Zweiter WeltkriegEin Tabu löst sich auf

Die Vertreibung der Deutschen wird durch den amerikanischen Historiker R. M. Douglas neu beleuchtet. von Michael Schwartz

© C.H. Beck

Immer noch wirkt sie verstörend: die Vertreibung von zwölf bis fünfzehn Millionen Deutschen aus Ostdeutschland und Osteuropa mit dem Kriegsende 1945. Den Widerwillen, ihr den Stellenwert einzuräumen, den sie in den Nationalgeschichten wie in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verdiente, führt nun der US-Historiker R. M. Douglas auf Tabus zurück. Deutsche würden das Thema gern umgehen, schreibt er in seinem neuen Buch Ordnungsgemäße Überführung, weil es sofort eine Debatte über die NS-Vorgeschichte provoziere. Für Polen, Tschechen und Slowaken untergrabe es »eine Reihe nationaler Erzählungen, in denen Deutsche ausschließlich als Täter und die eigenen Völker ausschließlich als Opfer erscheinen«. Für Bürger der USA und Großbritanniens werfe es unangenehme »Fragen nach der Mitwirkung ihrer Staatsführer und Völker an einem der größten Fälle massenhafter Menschenrechtsverletzungen in der modernen Geschichte« auf.

Wer ist Ray M. Douglas? Der Associate Professor für Geschichte lehrt an der Colgate University im Staate New York. In Deutschland ist er, der in Dublin studierte und in den USA promovierte, wenig bekannt. Douglas hat Studien zur britischen und zur irischen Zeitgeschichte sowie zur europäischen Kolonialherrschaft veröffentlicht. Mit seinem jetzigen Buch betritt der Autor somit Neuland. Eingangs erklärt er forsch, trotz einer Unzahl von Vorarbeiten fehle bis heute »eine Studie der Vertreibungen, die sie von allen Seiten betrachtet – von ihren frühesten Ursprüngen an und in allen betroffenen Ländern – und ihre Geschichte bis in die Gegenwart fortschreibt«. Dabei ist zuzugeben, dass sich die Forschung bisher auf wenig Umstrittenes konzentriert hat, auf »Neuansiedlung und Integration« der Vertriebenen. Doch gibt es Bewegung, etwa durch Arbeiten von Detlef Brandes, Adrian von Arburg, Thomas Urban oder Mathias Beer. Auch haben sich umfassende Darstellungen »ethnischer Säuberungen« des Themas angenommen – durch Norman Naimark, Benjamin Lieberman oder Philipp Ther.

Anzeige

Wie neu also ist das, was Douglas uns mitzuteilen hat? Am wenigsten innovativ sind die Abschnitte zu Vertreibungsplanern und -plänen sowie zu den »Volksdeutschen während des Krieges« – womit zudem die Vorgeschichte der »reichsdeutschen« Mehrheit der Vertriebenen ausgeblendet wird. Auch die Abschnitte zu den »wilden Vertreibungen« des Jahres 1945 beziehungsweise zu den »organisierten Vertreibungen« der Folgezeit präsentieren im Kern wenig Neues. So wird nochmals der Nachweis überzeugend geführt, dass es sich bei den Vertreibungen nach Kriegsende fast nie um spontane Racheakte, sondern zumeist um von Regierungen geplante und über militärisch-polizeiliche Befehlsketten umgesetzte organisierte Gewaltpolitik gehandelt hat.

Der Autor

Michael Schwartz ist Professor für Geschichte und Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte, Abt. Berlin

Mit Blick auf die angeblich »ordentlichen und humanen« Zwangsumsiedlungen ab 1946 kommt Douglas durch Einbeziehung fast aller südosteuropäischer Staaten zwar einem Gesamtpanorama sehr nahe. Freilich wird Ostpreußen ebenso stiefmütterlich behandelt wie die Deportationen in der Sowjetunion. Innovativ ist die Einbeziehung selten benutzter Archivquellen – jenseits der üblichen britischen und US-Regierungsakten gilt dies für Bestände des irischen Außenministeriums, des Internationalen Roten Kreuzes oder der Vereinten Nationen. Doch der keineswegs schon erschöpfend analysierte Fundus deutscher Akten – nicht nur westdeutscher, sondern auch sowjetzonaler Provenienz – bleibt fast ungenutzt, was sich mit Zweifeln an deren Glaubwürdigkeit, wie Douglas sie mit Blick auf die westdeutsche »Dokumentation der Vertreibung« aus den 1950er Jahren äußert, insgesamt nicht rechtfertigen lässt.

