Zweiter Weltkrieg : Ein Tabu löst sich auf

Die Vertreibung der Deutschen wird durch den amerikanischen Historiker R. M. Douglas neu beleuchtet.
© C.H. Beck

Immer noch wirkt sie verstörend: die Vertreibung von zwölf bis fünfzehn Millionen Deutschen aus Ostdeutschland und Osteuropa mit dem Kriegsende 1945. Den Widerwillen, ihr den Stellenwert einzuräumen, den sie in den Nationalgeschichten wie in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verdiente, führt nun der US-Historiker R. M. Douglas auf Tabus zurück. Deutsche würden das Thema gern umgehen, schreibt er in seinem neuen Buch Ordnungsgemäße Überführung, weil es sofort eine Debatte über die NS-Vorgeschichte provoziere. Für Polen, Tschechen und Slowaken untergrabe es »eine Reihe nationaler Erzählungen, in denen Deutsche ausschließlich als Täter und die eigenen Völker ausschließlich als Opfer erscheinen«. Für Bürger der USA und Großbritanniens werfe es unangenehme »Fragen nach der Mitwirkung ihrer Staatsführer und Völker an einem der größten Fälle massenhafter Menschenrechtsverletzungen in der modernen Geschichte« auf.

Wer ist Ray M. Douglas? Der Associate Professor für Geschichte lehrt an der Colgate University im Staate New York. In Deutschland ist er, der in Dublin studierte und in den USA promovierte, wenig bekannt. Douglas hat Studien zur britischen und zur irischen Zeitgeschichte sowie zur europäischen Kolonialherrschaft veröffentlicht. Mit seinem jetzigen Buch betritt der Autor somit Neuland. Eingangs erklärt er forsch, trotz einer Unzahl von Vorarbeiten fehle bis heute »eine Studie der Vertreibungen, die sie von allen Seiten betrachtet – von ihren frühesten Ursprüngen an und in allen betroffenen Ländern – und ihre Geschichte bis in die Gegenwart fortschreibt«. Dabei ist zuzugeben, dass sich die Forschung bisher auf wenig Umstrittenes konzentriert hat, auf »Neuansiedlung und Integration« der Vertriebenen. Doch gibt es Bewegung, etwa durch Arbeiten von Detlef Brandes, Adrian von Arburg, Thomas Urban oder Mathias Beer. Auch haben sich umfassende Darstellungen »ethnischer Säuberungen« des Themas angenommen – durch Norman Naimark, Benjamin Lieberman oder Philipp Ther.

Wie neu also ist das, was Douglas uns mitzuteilen hat? Am wenigsten innovativ sind die Abschnitte zu Vertreibungsplanern und -plänen sowie zu den »Volksdeutschen während des Krieges« – womit zudem die Vorgeschichte der »reichsdeutschen« Mehrheit der Vertriebenen ausgeblendet wird. Auch die Abschnitte zu den »wilden Vertreibungen« des Jahres 1945 beziehungsweise zu den »organisierten Vertreibungen« der Folgezeit präsentieren im Kern wenig Neues. So wird nochmals der Nachweis überzeugend geführt, dass es sich bei den Vertreibungen nach Kriegsende fast nie um spontane Racheakte, sondern zumeist um von Regierungen geplante und über militärisch-polizeiliche Befehlsketten umgesetzte organisierte Gewaltpolitik gehandelt hat.

Der Autor

Michael Schwartz ist Professor für Geschichte und Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte, Abt. Berlin

Mit Blick auf die angeblich »ordentlichen und humanen« Zwangsumsiedlungen ab 1946 kommt Douglas durch Einbeziehung fast aller südosteuropäischer Staaten zwar einem Gesamtpanorama sehr nahe. Freilich wird Ostpreußen ebenso stiefmütterlich behandelt wie die Deportationen in der Sowjetunion. Innovativ ist die Einbeziehung selten benutzter Archivquellen – jenseits der üblichen britischen und US-Regierungsakten gilt dies für Bestände des irischen Außenministeriums, des Internationalen Roten Kreuzes oder der Vereinten Nationen. Doch der keineswegs schon erschöpfend analysierte Fundus deutscher Akten – nicht nur westdeutscher, sondern auch sowjetzonaler Provenienz – bleibt fast ungenutzt, was sich mit Zweifeln an deren Glaubwürdigkeit, wie Douglas sie mit Blick auf die westdeutsche »Dokumentation der Vertreibung« aus den 1950er Jahren äußert, insgesamt nicht rechtfertigen lässt.

