Biografie: Der Heimatlose
Wer war Rainer Werner Fassbinder? Dreißig Jahre nach dem Tod des großen Filmemachers erscheint eine erste Biografie.
An Ambitionen herrscht kein Mangel. Der Untertitel verspricht »die erste unabhängige, gründlich recherchierte Biographie« (Info des Verlags) von Rainer Werner Fassbinder. Kein einfaches Unterfangen, knapp 30 Jahre nach seinem Tod. Schon zu Lebzeiten des Filmemachers kursierten Gerüchte, Mutmaßungen und Klatschgeschichten; Ungenauigkeiten und Halbwahrheiten wurden kolportiert, zu denen auch er selbst beigetragen hatte – bis hin zu einem falschen Geburtsjahr. Lässt sich das durch postume Recherchen kompensieren? Jürgen Trimborn hat es versucht; er hat schon Bücher über Leni Riefenstahl, Arno Breker, Hildegard Knef, Romy Schneider und Rudi Carrell verfasst, er ist ein erfahrener Autor, emsig bis zur Sammelwut. Davon zeugen schon 1085 Fußnoten dieser Biografie.
Trimborn hat in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen geforscht, Filme über Fassbinder angesehen und Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern des Filmemachers geführt. Manches Zitat kommt nur aus zweiter, dritter Hand, wie dieses größenwahnsinnige von Fassbinder: »Ich möchte für das Kino sein, was Shakespeare für das Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war.« Quellenangabe: »Ballhaus zitiert nach Robert Fischers Dokumentarfilm Das Kino und sein Double.«
Irgendwann dürfte Trimborn das Material über den Kopf gewachsen sein. Nur so ist es zu erklären, dass er ab und zu übersehen hat, eine Quelle zu benennen, dass er zum Beispiel den Filmproduzenten Horst Wendlandt mit dem Schlagersänger Gerhard Wendland verwechselt und fälschlich behauptet, Fassbinder habe in Liebe ist kälter als der Tod sein Leinwanddebüt gegeben. Douglas Sirk wurde nicht, wie Trimborn meint, als Detlef Sirk, sondern als Detlef Sierck geboren. Die Behauptung, Karlheinz Böhm sei von 1960 an, bis zu den Auftritten bei Fassbinder, in Deutschland für keinen Film engagiert worden, stimmt so nicht. Unter der angestauten Überfülle weiß Trimborn mitunter einige Seiten später nicht mehr genau, was er schon geschrieben hat. Der unsinnigen Behauptung, Fassbinder habe »im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern des Neuen Deutschen Films nie Filme am Publikum vorbei« gedreht, folgt im Zusammenhang mit Filmen wie In einem Jahr mit 13 Monden die Richtigstellung.
Trimborn, Jahrgang 1971, hat ein Handicap. Er kennt die Zeiten, von denen er berichtet, nicht aus eigener Anschauung, er musste dem retrospektiven Blick seiner Zeugen und dem Angelesenen vertrauen. Umso mehr fühlt er sich verpflichtet, die Bedeutung des Filmemachers zu betonen: Fassbinder, so Trimborn, »verlieh dem deutschen Kino zum ersten Mal seit Jahrzehnten Weltgeltung«. Das ist so oberflächlich wie die Behauptung, Fassbinder »gab dem deutschen Kino erstmals seit Kriegsende wieder ein Starsystem« – als ob das deutsche Kino der fünfziger Jahre nicht gerade auch an seinem Starsystem erstickt wäre. Die mangelnde Vertrautheit mit der jüngeren deutschen Filmgeschichte führt dann auch zu absurden Hinweisen wie den auf die Filmbewertungsstelle, die Fassbinders Katzelmacher die Prädikate »künstlerisch beachtlich« und »gehaltlich diskussionswürdig« verliehen habe. Solche Prädikate gab es dort nie!
Trimborn attestiert Fassbinder, einige Schauspieler zum Starstatus geführt zu haben. Als Beispiele führt er auch Armin Mueller-Stahl und Irm Hermann an. Doch Mueller-Stahl war längst vorher ein Star. Und Irm Hermann? Ist sie ein »Star«? Die Formulierung »Fassbinder machte zahlreiche Stars« verweist auf ein weiteres Problem: Der Autor hat erkennbare Mühen beim Formulieren, streckenweise ist das Buch unbeholfen geschrieben. Fassbinder habe »nach den menschlichen Abgründen geschürft«, notiert Trimborn etwa und merkt zu Berlin Alexanderplatz an: »Bei seiner Verfilmung hielt Fassbinder sich streng an die Chronologie der Romanereignisse, wobei er die Haupt- ebenso wie die vielfältigen Nebenereignisse mit großer Sorgfalt berücksichtigte, die Handlung teils aber auch verknappte...« Souverän ist anders.