Eines der fragwürdigsten Kapitel in Douglas’ Buch ist gleich das erste – lapidar Der Planer überschrieben, gemeint ist der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš. Wollte man von der Holocaust-Forschung lernen, dürfte man nicht derart personalisieren, sondern müsste nach verantwortlichen Gruppen und Netzwerken, deren Handlungskontexten und Denkstilen fragen. Douglas bringt denn auch weitere Mitverantwortliche ins Spiel, man erfährt, dass der polnische Exilpremier Sikorski 1942 die Millionen jüdischer Bürger seines Landes nach Kriegsende zwangsaussiedeln wollte. Beneš erscheint so doch als das, was er war: ein wichtiger, aber weder einziger noch entscheidender »Planer« der Vertreibung. Ein grundlegendes Manko aber ist die Voraussetzungslosigkeit, mit der Douglas diese Planungen des Zweiten Weltkrieges präsentiert. Erst im dritten Kapitel (Der Plan) erfährt der Leser beiläufig und skizzenhaft ein Minimum an Vorgeschichte, namentlich über den Balkan, den Ersten Weltkrieg und den griechisch-türkischen Zwangstransfer von 1923.

Lobend hervorzuheben sind andere Kapitel des Buches, etwa der Abschnitt über Die Lager, der das System der Internierungslager für Deutsche und dessen gesamtosteuropäische Dimension eindringlich verdeutlicht. Dabei macht Douglas klar, dass es »keine stichhaltige Parallele selbst zwischen den schlimmsten Nachkriegslagern und den deutschen KZ der Kriegszeit« mit ihrer Massenmordpolitik gibt. Dennoch hält er es für wichtig, auch diese anders gearteten, aber ihrerseits »massenhafte(n) Menschenrechtsverletzungen« der Sieger offen zu benennen: »Mit Ausnahme der Kriegsjahre hatte Europa westlich der UdSSR niemals ein so gewaltiges Ausmaß willkürlicher Internierung erlebt, bei dem Zehntausende von Menschen, darunter viele Kinder, starben.«

Leserkommentare
  1. Oder Trizonesisch?

    "nicht nur westdeutscher, sondern auch sowjetzonaler Provenienz"

  2. Wie gut, dass der Autor Amerikaner ist. Als Deutscher würde er sofort in die rechte Ecke gestellt werden.
    Ich verstehe nie, warum man sich die Siegermächte damals über die Haager Landkriegsordnung hinwegsetzen konnten.
    Wie auch immer, es wird Zeit, dass solche Tabus ein Ende finden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...wie R. M. Douglas ist nicht davor gefeit, in die geschichtsrevisionistische Ecke gestellt zu werden.

    • joG
    • 20. Juni 2012 23:00 Uhr

    ...dass das Thema der Vertreibung Tabu sein soll. Jeder weiß, was da geschah, es gibt konträre Bewertungen dessen und man streitet sich kompromisslos.

    Entfernt. Auf diese Inhalte wollen wir nicht verweisen. Danke. Die Redaktion/ds

    • th
    • 20. Juni 2012 21:28 Uhr

    aber zweifellos sind die Reaktionen manchmal geradezu allergisch.

    Ansonsten läuft die Diskussion seit 1945, und wird auch weitergehen, bis auch dieses dunkle Kapitel des 2. Weltkriegs "historisiert" ist, ein Epilog des Krieges, welcher im Grunde eben nicht 1945 endete, sondern erst einige Jahre später.

    Allerdings wäre es gut, wenn einmal ein Gesamt-Panorama der entscheidend durch Stalins Sowjetunion angetriebenen Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen im damals entstehenden Ostblock geschrieben würde.

    Denn die Zwangsumsiedlungen im neuen polnisch-ukrainischen
    Grenzgebiet, die Deportationen vieler Balten nach Sibirien verdienen natürlich dieselbe Aufmerksamkeit.

    Auch das Schicksal der im Kaliningradskij Oblast (Nord-Ostpreussen) nach 1945 verbliebenen Deutschen, von denen viele nicht überlebten, würde etwas mehr Aufmerksamkeit verdienen.

