AuktionshäuserNachschubsorgen

Es ist Auktionssaison in Deutschland, aber nicht überall läuft es blendend. Denn Kunst verkaufen will gerade keiner. von 

Wo sind die Millionenbilder? Das fragten sich die Beobachter der Frühjahrsauktionen in der Berliner Villa Grisebach vergangene Woche. In der Winterauktion hatten bei Grisebach noch vier Bilder die magische Eine-Million-Euro-Grenze überschritten, diesmal gab es kein einziges Millionenbild. Damals, im November 2011, lag das Gesamtergebnis nach vier Auktionstagen bei über 28 Millionen Euro, vergangene Woche wurde insgesamt nur knapp die Hälfte, nämlich 13,6 Millionen Euro umgesetzt.

Das teuerste Bild dieser Saison war bei Grisebach eine Landschaft, Am Starnberger See (1908) von Gabriele Münter, die gut 700.000 Euro kostete – fast ein Rekordpreis. In der Hauptauktion mit den ausgewählt guten Losen brachte ein simples, aber schön anzusehendes Hortensienstillleben von Tamara de Lempicka fast 190.000 Euro (alle Preise inklusive des Käuferaufgelds), mehr als doppelt so viel wie von den Experten des Auktionshauses zuvor geschätzt. Auch ein interessantes, untypisch abstraktes Dünenbild von Emil Nolde brachte mehr als das Doppelte (gut 230.000 Euro) des oberen Schätzpreises, während einige seiner recht langweiligen Blumenbilder immerhin gerade mal so die Schätzpreise erreichten.

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Doch ein gutes Dutzend anderer Lose der Hauptauktion blieb unverkauft, darunter einige der am höchsten geschätzten Bilder, von Erich Heckel etwa oder von Ernst Wilhelm Nay. Auch in der Auktion für Kunst des 19. Jahrhunderts wurden mit ein paar Werken erstaunliche Preise erzielt, hier bot, so hörte man, auch wieder das New Yorker Metropolitan Museum erfolgreich mit. Doch auch mehrere Lose des 19. Jahrhunderts konnten letztlich nicht verkauft werden.

Wieso verkauften sich diese Bilder nicht? Es mag daran liegen, dass es sich hier nicht um solch »ikonische« – ein von Auktionatoren gern strapaziertes Adjektiv – Werke handelt, die gerade erst in New York neue Rekordpreise für Künstler wie Edvard Munch, Cy Twombly und Roy Lichtenstein einfuhren. Es sind vielmehr die B- und C-Bilder, zweit- und drittklassige Werke, die ein wenig harmlos oder gar missglückt sind, welche von den Experten zu hoch geschätzt wurden.

Dass es für die deutschen Auktionshäuser gerade nicht so gut läuft, liegt also vor allem daran, dass Qualitätsware fehlt. Alle hätten diese Saison Mühe gehabt, gutes Material zu gewinnen, hieß es auch aus dem Kölner Auktionshaus Lempertz, das schon eine Woche vor Grisebach seine große Auktion mit zeitgenössischer Kunst veranstaltet hatte. Die Kunstsammler scheinen derzeit sehr vorsichtig zu sein, sie wollen nicht verkaufen, die sicheren Wertanlagen in der Kunst nicht gegen viel zu unsichere Euros tauschen. »Selbst Bankangestellte in kleinen Regionalbanken beraten ihre Kunden dahin gehend, dass ihr Geld sicherer in einem expressionistischen Kunstwerk als in einer spanischen Staatsanleihe angelegt ist«, erklärt Florian Illies, früher Mitarbeiter der ZEIT, jetzt einer der Mitgesellschafter der Villa Grisebach. Und trotzdem hoffen Illies und seine Kollegen, für die Herbstauktionen wieder vermehrt hochpreisige Kunst einwerben zu können.

Ludwig Emil Grimms Heilige Familie (1822/1834) etwa, mit einem erzielten Preis von gut 150.000 Euro eines der Hauptlose aus der von Illies verantworteten Auktion mit Kunst des 19. Jahrhunderts, kam aus einer Familie, die es hundert Jahre lang gehütet hatte. Erst nach einem Dreivierteljahr des Zögerns gab der Sammler das Bild schließlich dem Berliner Auktionshaus – und nicht der Konkurrenz. Oft entscheidet der höchste angebotene Schätzpreis, für welches Haus sich ein Einlieferer entscheidet. Wobei ein zu hoher Schätzpreis im schlimmsten Fall dafür sorgen kann, dass ein Bild gar keine Bieter findet – und so für längere Zeit mit dem Makel der Unverkäuflichkeit behaftet bleibt. Die Auktionshäuser ihrerseits werben mit reich ausgestatteten Auktionskatalogen, mit speziellen Reklamemaßnahmen wie Postkarten oder Besichtigung in anderen Städten und zuallererst mit ihrer Expertise für bestimmte Künstler. Hat ein Auktionshaus einmal einen Rekordpreis für einen Künstler erzielt, so zieht das wiederum andere Sammler an, ähnliche Bilder einzuliefern. Und zuletzt werden die Auktionatoren die Einlieferer besonders interessanter Kunstwerke auch mit Rabatten bei der Einliefererkommission locken.

In Zeiten anhaltender Einliefererblockaden helfen den Auktionatoren jedoch meist nur drei Dinge: Tod, Scheidung oder Bankrott des Eigentümers, was jeweils zum plötzlichen und zwangsläufigen Verkauf eines großen Kunstwerks oder einer Sammlung führt. Christie’s etwa feierte in London einen großen Erfolg mit dem Verkauf der Sammlung des verstorbenen Playboys Gunter Sachs. Und Lempertz veranstaltete schon am 12. Mai eine sensationell gute Auktion mit Alter Kunst. Die Kölner hatten sich gegen die internationale Konkurrenz durchgesetzt und zwei Sammlungen niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts für ihre Versteigerung akquiriert. Die Preise zweier Gemälde von Gerard Dou und Hendrick Avercamp stiegen dann während der Auktion ganz lässig über die magische Hürde von einer Million Euro.

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