Eines der fragwürdigsten Kapitel in Douglas’ Buch ist gleich das erste – lapidar Der Planer überschrieben, gemeint ist der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš. Wollte man von der Holocaust-Forschung lernen, dürfte man nicht derart personalisieren, sondern müsste nach verantwortlichen Gruppen und Netzwerken, deren Handlungskontexten und Denkstilen fragen. Douglas bringt denn auch weitere Mitverantwortliche ins Spiel, man erfährt, dass der polnische Exilpremier Sikorski 1942 die Millionen jüdischer Bürger seines Landes nach Kriegsende zwangsaussiedeln wollte. Beneš erscheint so doch als das, was er war: ein wichtiger, aber weder einziger noch entscheidender »Planer« der Vertreibung. Ein grundlegendes Manko aber ist die Voraussetzungslosigkeit, mit der Douglas diese Planungen des Zweiten Weltkrieges präsentiert. Erst im dritten Kapitel (Der Plan) erfährt der Leser beiläufig und skizzenhaft ein Minimum an Vorgeschichte, namentlich über den Balkan, den Ersten Weltkrieg und den griechisch-türkischen Zwangstransfer von 1923.

Lobend hervorzuheben sind andere Kapitel des Buches, etwa der Abschnitt über Die Lager, der das System der Internierungslager für Deutsche und dessen gesamtosteuropäische Dimension eindringlich verdeutlicht. Dabei macht Douglas klar, dass es »keine stichhaltige Parallele selbst zwischen den schlimmsten Nachkriegslagern und den deutschen KZ der Kriegszeit« mit ihrer Massenmordpolitik gibt. Dennoch hält er es für wichtig, auch diese anders gearteten, aber ihrerseits »massenhafte(n) Menschenrechtsverletzungen« der Sieger offen zu benennen: »Mit Ausnahme der Kriegsjahre hatte Europa westlich der UdSSR niemals ein so gewaltiges Ausmaß willkürlicher Internierung erlebt, bei dem Zehntausende von Menschen, darunter viele Kinder, starben.«

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Es ist kein Tabu, sondern ein unwillkommenes Thema

aber zweifellos sind die Reaktionen manchmal geradezu allergisch.

Ansonsten läuft die Diskussion seit 1945, und wird auch weitergehen, bis auch dieses dunkle Kapitel des 2. Weltkriegs "historisiert" ist, ein Epilog des Krieges, welcher im Grunde eben nicht 1945 endete, sondern erst einige Jahre später.

Allerdings wäre es gut, wenn einmal ein Gesamt-Panorama der entscheidend durch Stalins Sowjetunion angetriebenen Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen im damals entstehenden Ostblock geschrieben würde.

Denn die Zwangsumsiedlungen im neuen polnisch-ukrainischen
Grenzgebiet, die Deportationen vieler Balten nach Sibirien verdienen natürlich dieselbe Aufmerksamkeit.

Auch das Schicksal der im Kaliningradskij Oblast (Nord-Ostpreussen) nach 1945 verbliebenen Deutschen, von denen viele nicht überlebten, würde etwas mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Allerdings würden bei solchen Untersuchungen einige bis heute gepflegte Lebenslügen zu Bruch gehen.

Und natürlich hat das böse Vorbild bis ins ehemalige Jugoslawien der 90er Jahre fortgewirkt.

Vielleicht wird ja eines Tages sogar die Intiative von Steinbach und Glotz für das "Zentrum gegen Vertreibungen" doch noch Anerkennung finden, wer weiss?

@3 th: Sowj. Vertreibung und Zangsumsiedlung

Sie schreiben: "Allerdings wäre es gut, wenn einmal ein Gesamt-Panorama der entscheidend durch Stalins Sowjetunion angetriebenen Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen im damals entstehenden Ostblock geschrieben würde."

Norman Davies: Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945
Droemer 2009

bringt dazu im gewählten Rahmen des Krieges einen ausführlichen Überblick. Er beschreibt sehr offen das stalin'sche Terrorsystem und betrachtet den Krieg aus einer bisher unüblichen Perspektive.

Tabu? Um es noch einmal deutlich zu sagen -

es war im Westen niemals ein Tabu.