    Allerdings würden bei solchen Untersuchungen einige bis heute gepflegte Lebenslügen zu Bruch gehen.

    Und natürlich hat das böse Vorbild bis ins ehemalige Jugoslawien der 90er Jahre fortgewirkt.

    Vielleicht wird ja eines Tages sogar die Intiative von Steinbach und Glotz für das "Zentrum gegen Vertreibungen" doch noch Anerkennung finden, wer weiss?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie schreiben: "Allerdings wäre es gut, wenn einmal ein Gesamt-Panorama der entscheidend durch Stalins Sowjetunion angetriebenen Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen im damals entstehenden Ostblock geschrieben würde."

    Norman Davies: Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945
    Droemer 2009

    bringt dazu im gewählten Rahmen des Krieges einen ausführlichen Überblick. Er beschreibt sehr offen das stalin'sche Terrorsystem und betrachtet den Krieg aus einer bisher unüblichen Perspektive.

  3. ...wie R. M. Douglas ist nicht davor gefeit, in die geschichtsrevisionistische Ecke gestellt zu werden.

    Antwort auf "Na dann..."
    • th
    • 20. Juni 2012 21:51 Uhr

    es war im Westen niemals ein Tabu.

    Zum "Tabu" wurde es nur für gewisse Zeitgenossen, die merkwürdige "linke" Eiertänze aufführten und meinten, sie müßten irgendwie <em>"die Welt neu interpretieren, statt sie zu verändern"</em> (wer's noch nicht weiss: dies ist ein abgewandeltes Zitat).

    Dem Rest der Menschheit war es, falls nicht selbst betroffen, einfach relativ egal. In den betroffenen Familien jedoch wurde soviel davon erzählt, dass die Jugend nichts mehr davon hören wollte, und deshalb zu den diversen linken Gruppen überlief, wo sie ungestört den Mythos vom realen Sozialismus pflegen konnten.

    Allerdings meine ich, dass es zu den Zeiten, als man noch öffentlich von den Vertreibungen sprach, in der Bundesrepublik mehr Verständnis für Flüchtlinge aus anderen Ländern gab: viele Menschen konnten sich aus eigener Erfahrung in die Lage der "Asylanten" versetzen.

    So hielt auch der Artikel im GG über das Asyl so lange, bis die Wiedervereinigung kam, die endgültige Anerkennung der heutigen deutschen Grenzen, und der jugoslawische Bürgerkrieg.

    Seitdem wollen viele dieses Kapitel am liebsten unter den Tisch kehren.

    Die SPD ging sogar so weit, ihren ersten Nachkriegsvorsitzenden, Kurt Schumacher, der immerhin im KZ gesessen hatte, aber leider ein Patriot war, und ausserdem aus Kulm in Westpreussen stammte, diesen grossen Politiker aus ihrer "Liste grosser Sozialdemokraten" zu streichen.

    Das war alles politische Überanpassung - aber ein "Tabu" gab es eigentlich nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und ich bin dennoch der Meinung es war ein Tabu. Es durfte einfach nicht sein, dass "ein Volk" das so viel Leid über die Menschheit gebracht hatte, das Unrecht anprangerte, das Teilen dieses Volkes zweifellos widerfahren ist. Das Gebot lautete "stillhalten und demütig den Kopf senken".

    Und es war zweifelsohne nicht in allen Familien üblich, mit den Kindern und Enkeln über das zu reden, was den Betreffenden im Einzelnen widerfahren war. Meine Mutter hat Fragen danach immer abgeblockt und auch meine Großeltern haben nur sehr wenig davon gesprochen. In den Familien, in die ich ein bisschen Einblick bekommen habe, war das überall so. Und öffentlich darüber zu reden war in jedem Fall tabu. Ich finde das sehr schade!

    Ich habe nicht die geringsten Interessen daran, irgend jemand für das Unrecht, das vor mehr als einem halben Jahrhundert geschehen ist Vorwürfe zu machen. Und ich habe schon gar kein materielles Interesse an dem, was meine Familie damals aufgeben musste. Aber ich habe größtes Interesse daran, dass dieses Leid nicht weiter unter den Teppich gekehrt wird.

