Documenta 13Lost in Kassel
Seite 3/3:

Missverständnisse wachsen exponentiell und allen über den Kopf

Damit allerdings wollen die Documenta-Macher nichts zu tun haben. Sie wollen die Moderne nicht verabschieden, sie sehen nur, dass die alten Denkmuster uns in jene weltumspannende und weltvernichtende Krise hineinmanövriert haben, in der wir feststecken. Und sie fragen: Wie geht es weiter? Was ist noch möglich?

Vermutlich würde man diese Ausstellung tatsächlich unter schweren Esoterik-Verdacht stellen, wenn sie bei ihren Steinen, Hunden und Büschen geblieben wäre. Doch die Documenta-Macher belassen es nicht bei ein paar wohlfeilen Seelenseufzern – »Wohnt ein Lied in allen Dingen« –, nein, sie suchen das Risiko. Sie eröffnen am 20. Juni mitten im zerbombten Kabul eine Documenta-Zweigstelle. Auch dort ist es ein Haus im Park, auch dort soll sich zeigen, welche Kräfte die Kunst zu entfalten vermag inmitten des Zusammenbruchs. Der Wirklichkeit des Terrors stellt die Documenta eine Wirklichkeit der Bilder und Objekte entgegen.

Anzeige

Und diese Bilder und Objekte haben es ja wirklich in sich, sie bleiben unberechenbar, vielleicht entfalten sie in Kabul sogar eine viel größere Kraft als in Kassel. Doch auch dort stellen sie sich gegen die Erwartungen: Sie entschlüpfen allen Ansprüchen und Theorien und gehen eigene Wege. Mal wunderbar heiter wie bei Geoffrey Farmer, der eine kunterbunte Bilderparade aufmarschieren lässt, lauter ausgeschnittene Fotos aus dem Life-Magazin. Mal in peinsamen Exerzitien, wenn mitten in der Neuen Galerie eine Schreitherapie abgehalten wird, anschließende Umarmung inklusive. Aber auch das gehört zur Risikofreude dieser Documenta: Sie hat viele der über 150 Künstler eingeladen, ohne zu wissen, was diese am Ende aufbieten würden. Sie nimmt das Scheitern in Kauf – und der Besucher muss es nun ebenfalls.

So ist es vermutlich, wenn man sich von alten Gewissheiten löst und alles mit allem ins Gespräch bringen möchte: Die Missverständnisse wachsen exponentiell und allen über den Kopf. Doch den Versuch ist es wert: eine Documenta zu wagen, in der Kambodscha, Syrien, Afghanistan und überhaupt die brennenden Fragen der Gegenwart nicht ausgespart bleiben und gleichwohl der ästhetische Eigensinn zu seinem Recht kommt. Es ist das Wagnis, die getrennten Sphären miteinander zu befreunden: den Widersinn und die Ratio, die Geister und den Geist, die Poesie und das Politische.

Manchmal gelingt das sogar, zum Beispiel mitten auf dem Hauptbahnhof. Dort bekommt man einen kleinen Bildschirm in die Hand gedrückt, einen Kopfhörer auf die Ohren, dann geht sie los, eine Reise in die reale Irrealität – oder umgekehrt? Die Künstler Janet Cardiff und George Bures Miller flüstern uns eine Geschichte zu, sie lassen uns über Bahnsteige und Treppen wandern, immer sehen wir auf dem Bildschirm das, was uns just im Augenblick umgibt, doch treten plötzlich ein paar Blasmusiker ins Bild, wir hören sie auch, eine Ballerina tanzt durch die Halle, und auf Gleis 13 dampft ein Zug ab, ein schwarz-weißer Zug, überfüllt mit Deportierten. Das grausige Gestern springt hinüber ins Heute, ganz kurz nur, aber das reicht, um die Bilder im eigenen Kopf ins Laufen zu bringen. Und dass die Videoreise dann noch weitergeht, dass am Ende ein streitendes Pärchen vor uns auf dem nackten Bahnhofsfußboden kuschelt und alles wunderbar versöhnt scheint? Auch das passt zu der sanftmütigen Documenta 13. Das andere, neue Denken hat es gern einvernehmlich. Ein Unbehagen bleibt dennoch, gerade wohl deshalb und zum Glück.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Bei der Documenta sind immer Leiter, die Bilder und Kunst auswählen, um sich zu profilieren.

  2. Nach einem Rundgang über diese überflüssige "Weltausstellung der Kunst" sieht man Arbeiten, die schon auf vielen anderen documentas und anderen Ausstellungen weltweit zusehen waren. Die Arbeiten sind die gleichen, nur haben jetzt die Autoren andere Namen!

  3. eine pseudointellektuelle, moderat orgiastische selbstbeweihräucherungsorgie, die in ihrer masslosen
    selbstüberschätzung hoffentlich schneller zu staub verfallen wird als ein vampir in der morgensonne.

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

  5. Die Documenta (13)-SCHÖNrederei kann man angesichts wirtschaftlicher Interessen in HESSEN verstehen. Siehe dpa-Kassel, HNA Kassel, hr & kulturzeit (Medienpartner der CCB-d13); daher: „Unbedingt hinfahren!“ – „Viel Lob für die documenta“ (angeblich).

    Hanno RAUTERBACH – ein kritischer Kunstkritiker DIE ZEIT – diagnostiziert MEHR als GRENZÜBERSCHREITUNG:“es ist eine GRENZAUFHEBUNG. Natur ist Kultur, und Kultur ist Natur“ (ein „Mantra“ - heiliges Wort/Gebet) verfolgt einen.

