Zwischen Leben und Tod liegt oft nur ein Augenblick. Susanne Stiegler* erlebte ihn in der neunten Schwangerschaftswoche. Plötzlich traten bei ihr Blutungen auf, leichte zwar, aber dennoch beunruhigende. Bald wurde aus dem Verdacht traurige Gewissheit: Diagnose Fehlgeburt. In der Klinik sagte man ihr, sie müsse eine Ausschabung vornehmen lassen. Sie sträubte sich. "Ich würde lieber warten", sagte sie den Ärzten. Am nächsten Morgen wurde sie dann doch operiert. Die Blutungen, so hieß es, seien zu stark gewesen.

Im ersten Moment war sie überrumpelt, ließ den Eingriff geschehen. Doch dann kam die Wut in ihr hoch. Weder sei mit ihr über alternative Behandlungsmethoden gesprochen worden, noch habe man ihre Weigerung, sich operieren zu lassen, ernst genommen, ärgert sich Stiegler. Sie habe das Gefühl gehabt, von den Ärzten regelrecht in den Operationssaal "gezerrt" worden zu sein, erzählt sie. In einem Gerichtsverfahren lässt sie derzeit klären, ob der operative Eingriff wirklich nötig war oder ob ein alternatives Vorgehen nicht sinnvoller gewesen wäre.

Der Prozess mag ein Extremfall sein; doch ein Einzelfall ist Stieglers Erlebnis nicht. Fast jede fünfte Schwangerschaft endet in einem Abort. Und oft fühlen sich Frauen nach einer Fehlgeburt missverstanden und schlecht behandelt. In einschlägigen Internetforen kochen deshalb die Emotionen hoch. Neben Kritik an der Ausschabung wird dort die Klage laut, es fehle an Aufklärung über Alternativen.

Schützenhilfe bekommen die Frauen inzwischen von vielen Gynäkologen. Unter ihnen wächst die Einsicht, dass die Alternativen zur sogenannten Kürettage oft besser sind. Der Körper kann eine Fehlgeburt auf natürlichem Wege "abstoßen" oder Ärzte leiten diesen Prozess durch Medikamente ein – die so genannte konservative Therapie. "Es ist von der Natur so gut eingerichtet, dass es auch ohne Operation geht. Würde das nicht funktionieren, hätte die Menschheit erst gar nicht überlebt", sagt Heribert Kentenich, ehemaliger Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der DRK Kliniken Berlin. Ähnlich sieht es Frank Reister, Sektionsleiter der Geburtshilfe an der Frauenklinik Ulm: "Gar nichts tun ist meist der Königsweg." Mit fortschrittlicher Überwachungstechnik könne man mögliche Komplikationen sicher ausschließen. Die belastende Ausschabung wäre damit überflüssig.

Dennoch würden viele Frauen gar nicht erst vor die Wahl gestellt, kritisiert Franz Kainer, Leiter des Perinatalzentrums an der Frauenklinik der LMU München. "Dabei ist die konservative Methode bei einer frühen Fehlgeburt meist sicherer als die Ausschabung." Kainer ist überzeugt: In den nächsten Jahren werde sich immer mehr herausstellen, dass eine Ausschabung nicht erforderlich ist. Viele Mediziner wüssten das auch. "Nur leider hapert es an der allgemeinen Umsetzung dieses Wissens."

In der Tat: Zwar sehen mehr und mehr Mediziner den operativen Eingriff als überholt an. Dennoch gilt die Kürettage in Lehrbüchern und vor allem in Belegkrankenhäusern noch immer als Standard. Diese konventionelle Meinung lässt sich auch in dem schriftlichen Gutachten jenes Gynäkologen nachlesen, der zur Beurteilung des Falles Stiegler herangezogen wurde. "Es entspricht grundsätzlich in deutschen Kliniken nicht dem üblichen Vorgehen, bei inkomplettem Abort in jedem Fall die beiden alternativen Methoden anzusprechen", heißt es da. Auch an seiner Klinik, so schreibt der Gutachter weiter, werde nicht über das alternative Verfahren aufgeklärt. Die Behandlung einer Fehlgeburt sei in Deutschland schließlich standardisiert – durch die Kürettage. Das Gericht hat daraufhin Susanne Stiegler nahegelegt, sie möge ihre Klage doch zurückziehen. Sie aber will weiterkämpfen.

Die vorliegenden Studien zum Thema belegen mehrheitlich, dass sowohl die zuwartende als auch die medikamentöse Behandlung vertretbare Alternativen zur Kürettage sind. Zwar haben abwartende Frauen im Schnitt längere und stärkere Blutungen; dafür ist bei jenen Frauen, die sich einer operativen Ausschabung unterziehen, das Risiko einer Infektion größer. Auch kann es zu weiteren Komplikationen kommen, wie etwa einer Verletzung der Gebärmutterwand, einer Insuffizienz des Gebärmutterhalses oder der Beschädigung der Gebärmutterschleimhaut.