Zum "Tabu" wurde es nur für gewisse Zeitgenossen, die merkwürdige "linke" Eiertänze aufführten und meinten, sie müßten irgendwie "die Welt neu interpretieren, statt sie zu verändern" (wer's noch nicht weiss: dies ist ein abgewandeltes Zitat).

Dem Rest der Menschheit war es, falls nicht selbst betroffen, einfach relativ egal. In den betroffenen Familien jedoch wurde soviel davon erzählt, dass die Jugend nichts mehr davon hören wollte, und deshalb zu den diversen linken Gruppen überlief, wo sie ungestört den Mythos vom realen Sozialismus pflegen konnten.

Allerdings meine ich, dass es zu den Zeiten, als man noch öffentlich von den Vertreibungen sprach, in der Bundesrepublik mehr Verständnis für Flüchtlinge aus anderen Ländern gab: viele Menschen konnten sich aus eigener Erfahrung in die Lage der "Asylanten" versetzen.

So hielt auch der Artikel im GG über das Asyl so lange, bis die Wiedervereinigung kam, die endgültige Anerkennung der heutigen deutschen Grenzen, und der jugoslawische Bürgerkrieg.

Seitdem wollen viele dieses Kapitel am liebsten unter den Tisch kehren.

Die SPD ging sogar so weit, ihren ersten Nachkriegsvorsitzenden, Kurt Schumacher, der immerhin im KZ gesessen hatte, aber leider ein Patriot war, und ausserdem aus Kulm in Westpreussen stammte, diesen grossen Politiker aus ihrer "Liste grosser Sozialdemokraten" zu streichen.

Das war alles politische Überanpassung - aber ein "Tabu" gab es eigentlich nicht.

Tabu oder nicht

Was Sie schreiben, kann ich gut nachvollziehen. Ich denke aber, dass es noch eine andere Komponente gibt, die dazu beigetragen hat, dass die meisten von der Vertreibung und den Vertriebenen nichts mehr hören wollten, und das sind die Vertriebenenverbände selbst, die in der Bundesrepublik durchaus eine gewisse Popularität hatten. Da deren Repräsentanten praktisch alle aus einer revanchistischen Ecke stammten, haben sie das Thema öffentlich gemacht (daher würde ich sagen, es war nicht tabu), aber so stark besetzt, dass für leisere Stimmen kein Platz war. Entweder jemand ging, möglichst in Tracht, zum Heimatvertriebenentreffen seiner Landsmannschaft, auf der antipolnische, antitschechische, antirussische Reden geschwungen wurden, in denen die Ursache der Vertreibung verschwiegen wurde, oder er/sie schwieg zum Teil auch deshalb, um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden.

@22 Thomas P.: Privat und öffentlich

Sie schreiben: Und ich bin dennoch der Meinung es war ein Tabu."

Ich meine, hier sei zu unterscheiden zwischen "privat" (familiär) und "öffentlich".

Ein öffentliches Tabu gab es nicht. Seit Ende der 1940er waren diese Frage Thema und wurden auch öffentlich diskutiert, mit unterschiedlicher Akzentuierung je nach Interessenlage der Beteiligten. Allerdings war der Widerstand erheblich, die historischen Fakten in ihrer ganzen Brutalität wahrzunehmen. Erste englsichsprachliche Veröffentlichungen dazu gab es schon 1946.

Im privaten Bereich aber war es vielfach ein Tabu. Welche Mutter, Schwester, Tante ... wollte denn ihrem Sohn ... erzählen, dass sie vergewaltigt worden sei? Und welcher Sohn ... wollte das wirklich so genau wissen?

Es gab ja nicht nur die teilweises bestialisch durchgeführten Massenvergewaltigungen von Frauen im Osten durch die Sowjetarmee, sondern in erheblicher Anzahl auch durch die Allierten im Westen und selbstverständlich auch durch deutsche Soldaten, wobei man durch Einrichtung so genannter 'Wehrmachtsbordelle' einigermaßen erfolgreich dem entgegenzusteuern versuchten. In dem erwähnten Buch widmet Davies dem Thema einen eigenen Abschnitt "Vergewaltigung" (S. 556-562)

/Zitat
Während des abschließenden Vorstoßes der Westallierten nach Deutschland im Jahr 1945 musste der Kriegsgerichtsrat der US-Armee sich mit fünfhundert Vergewaltigungsfällen pro Woche befassen. (557)
Zitat/