    Von „documenta Infarkt“ (art-Infarkt der documenta 13) spreche ich. Siehe eBOOK Hinweise zur d13 (Anti-documenta…)
    Eine d-REFORM muss jetzt – nach LEIFELDrücktritt am Ende der d13 – kommen: Eva KÜHNE-HÖRMANN (Kunst/Wissenschafts-Ministerin in Hessen) an werner hahn – zur documenta ZUKUNFT ... siehe VIDEOS you tube web werner hahn mehr ... Sie sagt zu Hahn:

    „Ich bin sicher, dass ein Teil ihrer Überlegungen Eingang in die Diskusssion über die Zukunft der documenta finden wird.“

    Die Kulturszene Kassels sei düpiert, war zu lesen. Spötter erinnern mit dem Spruch "l'art c'est moi" / "die Kunst bin ich"(CCB-d13) - an die Usancen des absolutistisch regierenden Sonnenkönigs.

    Und Carolyn Christov-Bakargiev hat pünktlich zur Eröffnung ihrer Weltausstellung am 9. Juni eine Debatte angestoßen, die ihr sicher mehr Ärger bringt als freudige Neugier: zur Debatte documenta 14 mehr ...

  6. Anmerkung AKTUELL: DOCUMENTA DEMOKRATISIERUNG

    Performance „ANTI-documenta“ zur documenta 13
    Veröffentlicht am 04.06.2012 von WernerHahnArtScience
    ARS EVOLUTORIA & DOCUMENTA DEMOKRATISIERUNG ART-and-SCIENCE Teil I

    IN You Tube - http://www.youtube.com/watch?v=-mozMEn9fy8&feature=relmfu

    II. TEIL:
    http://www.youtube.com/watch?v=IU2L0ipzFGk&feature=relmfu

    III. TEIL
    http://www.youtube.com/watch?v=iC8BDROCtFQ&feature=relmfu

    Werner Hahn hat vier Bücher zur Documenta-Institution publiziert.

    Es handelt sich um Streitschriften zur Demokratisierung staatlicher Kunstförderung.

    Über den FALL DOCUMENTA hat in der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW) Professor Friedhelm Hufen (Uni Mainz) berichtet: 17/1997.

    Werner Hahn ist der Autor von ARS EVOLUTORIA, einer neuen Stilrichtung in der Bildenden Kunst. Neue Malerei: Verbindung von Wissenschft und Kunst. In den Videos macht der Autor bekannt mit Ars Evolutoria, Musica Evolutoria und seiner "Justiz-art" (Klagen vor Gericht). Hahn ist ein unabhängiger Künstler und Naturforscher, der den Kunstmarkt-Betrieb ablehnt.

  7. Wie denn diese 13te documenta wohl ausfallen werde, machten sich viele Gedanken: So auch ich in einem online-eBOOK: Zwei Plattformen:

    GIEßENER ZEITUNG:

    Stichwort:

    documenta Institution – 65 Artikel zur CCB-d13:
    (65)

    Kombinationen zum Thema: documenta Institution + ...
    dOCUMENTA (13) (39), documenta-Reform (18), Bakargieviade (18), documenta (13), documenta-Infarkt (11), Joachim GAUCK (8), Ai Weiwei (8), CCB (5), Buergeliade (3), Bertram HILGEN (3) alle anzeigen

    Beiträge zum Thema aus: Gießen (65)

    GZ - http://www.giessener-zeitung.de/global/themen/documentainstitution/

    UND
    DOCUMENTA-Institution & dOCUMENTA (13) der C.C. Bakargiev (CCB). eBOOK art-&-science

    http://www.myheimat.de/gladenbach/kultur/documenta-institution-and-docum...

    Mehr über...
    documenta-Schönrederei (1)documenta-Reform (20)documenta-Infarkt (12)documenta Institution (66)dOCUMENTA (13) (49)

    IN:

    http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/67638/documenta-13-schoe...

    AKTUELL: 65 Artikel chronologisch siehe: vor der GAUCK-Eröffnung - ebook zur CCB-d13

    http://www.myheimat.de/hessen/gladenbach/themen/documenta-institution.html

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Herr RauterBERG hat schon recht, wenn er von einer Grenzaufhebung schreibt. Durch Ihre Postings bestätigen Sie das aufs Schönste. Kunst und ihre rhizomatischen Weiterungen. Fiat ars!

    um es mit Jonathan Meese zu sagen: http://www.diktatur-der-kunst.org/

    In diesem Sinne

    P.S.: "Die Kritik an der modernen Kunst ist die natürliche Folge der Freiheit, die dem Künstler gegeben ist, um seine individuelle Sicht darzustellen. Ich betrachte das Barometer der Opposition als ein gesunde Anzeige der Tiefe des individuellen Ausdrucks. Je feindseliger die Kritik, desto mehr sollte der Künstler ermutigt sein." (Duchamp) "Diesen Prozess, aus Widerstand Form zu erschaffen, wollte ich für die Kunst nutzen." (Matthew Barney)

    "Der Künstler kann nur dann Schöpfer sein, wenn die Formen auf seinem Bild nichts mit der Natur gemein haben." (Malewitsch)

  8. Herr RauterBERG hat schon recht, wenn er von einer Grenzaufhebung schreibt. Durch Ihre Postings bestätigen Sie das aufs Schönste. Kunst und ihre rhizomatischen Weiterungen. Fiat ars!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Documenta | Kunst
Service