Parfümflakon, der einst Eva Braun gehörte. Nur die Vitrine müsste man öffnen, schon röche man, was Hitler roch.

Ebendas tat die Fotografin Lee Miller, die als Kriegsreporterin in den vierziger Jahren nach Deutschland kam: Sie öffnete keine Vitrine, sie drang in die Münchner Wohnung des Führers ein, besah sich dort alles und nahm schließlich ein Bad; es war die Nacht, bevor sich Hitler das Leben nahm. Miller hat sich so fotografiert, in der Badewanne sitzend. So sehen wir sie jetzt, dort im Brain.

Was das bedeuten mag? Wie man es bewerten soll? Als billige Effekthascherei, als Trophäengier? Miller schrieb später: »Bis zu diesem Tag war er für mich nie lebendig gewesen. All die Jahre war er ein teuflisches Maschinenmonster, bis ich…in seinem Haus aß und schlief. Er verlor das Legendenhafte und wurde so noch schrecklicher.« Nicht die Filme, nicht die Fotos hatten sie wirklich erschüttern können. Erst in der Begegnung mit seinen Dingen erschien ihr der Mensch plötzlich real.