Manchmal gebärdet sich der Autor als Schulmeister: »Insgesamt macht Lili Marleen einen unausgegorenen Eindruck.« Trimborn handelt jeden Film Fassbinders einzeln ab, Entstehungsgeschichte, Inhaltsangabe, leider auch mit oft Zensuren. Seine Deutungen gehen nie über das Bekannte, oft Geschriebene hinaus. Andernfalls hätte ihm zum Beispiel bei Lili Marleen die autobiografischen Untertöne nicht entgehen dürfen. Fassbinder hat in der Geschichte der Lale Andersen eben auch seine eigene Situation als Künstler reflektiert, der mit seiner Arbeit einem Staat dient, mit dem er sich auf keinen Fall identifizieren will.





an ihn gedacht, herzlichen Dank dafür.
Ganz besonders an ihm fand ich die Eigenschaft Schauspieler zu finden die etwas ganz Besonderes spielen konnten-zumeist sind alle diese Schauspieler heute noch aktiv und sehr erfolgreich, zum Beispiel Armin Müller-Stahl etc.
Also, ähm, souverän ist anders! (ohne jetzt Zensuren verteilen zu wollen...)
Trimborns Bücher sind bekanntermaßen eher Konfektionsware. Einkaufsstraße (nicht Einkaufstraße) / Straßenstrich ist aber nicht nur ein Fehler, sondern vielleicht auch ein versteckter Witz. Eine solche Wahrheit über Konsumgesellschaften drängt langsam in Leserkommentaren wie diesen hier an die Oberfläche, während Diskurs-Spießer sie unterdrücken.
Und hier dann selbst in ein paar Zeilen die unausgegorene Deutung entwickeln zu wollen: „Fassbinder hat in der Geschichte der Lale Andersen eben auch seine eigene Situation als Künstler reflektiert, der mit seiner Arbeit einem Staat dient, mit dem er sich auf keinen Fall identifizieren will.“ ... schießt imho auch knapp daneben. Wo hat Fassbinder denn jemals ‚dem Staat gedient‘? Oder ist das nur des Unsinns nächste Potenz? Sich die Aussage über Filmstars zu vergegenwärtigen, die in dieser Deutung Pflaums angelegt ist, geht über das hier offiziell Erlaubte wohl schon wieder hinaus. Und sie liegt näher, wenn der weibliche Fassbinder-Star den weiblichen Nazi-Star spielt. Da ist die Metapher stimmig. Will der Autor dieser Rezension selbst seine Leser daran hindern, so klar zu denken?
Leider muss man auch über das bisher zu Fassbinder Veröffentlichte meist sagen: „Seine Deutungen gehen nie über das Bekannte, oft Geschriebene hinaus.“ Vielleicht hilft Ihnen dies: http://www.filmdenken.de/...
Aber schweigen Sie bitte darüber!
...kommende Woche, Montag/Dienstag (18./19.06.) ist Fassbinder-Abend auf "arteTV". Absolut empfehlenswert.
Allen noch ein schönes Wochenende.
Trimborn-Biographien sind die Regenbogenpresse der "Starvermarktungsbranche". Mir hat seine Hildegard-Knef-Biographie gereicht, eine Hassorgie sondersgleichen gespickt mit zahllosen wüsten, aber falschen Spekulationen und z. T. basierend auf geradezu lächerlichen Quellen wie etwas Frauenzeitschriften der 60er Jahre gewürzt mit Küchenpsychologie und ständig auf den Neidfaktor bauend. Seine Fassbinderbuch werde ich mir keineswegs antun. Übrigens hat er auch über Heesters eine Biographie geschrieben, den er persönlich treffen durfte und von dieser "Ehre" so gebauchpinselt war, dass er Heester's empörenden Auftritt im KZ Dachau völlig relativierte bzw. negierte. Wer Fassbinder aus erster Quelle nachempfinden möchte, dem empfehle ich Rosa von Praunheims Film "die glücklichen Opfer des Rainer Werner F.".
Um Fassbinder zu verstehen bedarf es keiner mit über 1000 Fußnoten versehenen Biographie. Manche Menschen erschließen sich dem Betrachter nur durch die unmittelbare Anschauung - eben mittels eines Films.
Hierzu empfehle ich „Faustrecht der Freiheit“. Die ganze Widersprüchlichkeit, Unsicherheit aber auch das Charisma dieses Mannes kommen darin zum Vorschein.
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