  4. Ich finde schon, dass es ein Tabu ist, das Thema Vetreibung einfach zu benennen und relativ unbefangen darueber zu diskutieren...
    Einserseits mag ich Frau Steinbach nicht, die dieses Thema mit zu viel Druck und Vehemenz ins Rampenlicht bringen will...andererseits sollte dieses Thema nicht wirklich einfach hinten runter fallen, wie es die letzten 60 Jahre geschenen ist.
    Bei mir selber (1962 geboren) schwingt immer diese kollektive generationsübergreifende Schuld mit! Hitler war eindeutig der grösste Mörder seiner Zeit und das, was von Deutschem Boden an Menschenrechtsverletzungen ausgegangen ist, war mit Sicherheit Das Schlimmste.
    Aber wieviel hat das Deutsche Volk, die Deutsche Nachkriegsgeneration und selbst ich heute noch von dieser Schuld auf meine Schultern geladen bekommen von aussenstehenden, zT beteiligten oder unbeteiligten Völkern und Menschengruppen, ja Freunden.
    Wir sind gewohnt diese Schuld anzunehmen und zu tragen, welch anderes Volk/Land hat das gemacht?
    Und wenn es dann um das Thema Vertreibung geht, dann trauen wir uns das gar nicht anzusprechen, weil gleich damit auch unsere (oder unserer Väter/Grossväter) Schuld/Mitverantwortung am NS Regime und deren Verbrechen hochkommen. Wir oder zumindest ich, kann Vertreibung gar nie getrennt von dem von Deutschen begangenem Unrecht sehen, dh ich verknüpfe es mit dem historischen Zusammenhang und unserer historischen Schuld.
    Ich bin aber sehr dankbar, dass gerade ein Amerikaner dieses Tabu bricht und getrennt anschaut!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • th
    • 20. Juni 2012 23:11 Uhr

    nämlich Josef Stalin, der 1939 mit Hitler gemeinsame Sache machte, um der Sowjetunion die damaligen Ostgebiete Polens, sowie die baltischen Staaten einzuverleiben, und diesen Kriegsgewinn 1945 nicht wieder herausgeben wollte.

    Das war - mehr noch als die deutschen Massenverbrechen in den besetzten Gebieten, die Hauptursache für all die Zwangsumsiedlungen in Mittel- und Osteuropa.

    Aber das passt natürlich nicht ins Bild von den guten "Linken".

    • Karl63
    • 21. Juni 2012 10:56 Uhr

    plädiere ich für eine etwas weiträumigere Sicht der Dinge.
    Wie mir mein Großvater (er lebt mittlerweile leider nicht mehr) mehrfach glaubhaft erläutert hat, gab es zwischen Tschechen und Deutschen schon in der Zeit nach der Gründung der Tschechoslowakei deutliche Spannungen. In dem Europa zwischen den beiden Weltkriegen war es alles andere als selbstverständlich, nationalen Minderheiten sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit zu gewähren. Insofern würde ich unterstellen, was bei der Vertreibung der Sudetendeutschen dann später geschehen ist, hatte auch Wurzeln die sehr viel weiter zurück reichen als die Jahre der braunen Diktatur.
    Selbstverständlich waren die Heimatvertriebenen in einem Nachkriegsdeutschland, in dem materiell wie ethisch vieles völlig zerstört war, zunächst einmal nicht unbedingt willkommen. Dennoch habe diese sich nicht nur erfolgreich integriert, sondern auch einen signifikanten Beitrag zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Bundesrepublik geleistet. In meinen Augen so etwas wie die "Generation 0" der Einwanderer, die dann später vielen anderen Ländern zu uns gekommen sind.

  5. 7. na ja

    eine unfreiwillige völkerwanderung von 12 millionen gab es wann außer 45 in europa noch?
    nur mal so, das wäre als wenn alle griechen weg sind.
    alle!
    vorstellbar?
    nein.

    ich denke, das diese dimension in der geschichsschreibung weder bei uns und schon gar nicht bei den ländern, die ausgesondert haben, sich auch nur annähernd widerspiegelt.

    es gibt keinen frieden ohne gerechtigkeit.
    gerechtigkeit ist dabei nicht nur eine frage der strafe, es reicht die wahrheit.

    • joG
    • 20. Juni 2012 23:00 Uhr

    ...dass das Thema der Vertreibung Tabu sein soll. Jeder weiß, was da geschah, es gibt konträre Bewertungen dessen und man streitet sich kompromisslos.

    Antwort auf "Na dann..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service